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Kritik

Anspruchsvoll/störend

Carolin Callies‘ Phänonomenologie der Sinne
Hamburg

Gedichte müssen nicht gefallen, sie sollten bewegen! Das sagt sich so leicht, wenn es um Emotion, Gedanken, um Geschichte geht. Aber wie ist es mit Spucke, Schweiß, Urin und sonstigem Glibber?

Wie gut, dass es auch andere Stimmen geben wird. Auf dass dem Lyrik-Debutband von Carolin Callies viel gradliniger, gehäufter und uneingeschränkter ein wohlwollende Aufnahme zukommen kann, als mir möglich ist. Denn eigentlich ist gar nichts auszusetzen: sowohl was die Dichte der Gedanken und Beobachtungen angeht, die Klangtiefe und -vielfalt der Verse (der Humor, der Ernst, die Selbstironie) als auch bezogen auf den  Anregungs- und Überraschungsreichtum der Sprache, immer dem eigentlichen, dem untergründigem, einem alten Wort-laut nachspürend. Da könnte ich sogar von „begeisternd“ sprechen.

Und doch: bis zum Gefallen reicht es nicht. Das wird wohl, so ungern ich es hier zugebe, eher an mir und meiner Fähigkeit, meinem Willen liegen, mich so sehr auf die Texte einzulassen, wie sie es brauchen und verdienen. Das zeigte sich mir schon beim ersten, dem programmatisch vorangestellten Text: „der körper ist ein geschichtenband“ … ein anregend-gehaltvoller Titel, raum- und gedankenöffnend. Auch die ersten zwei Zeilen der ersten Strophe kommen mir noch ähnlich willkommen heißend, als Handreichung und Einladung in eine Gedankenwelt entgegen:

hier liegt ein punkt, von dem gehen fünf finger los / & kehren nur noch drei zurück.

Bildlich war ich da angekommen beim Blick auf meine offene Handfläche und grübelnd darüber, , welches Symbol sich dadurch auszeichnet, zwei Finger ausgestreckt zu lassen (die Pistole, der AC/DC-Teufel mit eingeklappten Daumen, nicht: der Zeigefinder, nicht: der Fuck-You-Mittelfinger). Angeregt war ich zu einem Themenkreis des Verlorengehens (der Heimkehr der Verbliebenen – Überlebenden oder Gescheiterten), um dann in den nächsten zwei Zeilen allein gelassen, vor den Kopf gestoßen zu werden:

was allseits vom fuß in den magen geriet: / wir erzählen‘s im ziehn von tentakeln

Nicht die Bilder selbst waren es, die mich verwirrten (das etwas – unabhängig vom allseits – vom Fuß in den Magen geraten könnte, vermag ich mir vorzustellen,  ebenso das Ziehen von Tintenfischtentakeln), sondern das machte der Eindruck, dass mich der Text hier bewusst als Leser fallen lässt; er sich bewusst einer konsistenten, aufeinander aufbauenden, im Sinne eines Kameraschwenks verbundenen Bilderwelt verweigert. Ich sollte, so trat mir das Gedicht plötzlich gegenüber, mich schwertun, mich verlieren in Rätselworten und -collagen. Bewusst, so schien mir dann auch beim weiteren Lesen im Gedichtband, wollen Callies‘ Gedichte nicht einfach sein. Sie wollen erarbeitet werden oder anders: akzeptiert hermetisch bleiben … ein Geheimnis bewahren, eine eigene, sich erst spät oder gar nicht auftuende, Metaphernwelt seltsamer Beutel. Denn noch weiter ging es (zweite Strophe und abschließend, dritte Strophe):

& erzählen vom schweiß als vollem gefäß, / vom rausbrechen der fußstücke als leichtester übung./ wir trocknen die haut am stück / & hängen sie in beuteln auf, erzählen wir’s also in beuteln//

& wo landen die beutel, auf den abort geraten? / in der tonne, in ‘nem becher oder einem spucknapf gar? / in buchattrappen, vollen kehlen? Wir haun darauf. / im losen, glaub’s mir, hörn die geschichten tentakelärmlig auf.//

Persönliche Bekenntnisse mögen zwar in einer Rezension nicht recht passen, aber zur Erklärung meiner Schwierigkeiten mit Callies‘ Texten scheint es unerlässlich: Ich tue mich immer schwer damit, Bilder körperlicher Verstümmelung oder Versehrung (Folter, Krankheit, Tod) an mich heran, in mich hineinzulassen. Sei es in Filmen, in Büchern oder in Nachrichtensendungen – oder eben nun bei Callies (Rausbrechen von Fußstücken, der Körper als leerer oder schweißvoller Beutel, zerplatzend). Dass hier abgedruckte Eingangsgedichts ist noch ein eher schwaches Beispiel. Andere Gedichte sind wesentlich eindringlicher, konkreter in der Fassbarmachung von einem (normalen, alltäglichen, allgegenwärtigen) Siechtum. Damit kein falsches Verständnis aufkommt: Die kranken, die hässlichen Seiten der leiblichen Existenz sind keineswegs das Hauptthema oder der Grundtenor des Gedichtsammlung von Carolin Callies. Gegenständlich geht es „einfach“ um die normale klebrig-feuchte, geruchshaltige, sinnlich konkret erlebbar Seite der Existenz. Das steht schon im Titel des Buches „fünf sinne & nur ein besteckkasten“, der zugleich eine Inhaltsangabe über das Buch mit seinem sechs Kapiteln ist, in denen, soweit es sich klar voneinander abgrenzen lässt, das Riechen, Schmecken, Sehen, der Tast- und der Orientierungssinn und schließlich das Nachdenken darüber (sortierend) „verhandelt“ werden. Insofern steht ja schon auf dem Buch, was darin ist … nur wie nahegehend, wie herausfordernd und konfrontativ dies meine eigene (unbewusst-impulshafte, verdrängte?) Körperfeindlichkeit tangiert, das war nicht vorauszusehen.

Kurz gesagt: Callies legt mit ihrem Debut-Band eine Sammlung sprachlich-ästhetisch ansprechender, gehaltvoll durchgearbeiteter, bewusst schwieriger Gedichte vor, die mir (!) wegen ihrem mich (!) provozierend-verstörenden Gehalt nicht gefallen können, die ich (!) ungern an mich heran, ungern in mich (!) hinein lasse … aber gerade das macht sie (meine Widerstände reflektierend) auch besonders und empfehlenswert, verleiht ihnen Schärfe und persönliche Brisanz.

Carolin Callies
fünf sinne & nur ein besteckkasten
Schöffling & Co
2015 · 112 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-448-4

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