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Karussell Literaturzeitschrift Ausgabe 8 SchönLügen
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Karussell Literaturzeitschrift Ausgabe 8 SchönLügen
Kritik

makelsame körper

Ein poetischer Märchenband über Körper(de)konstruktionen, Lidgerüste und radikale Blessuren
Hamburg

Mit dem Gedicht „der körper ist ein geschichtenband“ beginnt das erste Buch der Lyrikerin Carolin Callies. Man könnte präzisieren: Der Körper wird bei Callies zu einem Band voll Gedichten, die lustvoll, jedes für sich, das Objekt der Betrachtung, den menschlichen Körper, jenes „granulatformat“, das wir sind, mit Worten sezieren, ihn auf dem Schlachtfeld des Gedichts desintegrieren, manches amputieren, mit den Teilen spielen, diese willkürlich ver- oder überlegt neu zusammensetzen und vor genauerer Betrachtung nicht zurückschrecken. Und das, was unsere tüchtige Physis auch ausmacht, wird nicht ausgespart: hier schwitzt man, stinkt’s faul aus dem Mund, der nicht nur kaut, leckt und spuckt, faul rinnt es bis hinunter ins Becken, aus dem naturgemäß nicht nur Verdautes ab- und ausgeschieden wird, während es anderswo nässt, schorft, aus Wunden eitert usw. Hier spricht keine Dichterin, die der Geschöntheit einer Oberflächenästhetik huldigt, sondern eine, die lieber Oberflächen zerreißt und darunter schaut, die den entblößten Makel, Mängel und Ekelerregendes sieht und anspricht, ausspricht, worüber anderswo gern geschwiegen wird, unsere Körperöffnungen, aus denen es trieft und fließt.

Oder, eine dritte, gleich gültige Lesart, der Körper ist ein Märchenbuch, voll Drastik und Phantastik, in dem Erinnerungen an frühe Geschichten, z.B. der Brüder Grimm, und Kindheitserfahrungen aufgerufen, vermengt, gemeinsam durch den Fleischwolf gedreht und neu arrangiert werden.

der körper ist ein geschichtenband

hier liegt ein punkt, von dem gehen fünf finger los
& kehren nur noch drei zurück.
was allseits vom fuß in den magen geriet:
wir erzählen’s im ziehn von tentakeln

& erzählen vom schweiß als vollem gefäß,
vom rausbrechen der fußstücke als leichtester übung.
wir trocknen die haut am stück
& hängen sie in beuteln auf, erzählen wir’s also in beuteln

& wo landen die beutel, auf den abort getragen?
in der tonne, in ’nem becher oder einem spucknapf gar?
in buchattrappen, vollen kehlen? wir haun darauf.
im losen, glaub’s mir, hörn die geschichten tentakelärmlig auf.

Sechs Kapitel hat dieses Debüt. Die ersten fünf sind den „Sinnen“ des Titels zugeordnet, dem Riechen, Schmecken, Fühlen/Spüren, Sehen und Hören. Das sechste Kapitel ist der „Besteckkasten“, wiewohl die Welt der Dinge sich darin nicht einfach wie Messer, Gabel und Löffel ordnen lassen will und auch die Sinne verweigern, ich möchte behaupten: genüsslich, ihre Beschränkung auf ein paar geordnete Seiten, sondern wuchern darüber hinaus – das Wort „prall“ drängt sich auf, doch sind es wohl eher die Tentakel des Eingangsgedichts, die hier Seite für Seite um sich greifen.

eintrag  im handbuch der versehrten (s. räude, s. krätze)
führ es dem körper zu, füg es dem körper zu,
führ es dem körper ein & scheide es aus. merke: es existiert kein gesicht.

Was geschieht, wenn Körper nur mehr fleischfarbene Lappen sind, in denen wir logieren, und unsere Haut zum Schlachtfeld wird? „jetzt fehlt mir der wille zur pflege der zähne / & zum gehorchen der körperöffnungen“, heißt es, „hohlkrustiges“ sammelt sich unter den nägeln, und wo es ungewaschen stinkt, wird das „du“ aufgefordert: „lass es einen geruch sein“, während anderswo ein lyrisches „wir“ das Totsein übt und dabei so quicklebendig ist, dass es die wechselseitigen Versehrungen erkennen und genau benennen kann, sich trotzdem nicht vom anderen abwendet, sondern sich weiterhin „brunftbefunden“ wird.

Im zweiten Kapitel steht das Sinnesorgan „Mund“ im Mittelpunkt, der vielerlei Essen vom Schlachtfest oder Festbankett mahlt und zerreibt, das, wie auch alles Flüssige, zwischen Lippen hinein und manchmal eben auch wieder rausgekotzt wird. „wir scherzten einander die mundkehlen zu“, heißt es und man ahnt, dass dies oft ein gewalttätiges Scherzen war und ist, zwischen Milchhaut, Blutwurst und den Maden in der Suppe. Jedweder Strang hat zwei Enden, heißt es, und dort, am anderen Ende, sind „die lippen ... ein seltsamer lappen“, der Flüssigkeiten freisetzt, während ein sich „nie zierendes wir werkt und gar eifrig und nimmerzu müde die münder daran übt“ (Anm: Zitat nicht wortwörtlich übernommen).

