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Kritik

Das Leben an sein Ende gewöhnen.

Cees Nootebooms Tagebuch der Achtsamkeit
Hamburg

Der Engländer Phileas Fogg ging in Jules Vernes Klassiker von 1873 die Wette ein, die Welt in 80 Tagen zu umrunden. Er besteht haarsträubende Abenteuer, entwindet sich den unwahrscheinlichsten Verwicklungen, hetzt von einer Verbindung zur nächsten und trifft schließlich drei Sekunden vor Ablauf der Zeit wieder im Londoner Reform Club ein, wo seine Wettpartner vergeblich darauf warten, die ausgesetzte Summe von 20.000 Pfund einstreichen zu können. Zwar hat Fogg am Ende nicht nur die Wette sondern auch das Herz der verwitweten Parsin Aouda gewonnen, aber Zeit an den verschiedensten Orten zu verweilen hatte er nicht. Nun legt Nooteboom, der die Welt als Journalist und Schriftsteller in alle Himmelsrichtungen mehrfach bereist hat (die neunbändige Werkausgabe bei Suhrkamp verzeichnet vier Bände Reisebücher), ein Tagebuch mit dem spröden Titel 533 Tage vor, das ohne Datumsangaben auskommt, dafür aber in 80 Kapiteln chronologisch geordnet ist. Entstanden ist es, wie Nooteboom am Ende des Textes vermerkt, in der Zeit vom 1.August 2015 bis zum 15.Januar 2016.

Der erste Eintrag hebt mit einer Reflexion über die Kakteen im „verwahrlosten Teil des Gartens“ auf Nootebooms Anwesen in Menorca an und das ist durchaus als Programm zu verstehen. „Il faut cultiver notre jardin“, zitiert der Autor das Ende von Voltaires Erzählung Candide, um es im nächsten Moment umzudrehen und sich zu fragen, ob der Garten nicht vielmehr den Autor kultiviert, ihm „unerwartete Formen von Achtsamkeit beibringt“? Tatsächlich setzen die Aufzeichnungen, wenn sie nicht an Lesefrüchte und weltpolitischen Ereignisse anknüpfen, großteils bei Nahe-Liegendem an, sei es bei der Flora und Fauna, den Besonderheiten der Landschaft oder des Lebens auf Menorca einerseits, auf dem Hofgut Missen in Baden Württemberg andererseits.

Seit mehr als 50 Jahren fährt Nooteboom auf die Insel, seit 40 Jahren besitzt er dort in San Luis ein Haus mit Studio, wo er sich mit seiner Frau Simone hauptsächlich im Sommer aufhält, während sie im Winter neben Amsterdam immer auch einige Zeit in Süddeutschland verbringen, dazwischen Reisen, Lesungen, Vorträge, Nooteboom ist ein gefragter Mann. Das „Diario novo“, wie es der Autor selbst nennt, ist also ein Versuch beobachtend und schreibend zu sich zu kommen. Nach Jahrzehnten des Erfahrens und Erschreibens des Außens soll es nun nach Innen gehen, was für einen Mann von 83 Jahren ein verständliches Ansinnen ist, wobei Nooteboom aber „Seelenregungen und Gewissensforschung“ als Themen dezidiert ausschließt.

Es geht ihm vielmehr darum, das Verhältnis zur Welt im fortgeschrittenen Alter neu zu justieren. Dazu gehört auch, dass er im Laufe der Aufzeichnungen immer wieder auf seine früheren Bücher rekurriert, daraus zitiert oder das eine oder andere Detail herausgreift. Der mehrsprachige Autor, der ohne Schwierigkeiten zwischen seiner Muttersprache, dem Deutschen, Englischen, Französischen, Spanischen und Katalanischen hin- und herwechselt, bringt das holländische Wort für Alter, leeftijd, ins Spiel, was zu Deutsch Lebenszeit heißt: „Die Zeit nimmt unabänderlich ihren Lauf, doch das Leben verändert sich und möchte sich an sein Ende gewöhnen. Daran ist nichts Pathetisches, und der Garten ist lehrreich.“ Und so ist es kein Wunder, das neben dem Garten auf den ersten Seiten auch Canetti und Bernhard mit ihren prononcierten Einstellungen zum Tod zur Sprache kommen. Es ist der Gärtner Xec, der das vom Postboten unbedacht abgelegte Buchpaket mit Canettis „Über den Tod“ (Hanser, 2003) vor dem Regen gerettet hat. Xec wird in der Folge immer wieder in den Aufzeichnungen auftauchen und den Hausbesitzer, unterstützt von den Faltblättern des Inselrats über die Gefährlichkeit der „bildhübschen“, aber als Palmenkillerin bekannten Motte Paysandisia archon oder die wunderlichen Prozessionsspinner aufklären, die wiederum den Pinien zusetzen. Gemeinsam verteidigen sie also den Garten gegen seine Feinde, wobei Nooteboom eher den Part des interesselosen Staunens und Beschreibens übernimmt, während der Gärtner zur handfesten Liquidierung schreitet. Nootebooms unaufdringliche Art brennende Themen wie die eigene Vergänglichkeit durch Beobachtung und Reflexion der Natur auf indirekte Weise zur Sprache zu bringen, nimmt ein und macht die Lektüre zu einem großen Genuss. Der Autor nähert sich den Pflanzen und Tieren vor allem phänomenologisch, versucht jenseits der wissenschaftlichen Klassifikationen mit literarischen Mitteln zu arbeiten:

