Kritik

Großartige Dichtung, großartig inszeniert.

Auf EINE OLIVE DES NICHTS präsentiert Burkhard Reinartz Philippe Jaccottet, Adam Zagajewski und Tomas Tranströmer.
Hamburg

Die Rezensenten dieser CD, die sich im Untertitel (7 ca. 11-minütige) „Klangbilder” nennt, überschlagen sich fast vor Begeisterung, so Amazon-Kunde Lotaro und in der Jazz-Zeitung Thomas J. Krebs. Die akustischen Qualitäten und die gewählte Musik wissen sie besser zu würdigen als ich; mir liegt mehr die Begutachtung der Literatur.

In der Tat ist die Scheibe eine Wohltat für genussfähige ZuhörerInnen. Burkhard Reinartz, ein bekannter Kölner Radioregisseur, hat darauf eindrucksvolle Texte von Adam Zagajewski (*1945), Tomas Tranströmer (1931-2015) und Philippe Jaccottet (*1925) mit – laienhaft ausgedrückt: – abstrakter Musik gemischt, die die Dichterworte mit Respekt und Einfühlungsmögen mehr interludieren und unterstreichen als sie zu illustrieren, wie das oft mit kläglichem Ergebnis geschieht. Hier folgt kein Klangbombast auf die gelesenen Texte, noch findet schulmeisterliche Dramatisierung statt, um den mit Gehör und Verstand ausgelieferten Menschen gewaltsam auf eine bestimmte Lesart einzuschwören.

Der vom Regisseur geschaffene Klangteppich aus Gesprochenem und Hineingemischtem enthält neben Liedzeilen und von einzelnen Instrumenten vorgebrachten Melodien auch Geräusche wie Rauschen. Ja selbst Geräuschenthaltung – um nicht zu sagen: Klangfreiheit – hält her zum Effekt.

Die Musik ist zur Gänze aus Aufnahmen des Avantgarde-Labels ECM von Manfred Eicher ausgewählt, dessen Motto lautet: "The most beautiful sound next to silence". So sind auf dieser Platte folgende Musikmacher vertreten: Eivind Aarset, Susanne Abbuehl, Jon Balke, Nik Bärtsch's Ronin, Stefano Battaglia Trio, Wolfert Brederode Quartet, Ketil Bjørnstad, David Darling, Andrey Dergatchev, Mathias Eick, Sidsel Endresen, Morton Feldman, Food, Michael Galasso, Paul Giger, Arve Henriksen, Benedict Jahnel Trio, Meredith Monk, Arvo Pärt, Michele Rabbia, Trygve Seim, Steve Tibbetts, Tomasz Stanko, Bobo Stenson Trio, Tarkovsky Quartet, Stevan Kovacs Tickmayer, Christian Wallumrød Ensemble. 

Tatsächlich kann das Hörerlebnis so leise werden, dass man sich für das Einlassen auf dieses angenehme Ereignis wirklich frei nehmen sollte.

Die Stimmen gehören den bekannten Sprechern bzw. Schauspielern Anja Lais und Bruno Winzen. Auch Regisseur Burkhard Reinartz liest Texte. Mir gefallen die Originalstimmen von Zagajewski und Jaccottet am besten, die aus deutschen Versionen ihrer Gedichte rezitieren, Zagajewski auch englisch, und ihren angestammten Sprachen Polnisch und Französisch. Schade, dass Tranströmer nicht auch zu hören ist, man sehnt sich geradezu auch nach dem Klang des Schwedischen.

Die Verbindung, die Texte und Musik hier eingehen, ist in zweiter Linie der Mischkunst von Reinartz zu verdanken, in erster Linie seiner Auswahl an Texten, deren tiefes Verständnis allen Klangbild-Kompositionen vorausgegangen ist.

Die Themen stellen durchaus das gemeinsame Herzblut der drei Dichter vor: In den sechs Stücken – das siebente Klangbild vereint noch einmal Elemente der vorangegangenen sechs – geht es um die Unabdinglichkeit des Reisens für einen Dichtenden, um Sinn und Wesen des Beobachtens der Wirklichkeit und die hohe poetische Aufgabe, Erkanntes in höchstmöglicher Präzision wiederzugeben. Dieselbe aufmerksamte Genauigkeit bewahrt den Dichter, in der Freiheit, die er sich nimmt, den Verstand zu verlieren, d.h. den Boden des mit Sprache Äußerbaren unter den Füßen seiner Verse.

Wozu schreiben? Reinartz greift bei seiner Text-Auswahl hoch zur Sinnfrage des Sprachkünstlers. Antworten aller drei Dichter webt er in sein Hörspiel, ohne dabei unterscheiden zu lassen, von wem welche stammt.

Erleuchtungsmomente, heißt es da, ereilen Dichtende oft in Flugzeugen, denn hier werden Ort und Dimension gewechselt – in einem physischen Zustand, worin die Regeln der Natur außer Kraft gesetzt scheinen. Mithin ein Grund, warum Dichtende Reisende werden.

Noch ein Thema, das sich durch die Textauswahl zieht: Worin besteht nun der Unterschied zwischen Philosophie und Dichtung? Zagajewski sagt: Poetische Splitter sind zu mehr fähig als Philosophien. Philippe Jaccottet findet eine Antwort mit: „Jedesmal, wenn sich eine Blume öffnet, öffnet sich auch mein Blick [...] am besten, man übersetzt sie in ein kleines Gedicht.” – Die Antworten fallen einander in die Worte, wer was meint, lässt sich manchmal an den Stimmen unterscheiden;  es sei denn, man ist ein profunder Kenner wenigstens wenigstens von einem. Reinartz hat wohl beabsichtigt, dass die Geistesverwandtschaft der drei – stellvertretend für alle ernsthaft Dichtenden – als solche erfahren wird. Denn auch aus dem Booklet geht nicht hervor, was nun von wem stammt und wann wer das Wort vom andern übernimmt:

Dichtung, die dem standhält, dass man ihr in Sein und Sinn auf den Grund geht, hat eine Stimme. Gedichte seien (sagt hier Zagajewski) „wie kleine Laternen, an denen noch der Widerschein eines anderen Gedichts glüht...”.

Die Materie, an der Dichtung sich abarbeitet, enthält nicht nur Erfreuliches. Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, die Shoah, ist freilich in den Nachgeborenen präsent. In jedem Hotelzimmer, in dem ein reisender Dichter seinen Schreibtisch aufschlägt, wartet sie schon – wie die Bibel im Nachttisch.

Und, nicht zuletzt, quod erat demonstrandum: Was kann Musik, was dem Gedicht versagt ist und umgekehrt: Musik sei wie Dichtung Sammlung, heißt es, aber aktiver, ihrem Wesen nach: „Musik kommt zu uns als lebensbejahende Kraft, die uns attackiert.”

Doch das keinesfalls, wie Burkhard Reinartz mit dieser großartigen Zusammenstellung bewiesen hat, um in Dichtung hervorgebrachten Gedanken mit musikalischen Mitteln die Show zu stehlen.

Burkard Reinartz
Eine Olive des Nichts
Klangbilder von Burkhard Reinartz
poems / texts from Tomas Tranströmer, Adam Zagajewski and Philippe Jaccottet spoken by: Anja Lais Bruno Winzen Burkhard Reinartz
ECM
17,99 Euro

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