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roughbooks - Raumzeitdiskontinuum

Hamburg

Als roughbook 021 ist im März dieses Jahres Bruno Steigers Prosasammlung „Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl“ erschienen. Ein Prosaereignis, möchte ich sagen, oder etwas abgeschwächt, ein Prosaereignis für mich. Ich bin seit einiger Zeit auf der Suche nach Texten, oder bescheidener, nach einem Text, der mich bezüglich der Prosa wieder einen gewissen Mut schöpfen lässt. Denn das im Zuge des neuen Erzählens um die Jahrtausendwende entstandene WG-Küchenlatein und die Prosa der Berliner Republik haben mich zuweilen ein wenig verzweifeln lassen. Es ist für  mich also kein Wunder, dass die Prosaerlebnisse des letzten Jahres, die ich als solche bezeichnen kann, in engem Zusammenhang mit den Schweizer Alpen stehen, also in einiger Entfernung von Fernsehturm und Mauerpark entstanden.

Das eine Buch, über das ich an dieser Stelle bereits geschrieben habe, heißt „Firn“. Es sei hier am Rande erwähnt, weil ich ein wenig die Befürchtung habe, es könnte in der Masse der Neuerscheinungen untergehen. Das andere ist eben jenes roughbook 021 des Schweizers Bruno Steiger. Der Autor, Essayist und Kritiker ist 1946 in Zürich geboren und hat eine Reihe an Büchern vorgelegt. Zuletzt sind bei Urs Engeler die Bände „Das Fenster in der Luft. Aufzeichnungen“ und „Zwischen Unorten. Über Literatur und Kunst“ erschienen

Das hier zu besprechende Buch enthält unter anderem das vierzehnteilige Prosastück „Bernhardinerinnen“ welches den Leser geradewegs mit dem Zug in die Hochalpen führt und in ein Spiel aus Terminologie und Fiktion verstrickt. Bezeichnend für jenen Randlauf vielleicht das Anführen von möglichen Namen von Lawinen und auch von Namen der möglichen Opfer. Vor allem das Futterverhalten macht Eindruck:

„- und sie fressen, statt aus dem obligaten Napf, aus einem ovalen Holzeimer, der an zwei Stricken aufgehängt ist. … Sind die Stricke ausnahmsweise zu kurz, senkt sich der Ballon, und der Eimer wird unverzüglich hochgezogen.“ Vielleicht kann man von den urbanen Geheimnissen der Hochebene sprechen."

Das Buch erinnert mich in vielerlei Hinsicht an Kafka, nicht weil ich ein besonderer Kafkakenner wäre, und auch nicht, weil eigentlich alle sich experimentell gebende Literatur an Kafka erinnert, sofern es sich um Prosa handelt, nein, Steigers Band erinnert mich an einen bestimmten Kafkatext. „Beim Bau der chinesischen Mauer“ heißt er und er gab dem ersten Band der von Brod herausgegebenen Texte aus dem Nachlass den Titel. Für mich selbst hat er eine ganz besondere Bedeutung, weil es der erste Kafkatext war, den ich las und er sich entsprechend in mein Gedächtnis eingegraben hat.

Dass Steigers Prosabuch mich an jenen Text erinnert, hat eine strukturelle Bewandtnis. In jenem findet sich nämlich eine Anzahl von Texten, die aufeinander Bezug nehmen, ohne dass sie in einer Reihung ständen. Sie tragen Titel wie: „Um eine Erzählung I“, oder „Um eine Erzählung III“ oder Idee einer Löschung. Alle diese Prosafragmente paraphrasieren den Text:  Die Musik der Erich Zahn von H.P. Lovecraft, den ich bei dieser Gelegenheit noch einmal las, und den ich als derart beunruhigend schön gar nicht in Erinnerung hatte.

Und wenn Kafka in der erwähnten Erzählung über die Errichtung der Grenzbefestigung beschreibt, wie die große Mauer an den verschiedensten Stellen des Reiches zu bauen begonnen wurde, und wie sie sich schließlich zu einem Ganzen fügte, so beginnt Steiger im Text, ihn an den verschiedensten Stellen zu dekonstruieren und gleichzeitig auch das Verhältnis von Erzähler und Leser, was nach Coleridge auf einer stillschweigenden Übereinkunft basiert, nämlich der „suspension of disbelief“. Aber „wie es scheint suspendieren wir unsere Ungläubigkeit, wenn wir fiktive Geschichten lesen, nur in Bezug auf einige Dinge, und nicht auf andere. Was hier, in meinem Text, eher trocken theoretisch daherkommt, spielt Steiger in seinem auf lustvollste Art und Weise durch. Allein wie er damit umgeht, dass der Erzähler im Original, den Handlungsort nicht wiederfindet, ist ein Fest. Man wird gewissermaßen durch eine Kartenwelt geschickt, deren papierne Realität eine Gleichzeitigkeit von Wüste und Meer, von Ebbe und Flut möglich macht. Und damit nicht genug, auch die Zeit wird gehörig durcheinander gewürfelt.

Blandot, der Hausmeister in Lovecrafts Originaltext, überreicht  dem Icherzähler eine Kiste mit Büchern, die unter anderem auch Majakowski und Kästner enthält. Außerdem ist im Text von Musik die Rede, die von Bartok, Weber und Cage geschrieben wurde, ein turbulenter Mix also, der durch die Mauern dringt, ein Cocktail aus Bestandteilen der klassischen Moderne und beginnenden Postmoderne.

Entsprechend vielgestaltig und rasant ist auch die Lektüre. „“Man sollte Umberto Eco informieren“, sagte Blandot,“ heißt es irgendwo im Text, „und er war wirklich erleichtert, als ich ihm eröffnete, dass ich den notwendigen Brief an den italienischen Semiotiker bereits geschrieben, und auch schon Antwort erhalten hätte.“

Bruno Steiger
Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl
roughbooks
2012 · 198 Seiten · 12,70 Euro

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