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Kritik

Auf der Suche nach der Schönheit, die vom Terror befreit.

Catherine Meurisse erzählt in ihrer graphic novel "Die Leichtigkeit" in packenden Bildern vom Leben nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo".
Hamburg

Überleben ist eine Sache, damit fertigwerden eine andere. Was passiert in einem, wenn man ein Massaker, einen Terroranschlag überlebt? Das kann sich niemand vorstellen. "Die Leichtigkeit" heißt die graphic novel, in der die "Charlie Hebdo"-Zeichnerin Catherine Meurisse von ihrem Leben nach dem 7. Januar 2015 in berührenden Bildern erzählt: An diesem Morgen kommt sie wieder einmal zu spät, weil sie im Bett geblieben ist und sich Szenarien mit ihrem Geliebten, einem verheirateten Mann vorstellte: "Aber ich kann meine Familie nicht im Stich lassen", sagt er, und:"Ich ziehe ein bescheidenes Leben der Leidenschaft vor". Die Szenen wiederholen sich und werden immer absurder, aber das Ende ist immer gleich: Er wird seine Frau und seine Familie nicht verlassen. Und dann verpasst sie den Bus. Als sie am Redaktionsgebäude ankommt, gibt es Schüsse. Und man sieht, wie Catherine in Panik durch eine Tür witscht, durch leere Säle rennt und neben dem Bild "Der Schrei" von Edvard Munch in der Wand verschwindet.

Es ist der Tag, an dem die beiden islamistischen Brüder Chérif und Saïd Kouachi in die Räume der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" eindringen und mit Sturmgewehren zwölf Menschen erschießen - als Rache für Zeichnungen, in denen der Prophet Mohammed karikiert wurde. Zwölf Zeichner und Redakteure. Catherine überlebt. "Der Tag danach: Vorbei. Das war's mit der Zeichnerei. Keine Ideen mehr, keine Witze, kein Echo mehr, kein Lachen." Trotzdem versucht sie, weiterzuarbeiten. Beruft in ihrer Phantasie bei sich zu Hause eine Schlusskonferenz ein, mit allen Toten. Kritzelt Ideen auf ein Blatt, aus denen Zeichnungen werden sollen, wie jede Woche. Es geht nicht.

Über die nächsten Wochen und Monate begleiten wir in den autobiografischen Bildern Catherine auf ihrem Weg zurück ins Leben, in die Normalität, mit allen Abstürzen, Depressionen, Lichtblicken. Es ist ein zersplittertes Leben, voller Gedächtnislücken. Und Alpträumen. Nicht einmal Marcel Proust, der ihr früher so viel Trost geschenkt hat, kann helfen: Mit einer Freundin fährt sie nach Cabourg: Dort hat Proust gewohnt und den Ort als Balbec porträtiert. "Wenn ich an Proust denke, reagieren normalerweise meine Haut, mein Kopf, mein Herz. Ich mach mich auf eine Reise in sein Werk und in mich selbst. Diesmal passiert nichts." Sie trinken einen Tee und tunken eine Madeleine hinein, wie Proust, bei dem das einen Erinnerungsschub auslöste und den Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" anstieß: Nichts passiert. Selbst dass sie an dem Tag Geburtstag hat, hat sie vergessen. Und was Mustapha, einer der Zeichner, der erschossen wurde, ihr auf ihren Neujahrswunsch geantwortet hat. Als sie mit ihrer Mutter redet, fragt die sie:

"Weißt du noch, was du gesagt hast, als du uns angerufen hast, am 7. Januar, so um halb zwölf, von deinem Versteck?" Ja, das weiß sie noch: "Ruhig und gefasst habe ich gesagt: 1. Bei 'Charlie' geht etwas vor. 2. Ich bin in Sicherheit. 3. Macht nicht den Fernseher an." Doch ihre Mutter widerspricht: "Du hast gesagt: 'Bei Sicherheit geht vor. Ich sehe 'Charlie' etwas fern. Ich mache nichts an."

Manchmal gelingen Meurisse dennoch böse Witze über sich und das Massaker, denn das ist der Geist von "Charlie Hebdo", so gingen sie mit dem Bösen in der Welt um. Und das will sie bewahren, das war auch ihr Leben. So sagt ihr der tote Chefredakteur: "Ich muss an einen der Kouachi-Brüder denken, den, der vor dem Gemetzel die Scheißerei hatte ... Zum Glück hat er uns abgeknallt, statt uns die Hand zu schütteln ... ganz 'Charlie' hätte sich Magen-Darm geholt, da hätte das Jahr wirklich übel angefangen!" Und die ganze tote Redaktion lacht schallend.

