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Kritik

Die Anarchie der Schmelze

Polens Lyriker leben und spielen. Aber wie überträgt man das?
Hamburg

 „Stillleben mit Crash - Gedichte aus Polen“ ist Band 26 aus der Reihe „Poesie der Nachbarn“, die seit 2011 Caroline Rudolph im Verlag Das Wunderhorn organisiert, wobei Hans Thill das Herausgeberteam vervollständigt. Die jeweils acht bis elf Gedichte von Justyna Bargielska (geb. 1977), Jacek Dehnel (80), Katarzyna Fetlińska (91), Jacek Podsiadło (64) ,Tomasz Różycki (70), Krzysztof Śliwka (67) sind zunächst von Masterstudierenden der Universität Mainz in eine deutsche Interlinearversion übertragen, dann von Mirko Bonné, Esther Kinsky, Norbert Lange, Sabine Schiffner, Daniela Seel  oder Volker Sielaff  in ihre eigene poetische Version umgegossen worden.

Ein besonderer Reiz dieses Buches besteht gerade in Einblicken in das literarische Übersetzen im Allgemeinen sowie die Übertragung von Lyrik im Besonderen. Zu diesem Zweck sind mitunter bis zu drei Übersetzungsvarianten eines polnischen Originals abgedruckt. Zudem handelt von der Thematik des Übersetzens, besonders in seiner Interlinearausprägung, Großteils auch das ergiebige, betont wissenschaftlich gehaltene Nachwort „‘Zwischen den Zeilen‘ – Gedanken zur Form der Interlinearübersetzung“ von Tomasz Rozmysłowicz. Dieser misst der Interlinearübersetzung keineswegs eine bloß vorbereitende Funktion bei sondern sieht sie als Sprache, als Sprachen, als die Kulturen beleuchtendes Wirken für sich: „Daher bietet eine Auseinandersetzung mit Interlinearübersetzungen nicht nur Einsicht in die konkreten Bedingungen literarischen Übersetzens sondern auch und vor allem: Einsicht in die Bedingtheit all unseres Zugangs zu Fremdem.“

Und die Nachdichter selber?

Norbert Lange übersetzt im Titel eine polnische Jargonwendung „Jest git“ verhalten mit „Alles in Ordnung“, während Sabine Schiffner ein „Echt cool“ setzt. Aber in der ersten Textzeile betont Lange dann den lässigen Grundton des Gedichtes mit seinem „Stinknormaler Tag. Rühren tut sich nichts.“, das wiederum bei Schiffner gesetzter daherkommt: „Heute ist so ein normaler Tag. Es passiert rein gar nichts.“

Oder was machen wir, wenn - wie mehrfach vorkommt - der polnische Titel ein Fremdwort (englisch, französisch, italienisch, lateinisch) – anführt? „Il sogno“ bleibt für Mirko Bonné „Il sogno“, Sabine Schiffner bevorzugt die Transformation „Ein Traum von Zweisamkeit“, so schon mehr Inhalt verratend.

Alle Übersetzer erweisen sich als diesem anspruchsvollen und weitreichenden Auftrag gewachsen (Tomasz Rozmysłowicz: „Polen ist ein Land, das trotz seiner geografischen Nähe zu Deutschland für viele Deutsche weiterhin in kultureller Ferne liegt.“)

Und unsere polnischen Autoren hier? Gibt es jetzt solche, die das ihnen bis dato angeheftete Etikett “Erst leben, dann spielen“ (M. Reich-Ranicki) ablösen?

Ja.

Katarzyna Fetlińska, das Nesthäkchen der präsentierten Autorinnen und Autoren, mag es wahrhaftig zu spielen auf einer Klaviatur der überbordenden Bilder bis zum lautlichen Staccato, frischen, sinnlichen Ton erzeugend, Bruno Schulz anrufend, einmal wohl auch Rilke im Sinn („Jahrmarkt“, Bonné bzw. „Vergnügungspark“, Kinsky); Liebe („Werd ich Schatten werfen, wenn ich lieg auf dir?“, Sielaff, „Les Amants“) und anzuzweifelnde Existenz als Themen:

Mein Macher – was hast du mich hier so schäbig abgesetzt / mit deinem Pinsel, mitten unter ihr ständiges Geplapper, und für alle // Tage. („Breakfast in Fur, 1936 (on the Grass, 1863)“)

Justyna Bargielska, neben ihren Prosaschwüngen auch Versaufteilungen vornehmend, forciert wiederholt die Familienthematik, etwa wenn sie in dem betörenden Gedicht „Fremde Rose“ die Schönheit der Sprecherin mit der ihrer Tochter vergleicht:

