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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Inhalt der Jacke

Hamburg

Buch

„manchmal bin ich schön, wenn der mond blutig aufgeht. / in den taschen trag ich ausgestorbene tiere mit mir herum. / eines tages werde ich auferstehen mit der macht einer wolke.“ Ich bin unterwegs und fühle mich doch am Boden. Was jenseits von mir geschieht, kann verheißungsvoll sein, mein Unterwegssein unterm aufgehenden Mond macht aus mir etwas, wofür ich nicht kann,  Relikte klickern in der Jackentasche wie Kiesel im Wasser, durch das meine Füße streifen. Ich bin am Boden, was gerade jetzt meine Form des Unterwegsseins ist, aber ich bin nicht blind. Ich bin Zeuge, es gibt den Mond und es gibt die Schwere der Taschen. Sehr real ist das Gehen und Sterben. Sie zu einem Ende bringen, die Ammoniten und Flugsaurierknochen, die Dodos und Nebelhasen, dorthin, wohin sie sich by the way legen, herauskullern. Und man luftleicht wird mitsamt seiner Jacke, fähig im Wind zu treiben als Pulk aus Staub und Dampf, von der Sonne in Höhen gerissen, nicht mehr am Boden, nicht mehr schwer, nicht mehr Inhalt der Jacke.

Ein Liebesgedicht eröffnet den Band „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“ von Carl-Christian Elze. Von Liebe ist auch im Weiteren immer wieder die Rede, vom Ich, vom Du.

In einer Art und Weise, die neu ist, weil sie wirklich und unkompliziert enthält, was neu ist. Und nicht davon träumt neu zu sein, weil sie mit neuen Mitteln alte Soßen aufrührt. An vielen Stellen will sie nicht neu sein, sondern so wie sie ist - was dann das Neue daran wäre. Etwas sagen, nicht um mit noch größerer Raffinesse etwas (oft genug nichts) zu sagen, sondern weil es zu sagen poetische Spuren legt vom überhaupt Sagbaren. Was schließlich etwas sehr Privates ist – das Sagbare, albern womöglich und unklar, fragil und amorph und konkret und stabil. Architektur einer persönlichen Sprache – einer in der Person geschehenden Sprache (nicht nur einer in der Sprache geschehenden Person).

Der Zugang, den sich Elze zur Poesie gelegt hat, ist ein sehr sympathischer. Er ist angstfrei und nicht von Strömungen (anderer) beengt. Elze lässt seine Ränder zu, damit bleiben Kanäle offen; Turbulenzen gibt es darin auch, es sind die eigenen. „hier bin ich fern von krummen dingen im kopf / hier bin ich fast geglückt, hier will ich bleiben.“ Fern von Weichen und Barrieren, fast geglückt, was viel mehr heißt als „glücklich“ - wunderbare einfache Sätze. Die nicht sagen wie, sondern deren Sagen das Wie bereits darstellt. Ich habe hier mich und so sieht es aus mit diesem Ich und dir in unsrer Lebenszeit. Eine Direktheit, die wir sonst vermissen in der selbstverliebten Eloquenz der Postmoderne.

Ausflug

Fragen, die sich formulieren lassen, sind diese: darf man Poesie in dem entdecken, was man in sich selbst entdeckt? Darf das innere psychische Geschehen nach außen verbracht und Gegenstand der Poesie sein? Oder soll ausschließlich das sprachliche Geschehen, die Chemie des Sprachmaterials Gegenstand der Poesie sein?