„jeden tag ein häutchen öffnen (faustsche ausmaße)“ lese ich, als quasi Handlungsanweisung, im dritten Kapitel, in dem Oberflächen in den Mittelpunkt rücken, Haut, Haar, Bekleidung, aber auch „jeden tag ein frisches laster“. Herrlich verrückte Bilder fallen ins Aug, etwa das Kleid, dass ein „du“ nicht am Körper, sondern unter den Nägeln trägt (nach einer Gewalttat?), die Gelehrigkeit von Atem und Klebstoff oder, als da-capo–Anweisung: „in den wunden munter bleiben“. Nebenbei fällt auf, wie gut Callies das Vokabular des Schneiderhandwerks kennt und wie präzis sie es verwandelt. So franst nicht ein Stoff, sondern ein Raum aus, der sich ballt; oder hebt sich ein „du“ eine der (Reflexions)Ebenen als „saumstich für später“ auf. Hier finden wir auch erstmals Anklänge an eine Märchensprache, die vertraut anmutet, etwa die Wackersteine, die bei Callies kein Wolf im Bauch, sondern ein lyrisches „ich“ im Wams trägt. Oder sprachliche Verkleinerungen: „kämmlein“, zinklein oder „spänglein“. Und ein altes, sonst kaum mehr verwendete Wort wie „besoldet“ steht, ja spricht gleichberechtigt neben Neuschöpfungen wie makelsam oder lahmgeschabt.

Im vierten Kapitel wird ganz kleinen und großen Dingen, Verkleinerungen und Vergrößerungen Augenmerk geschenkt „&s fällt dir beständig ein köder ins bild“ bzw. uns, die wir lesen. So wird etwa die biblische Arche gefüllt mit Tieren, die diesmal einer einzigen Prämisse genügen müssen, nämlich, dass sie durch ein Nadelöhr passen und Callies spielt dies wunderbar schräg durch. Oder sie reist um die Welt, in dem sie allerkleinste Dinge in ihrer eigenen Hand umsegelt. Auch in diesen Gedichten gibt es wieder die Schneiderei (flechten, besticken flicken, Fäden) und märchenhafte Szenerien:

umzug

wir suchen ’ne kopfgroße wohnung im ort
& wohnten zuvor in den steinen am hang
& trugen wir fell, so war’s nicht besonders
& molken wir vieh, so gehörte es uns.

nicht viel & und wir schnitten die türen in äpfel,
nicht viel & und wir sägten das fenster ins laub.
ich trug viel davon & zu tragen vermochten wir
steinobst & mäuse am zaumzeug aus unserem stall.

Im fünften Kapitel tauchen wir ein in die Welt der Märchen, die wir in unseren „mollig“en Kindheiten gehört haben und die in der Version von Callies Erinnerungen an jene fernen Geschichten und ebenso ferne Wörter wie „pomade & schuhbrämatur“ aufrufen und dabei so ganz anderes evozieren und gelingen lassen. „du erstelltest in folge ’ne fabelgeschichte. sie erzählte von wiedergängern, ...“, schreibt die Lyrikerin. Heutige, gebrochene, füge ich hinzu. Wir treffen auf einen Kaiser, Hänsel und Gretel werden genannt, Eisenhans oder Drosselbart, bei Wörtern wie Messerchen oder Särgchen erinnern wir Schneewittchens Zwerge, beim Wort Kröpfchen Aschenputtel etc. „lieder sind’s, gebleckte“, die aus wundem Mund von Seifenkistenrennen, ofengroßen Helmen und Salznarben erzählen oder ein „schnitterlied“ darbieten.

klage

sei nicht kläglich, sei nicht mäklig, sag nur: wolltest du es so?
ist ein kröpfchen, ist ein zöpfchen & wir mühten uns nicht drum.
frag die kuh dort, frag die milch dort & wir kämmten sie uns ein.
in die haare, in die klage, in ein frühchen ende mai.

Das sechste Kapitel zeigt Versuche, das „Besteck“ zu sortieren. Doch lässt sich in einer Zeit überbordender Unübersichtlichkeit noch Form und Ordnung schaffen und wenn ja: welche und wie? Durch Sortieren, Abzählen, Nummerieren? Im Gedicht „zollstock“ werden Anstrengungen vorgeführt, Wahrnehmungen mittels Messungen zu orientieren, die sich „immer schon bewährt“ haben. Vergleichsgrößen werden bemüht, z.B. Messbesteck, Metermaß oder (in einem anderen Gedicht) Registerkarten, Äquivalenzprinzipien durchgespielt, doch Erprobtes reicht nicht. Es braucht in einer Medienwelt andere Einheiten der Ordnung, das lyrische „ich“ weiß noch nicht welche, denn „sortierbar ist das schon längst nicht mehr.“ Auch moderne Medien helfen nicht weiter, wie das Gedicht „fehlersuche (den herbst einen ladevorgang nennen)“ deutlich macht. „du beaufsichtigst hochstände“, lässt an eine Videoüberwachung denken, mit der jedoch statt natürlicher Herbststimmung bloß Flimmerbilder und Kopien generiert werden, „die elektronische fassung von herbst.“

Drei Randbemerkungen:

Dieser Band ist reich an Gedichten, die auch nach wiederholtem Lesen nicht „ausgelesen“ sind. Meine Rezension ist ein subjektiver Zwischenbericht der Lektüre und spiegelt meine Lesarten wider. LeserInnen werden möglicherweise zu anderen Folgerungen kommen.

Callies’ Sprache ist manchmal derart knapp und verschlüsselt, dass sie mich überfordern, wenn meine Interpretationen dort, wo alle gleich möglich sind, ins Beliebige driften. Doch die eigenen Grenzen lesend zu weiten, ist nicht die schlechteste Übung.

Callies’ Gedichte sind frei von pathetischem Gefühlsüberschwang oder triefender Innerlichkeit. Eher sind es nüchterne, beinah wissenschaftliche Betrachtungen unserer Körperlichkeit, Feldforschungen, die getränkt sind von Witz, Komik und schwarzem Humor, oft burlesk und frivol. Erfrischend!

 

 

Carolin Callies
fünf sinne & nur ein besteckkasten
Schöffling & Co
2015 · 112 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-448-4

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