Ich habe eine wunderbar schöne Tochter, ihre Zähne, / ihre Locken sind wie aus dem Hohelied. …Aber ich mag meine Schönheit nicht, gerade weil die Männer / ihr nachlaufen. Aber die Schönheit meiner Tochter / das ist etwas anderes. Die Schönheit meiner Tochter, daran glaube ich, ist die einzige Hoffnung / dieser Welt.“  (Schiffner)

Jacek Dehnel stellt die stärkste poetische Stimme in diesem Auswahlbuch dar, dabei an den feinen Strich des Olsztyner Autors Tolo Szaleńczyk (d.i.  Antoni Janowski) erinnernd. Dehnel seziert Natur und Leben. Nicht zufällig lautet einer seiner Titel in der Übersetzung Seels „Augenblicks Rasiermesser“. Er führt tief und reißt mit.

In seinem Gedicht „Tauwetter“ (Kinsky) – mit gewissem Schauder denkt man an Ilja Erenburg –werden wir in den Fluss einbezogen; dabei welch ein Bild: „die Anarchie der Schmelze“!

Es taut. Vom Himmel sieht man mehr als üblich, / oben so viel wie immer, unten die Zugabe: / riesige Lagen rinnender bläulicher Spiegel. /Ringsum, vom Eise befreit, geht sie weiter in Fetzen / mal festgepresst, mal Sumpf, die Anarchie der Schmelze: /Baumwipfel knapp über Wasser, wandernde Nager, / sich überschlagendes Gewölk.

Jacek Podsiadło erzeugt dichte poetische Sprache, setzt auch mitunter gezielt den Reim ein, mehrere Texte sind extrem kurz. Er äußert unverblümt Sozialkritik, nicht zuletzt auch eine im polnischen Alltagsleben nicht überall erbetene Durchleuchtung des Kirchlichen:

Einen halben Kilometer weiter / beginnt die Stadt mit Kirchenmasten, Polizeiwachen, / ihr Innenleben muffig wie ein Marderbau, und eine Peepshow, / in der eine tapfere Russin sich um die ärmliche Stange schlingt / wie ein kham um die Weltachse. ( „Raum und Achse“, Seel)

oder

Die Welt ist doppelgesichtig. / Auch im Unsinn ist Sinn. / Die Grenzen werden überschritten und sind ohne Bedeutung. / Der Gegenpapst wird kommen und aussehen wie ein gigantischer Harry Potter. ( „Pendel und Strähne“, Sielaff)

Tomasz Różycki bevorzugt den gravitätischen Ton und hat ja auch sein Publikum (z.B. Nominierung für den angesehensten polnischen Literaturpreis, den Nike-Literaturpreis):

… Die Geschichte ufert aus. Doch niemand hat gesagt, / dass sie so viele Wohnungen besetzt, so clever / darin Geiseln nimmt, oder so rasch den Senf verbraucht, / Träume, Zündhölzer, so viele, dass sie konjugiert // werden muss mit Personen, Welten, Wochentagen, / und ein Tag allein wird ihr nicht genügen. Noch nachts / dienen unsere Körper ihr als nachhaltiges Mahl, und nirgendwo sonst lässt sich Vergleichbares finden. (Lange, „Elegie zum Winterende“)

Krzysztof Śliwka scheint in seiner lyrischen Prosa dagegen gern auf den beiläufigen Alltagston zu setzen, um seine Botschaften: das Morbide, Heimat-, Kontaktlosigkeit, das Absurde zu verdeutlichen:

Da hilft kein Leugnen mehr, ihr Freunde, wir werden so alt / wie an Land gespülte Seehunde oder sowjetische Kosmonauten / nach einer Umdrehung zu viel in der Raumstation Mir. („Let’s get lost“, Lange)

Ja, der Wunderhorn Verlag möge mit seiner Reihe „Poesie der Nachbarn“ getrost fortfahren. Wie der Titel von Band 26: „Stillleben mit Crash“ (eine der Gedichtzeilen) suggeriert, bewegt sich auch die polnische Gegenwartsliteratur in einem breiten Spannungsfeld, wobei das Spielerische und außerpolnische Bezüge zuzunehmen scheinen. Nicht schwer zu erkennen dahinter: unser aller Leben.

Caroline Rudolph (Hg.) · Hans Thill (Hg.)
Stillleben mit Crash
Gedichte aus Polen
Poesie der Nachbarn Band 26, zweisprachige Ausgabe polnisch-deutsch
Wunderhorn
2014 · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-478-5

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