Erst in Rom findet sie wieder Ruhe und innere Sicherheit. Im November reist sie in die Villa Medici. In den Gärten sieht sie eine Skulpturengruppe von Niobe und ihrer Familie, die von Apollons Pfeilen getroffen wurden, aus Rache, weil sie seine Mutter verhöhnt hatten. Mit dem toten Schriftsteller Stendhal geht sie dann durch die Stadt, denn Stendhal hat gesagt: "Man kann sich aber auch allmorgendlich auf die Suche begeben nach jener Art von Schönheit ... ohne an die Pflicht zu denken, etwas sehen zu müssen." Sie trifft zwei Street-Art-Künstler, Stipendiaten der Villa, und sieht Skulpturenfragmente im Palazzo Massimo, deren Bedeutung sie fast immer falsch einschätzt: Eine Tänzerin hält sie für eine "unglückliche Gemarterte, sich windend", eine schlafende Frau für eine "junge Enthauptete", die badende Aphrodite für eine "Frau, ihren Henker um Gnade anflehend". Aber langsam lichtet sich das Dunkel, sie findet die Schönheit in Bildern von Caravaggio. Und dann auch wieder am Meer. In einem Interview sagte Meurisse: "Angesichts der Schönheit stellen wir das Denken ein, fangen dann wieder damit an, aber in veränderter Form. Diese Veränderung führte schließlich zur inneren Versöhnung."

"Die Leichtigkeit" ist eine graphic novel von beeindruckender Vielfältigkeit und bedrückender Intensität. Auf einer Seite sieht man einen blutroten Sonnenuntergang mit Meurisse auf einem Stein sitzend, in der Luft schwebt ein Flugsaurier - so sehr ist die Zeichnerin aus der Welt und der Zeit gefallen. Auf einer anderen Seite fällt sie in eine Zeitspalte, fällt und fällt, direkt in das Polizeiauto ihrer Personenschützer. Die Meerbilder, in pastelliges Blau getaucht, nehmen oft beide Seiten ein. Oft wechselt die Szenerie und der Ton von Seite zu Seite, zeigt die hilflose Welt der "Je suis Charlie"-Unterstützer und Demonstranten, die Zerrissenheit der Zeichnerin, den Zynismus der Reporter, die sie verfolgen, Meurisses Unterhaltung mit einem Psychiater, ihr Versinken in einem Sumpf, in dem ihr ein Frosch von Baudelaire erzählt - dem Lieblingsdichter von Mustapha, der ihn auch an Neujahr zitiert hat: "Oh fliehe nur ferne der fauligen Schäume, und wasche in oberen Lüften dich blank, und trinke wie reinen und göttlichen Trank, das lichthelle Feuer der leuchten Räume."

Die meisten panels sind Schwarzweiß, und ihre eigene Figur verändert sich ständig. Mal ist sie eine strichhaarige Sempé-Göre, mal eine traurige junge Frau, zusammengesunken in ihrer Depression, mal ein formloses Etwas. Mit einem sparsamen Strich und meist wenigen pointierten Farbtupfern zeichnet sie all das, was man kaum erzählen kann: ihre Suche nach einem Versteck, durch leere Säle und Mauern, bis zum "Schrei" von Munch - einem Schrei, den sie selber nicht hatte. Der Nebel der depressiven Wahrnehmung, der Schleier, durch den sie sich kämpfen muss, als sie zum ersten Mal wieder zur Redaktion geht, ihre völlige Auflösung in ein heulendes Etwas, als ein Freund kommt und sie umarmt. Und zwischendurch blitzt immer wieder auch der Humor auf, für den "Charlie Hebdo" stand, sarkastisch, böse, aber auch sich selber nicht schonend, schlagfertig und unbekümmert. In Rom und danach in Paris werden die Zeichnungen dann wieder reicher und voller, es ist, als wenn sie das Sehen und Aufnehmen wieder gelernt hätte. Die Schönheit und Leichtigkeit wiedergefunden. Die Farben des Lebens. Ein langer, langwieriger Weg, den sie am Anfang schon andeutet, wo man sie sieht, wie sie mühsam, die Kapuze auf dem Kopf, eine Düne hochklettert. Wohin der Weg führt, ist unsicher. Auch am Schluss der graphic novel, wo sie allein am Meer sitzt: "Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten."

Catherine Meurisse
Die Leichtigkeit
CARLSEN
144 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
78-3-551-73424-2

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