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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

Im Zeitalter der Totalinformation

Hamburg

Unser Gegenüber, „das Andere“, schwindet zugunsten unserer Projektionen; zwischenmenschliche Interaktionen verwandeln sich zunehmend in masturbatorische Akte. Der Eros verkümmert, denn „ohne Risiko gibt es nur Porno“. Soweit Byung-Chul Hans düstere Zeitgeistdiagnose.

Unglaublich produktiv (jedes Jahr durchschnittlich zwei Publikationen) und medienwirksam (Fernsehauftritte bei 3Sat) verkündet er seine konsequent kulturpessimistische Botschaft, nicht nur in Werken wie „Transparenzgesellschaft“ und „Agonie des Eros“, sondern auch in seinen stets gut besuchten Vorlesungen an der UdK Berlin. Ein bisschen muss sich dieser Philosoph, der so gerne gegen Leistungsdruck und Selbstausbeutung wettert, dabei auch selbst aufreiben. Aber man kommt ja auch wirklich kaum hinterher bei der rasanten technologischen Entwicklung, bei der die gerade angepriesenen „Must-Have Gadgets für 2014“ heute schon wieder veraltet erscheinen.

So richtet Han in seinem neuen Essay „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ seinen Blick auf die immer umfassender und gleichzeitig immer unsichtbarer werdende Vernetzung der Welt. Hans Themen sind nicht neu, und lassen sich doch wunderbar anhand von Facebook, Twitter, Smartphones und Google Glass durchexerzieren. Die Silicon-Valley-Vision von der Komplettdurchdringung der Welt mit digitalen Medien zieht er als besten Beweis dafür heran, wie unsere vermeintliche Freiheit letztendlich in Zwang und Kontrolle münden wird.

Wer sich viel auf Plattformen wie Facebook oder Blogs bewegt, wird die von Han angeprangerte „pornografische Ausstellung der Intimität und Privatsphäre“ wahrscheinlich müde abnicken. Doch sind misslungene Selfies, permanent selbstbespiegelnde Statusmeldungen, Urlaubs-, Baby- und Katzenbilder nicht nur nervig, sondern lassen laut Han auch die Wahrnehmung abstumpfen. Die „ungefilterte Informationsmasse“, die tagtäglich auf uns einströmt, führe zu einer Lähmung der analytischen Fähigkeiten, zu einer Dominanz von Flüchtigkeit und Gleichzeitigkeit, die „das Lange und das Langsame“ ausblendet. Was heute zählt, sei das Additive, nicht mehr die Narration. Selbstoptimierer vergleichen auf sozialen Plattformen ihre Leistungen, Freunde werden in den entsprechenden Listen akkumuliert, Zuneigung und Beliebtheit an der Anzahl der Likes abgelesen. Dies sind schleichende und größtenteils unbewusste Prozesse, die nicht nur den virtuellen Raum beherrschen und steuern, sondern unsere gesamte Kommunikation, Interaktion und Denkweise beeinflussen. „Das lückenlose Gefällt-mir erzeugt einen Raum der Positivität“, postuliert Han, und dieser geglättete Raum tilge langsam aber sicher den Wert des Geheimnisses, die Fähigkeit zur Geduld, das Aushalten jeder Form von Negativität. Zudem, so Han, beschleunigen und begünstigen Gadgets wie mobiles Internet die Selbstausbeutung – denn wir tragen nun den Arbeitsplatz direkt am (vielleicht sogar bald im) Körper mit uns herum. Was anfangs mehr Freiheit versprach, bringt letztendlichen einen erhöhten Druck zur ständigen Erreichbarkeit, Kommunikation und Selbstrepräsentation mit sich. Ganz zu schweigen von den sich daraus ergebenden Überwachungsmöglichkeiten, gegen die der NSA-Spionageskandal wie eine dilettantische Fingerübung erscheint.

Natürlich lässt sich zu beinahe jedem von Han angeführten Argumenten ein Gegenargument finden: Ist das Pornografische, die totale Transparenz, der krankmachende Informations-Overload ein inhärenter Teil des Digitalen, oder doch eher eine Sache der Art und Häufigkeit seiner Verwendung?

Auch dürfte an der „symmetrischen Kommunikation“, die jeden User zum Sender und Empfänger, zum Konsumenten und Produzenten macht, zunächst einmal nichts einzuwenden sein – außer vielleicht das Problem der ungefilterten Massen an Müllinformation. Durch die von Han kritisierte „Entmediatisierung“ können heute prinzipiell auch Stimmen gehört werden, die früher gar nicht die Chance gehabt hätten, sich zu verbreiten. Dass die derzeit vorherrschende Gefällt-mir-Kultur faktisch auf eine neue Art von Konformismus hinausläuft, steht auf einem anderen Blatt. Auch die Auflösung asymmetrischer Machtbeziehungen könnte positiv gewertet werden. Doch anstatt sich an Phänomenen wie dem zugegebenermaßen zu Tode zitierten (und mittlerweile mythisch verklärten) Einfluss von Facebook auf den Arabischen Frühling abzuarbeiten, lässt Han diese Dialektik einfach außen vor.

Mit seinem ständigen Rückgriff auf kulturpessimistische Klischees (den „allgemeinen Wertezerfall“, das Schwinden der Solidarität …) verbaut Han sich die Chance, gerade von denen gehört zu werden, die die Struktur und Nutzungsweise des Internets heute und in Zukunft verändern könnten. Stattdessen werden ihn viele Digital Natives als nostalgischen Nörgler abtun. Dabei ist Hans Analyse weitsichtiger, als sie sich stellenweise liest.

Smartphones, Twitter, Facebook, und – als Kulmination – Google Glass leiten „das Zeitalter der Totalinformation“ ein, diagnostiziert Han. Und mit dieser Warnung liegt er sicher nicht falsch. Nach und nach schwindet nicht nur die Privatsphäre, sondern überhaupt jede Möglichkeit, Überraschungen zu erleben, Neues zu entdecken, Geheimnisse zu bewahren. Stattdessen befördert die Komplettdigitalisierung eine Verengung des Blicks auf leicht verwertbaren (zählbaren) Content. Endergebnis: „Was keine Information ist, ist nicht.“

Während die Google-Glass-Entwickler versprechen, die störende Technik aus dem Alltag zu entfernen, wird sie in Wahrheit immer unsichtbarer und damit auch unangreifbarer. Irgendwann wird sie so vollkommen in unsere gesamte Umwelt inklusive des menschlichen Organismus integriert sein, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen. Eine Traumvorstellung der Silicon-Valley-Utopisten, ein Horrorszenario für Byung-Chul Han. Doch was Han prophezeit, ist keine naive Wiederholung von Orwells „1984“, sondern knüpft folgerichtig an seine Überlegungen zur Bedeutung von Freiheit im Neoliberalismus an: „Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus sich mitteilen“, also an dem Punkt, „wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden.“

Byung-Chul Han
Im Schwarm
Ansichten des Digitalen
Matthes & Seitz
2013 · 107 Seiten · 12,80 Euro
ISBN:
978-3-88221-037-8

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