Ich möchte beide Antworten zuzulassen. Es ist absolut natürlich, die Sprache auch für das innere Geschehen anzuwenden und versuchen aufzufinden, was überhaupt sich sagen läßt. Dieses Sagen dann in die Hände poetischer Verfahren zu geben, macht Sinn auf eine andere Art und Weise wie sich Sinn aus Sprachexperimentellem erzeugt, aber: es macht eben Sinn und zwar einen Sinn, der die Sprache dort belässt, wo sie natürlicherweise hingehört: nämlich nicht nur in den Transport der Welt außerhalb in uns hinein, auch in den Transport der inneren Welt aus uns heraus. Geschehen in uns ist auch Weltgeschehen, für das Sprache ganz natürlich zuständig ist. Und zwar nicht nur Geschehen, das herbeigesuchtes Sprachmaterial in uns auslöst, sondern auch Geschehen, das von selber und auf eigene Art und Weise in uns spricht. Der Tanz um mehr oder weniger zufällig aufgeworfenes Sprachmaterial um daraus ein Gedicht hervorzubringen ist an sich kein übles Manöver und sieht oft aus wie große Poesie, man ist dabei Nutznießer der Tatsache, daß Sprache „passiert“, aber es ist im Grunde genommen ein Tanz  mit dem eigenen Körper um dahingeworfene Knochen und nichts, das sich aus der Musik des Körpers selbst formuliert, weil er von sich aus bereits Dinge enthält. Wenn man inhaltism verneint, verneint man eine Hälfte der Sprache und große Teile des Inneren des Menschen. Daß Gedichte des eher sprachmateriell ausgerichteten Handwerks als hermetisch gelten und Menschen nicht erreichen, liegt auch daran: mich, als lebenswirklichen Akteur der Gegenwart, interessiert an der Performance rund um kunstvoll herbeigezauberte Knochen nicht, woher die Knochen wohl stammen, aus welchen entlegensten Quellen und ich möchte nicht auf die Knie fallen vor ihrer ach so spannenden Herkunftsgeschichte und exklusiven Beschaffenheit – mich interessiert, ob diese Bewegungen dabei auch den Menschen zeigen und dessen Bemühen eine poetische Form zu finden für das, was ihn im Innern dabei bewegt und ob dieses Bemühen einen kunstvollen Weg geht, womöglich mit den einfachsten und gewöhnlichsten Worten, die es gibt, deren Chemie aber in neuen Kontexten neu funktioniert.

Sprache steht uns zu, auch für Dinge aus unserem Inneren. Es steht uns zu, daß Sprache etwas mit uns macht, aber auch, daß wir etwas mit der Sprache in uns machen.

Die Avantgarde hat, als man die „Innerlichkeit“ der Siebziger ab den Achtzigern zu verteufeln lernte, eigentlich einen Rückschritt gemacht und nur noch eine Hälfte des Sprachzustandes zugelassen. Die andere hat man dem Pop und schließlich dem Slam überlassen, welche beide in ihren besten Phänomenen längst wieder ernstzunehmend in der Dichtung angekommen sind, und umgekehrt: vereinzelt ist auch die Dichtung wieder „im Vollbesitz ihrer Kräfte“, dort wo sie sich gegen veraltete no Gos und der selbstverordneten Diktatur der Form auflehnt, sie schlichtweg ignoriert. Das Innere hat vielleicht Pickel und einen schiefen Zahnstand, aber es ist da und man sollte zulassen, wie es zeitgemäß da ist.

Die wirkliche Veränderung in der Sprechweise der Menschen kann nur das Sagen der veränderten Wirklichkeit sein, das nicht darauf abhebt wie ach so verändert sie Wirklichkeit sagt, sondern wie sie authentisch eigene Wirklichkeit sagt, die nämlich bereits die veränderte Wirklichkeit ist. „Postmoderne“ ist eigentlich nur da wirklich, wo sie sich nicht konstruiert, aufbläst und herumschwebt als Blase, sondern wo sie sich dekonstruiert, nicht mehr „gemacht“ ist, also: ist, wie sie ist.

Motto

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat aus einem Gespräch von Robert Walser mit Carl Seelig am 9. April 1945:  Finden sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfindung jedem Gedicht seinen Herzschlag?

Carl-Christian Elze
Ich lebe in einem Wasserturm am Meer, was albern ist
Luxbooks
2012 · 120 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-939557-69-2

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