Mein ältester Kaktus, er war schon hier, als ich vor vierzig Jahren kam, besteht aus Gegensätzen, man könnte meinen, seine einzelnen Teile wären von unterschiedlichem Alter. Er hat diese großen Blätter, die natürlich nicht Blätter heißen, es sind eher mächtige ausgestreckte Hände ohne Finger, ovale Formen, grün und massiv, voll kleiner Stacheln, das Klischee eines Kaktus in einer mexikanischen Landschaft. Ich verstehe nichts von Kakteen.

Kein Vorwissen zu haben lässt genauer hinschauen, wovon man nichts versteht, dafür muss man erst eine Sprache finden, was auch Zeit und Reflexionsfähigkeit bedeutet, also die Möglichkeit von Literatur. Und so lernen die LeserInnen im Verlauf des Buches die verschiedenen Kaktusse seines Gartens als eigenständige Charaktere kennen, die auch noch Namen wie „der Soldat“, „der Mexikaner“ oder „der Gemarterte“ bekommen und mit Fotos ausgewiesen werden.

Doch wer nun glaubt, die Aufzeichnungen werden in heiterer Beschaulichkeit versanden, dem versichert der Schriftsteller: „Ich habe die Welt auf Distanz gehalten, habe mich nicht von ihr losgesagt, noch nicht.“ Bei einem Autor wie Nooteboom ist es gar nicht anders möglich, als dass die großen weltpolitischen Ereignisse auch auf der Insel zur Sprache kommen. Das beginnt bei den ihn unmittelbar betreffenden Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen, die ihn zu Überlegungen über den neu aufgeflammten Nationalismus in Europa anregen und endet nicht bei den Flüchtlingen, die täglich im Mittelmeer, das seine Insel umspült, ertrinken. Nicht, dass Nooteboom Lösungen anzubieten hätte, aber es gelingt ihm, den Zustand des Entsetzens und der Ratlosigkeit über die Vorgänge treffend zu formulieren, was auch etwas Befreiendes hat:

Und jetzt? Deutschland liegt noch immer, wo es liegt, Griechenland hängt nach einer wilden Zeit der Opera buffa nach wie vor an Europa. Der schöne Minister auf dem Motorrad ist inzwischen in den Kulissen verschwunden und zündelt von dort aus weiter, und der Laie hat das Gefühl, er müsse sich entscheiden, bloß zwischen welchen Alternativen?

Der enge Rahmen des Naheliegenden, des Inseldaseins wird immer wieder auch durch  Lektüren und die daran anschließenden Reflexionen geöffnet. Das kann etwas von literarischem Klatsch haben, wenn etwa das Verhältnis von Canetti zu Joyce („Dadaisierung der Literatur“), von Canetti zu Bernhard oder von Borges zu Gombrowicz, die beide in Buenos Aires lebten, beleuchtet wird. Es lohnt sich nachzulesen, was Nooteboom etwa über den „seiltänzerischen Absurdismus“ von ungarischen Autoren wie Graf Miklás Banffy, Péter Esterházy und Miklós Szentkuthy, dessen Roman Prae trotz seines hohen Ansehens in Ungarn bis heute unübersetzt geblieben ist, sagt, oder über das Vergessen beim kolumbianischen Autor Hector Abád, dessen Vater 1987 von paramilitärischen Truppen ermordet worden war.

Immer wieder hebt Nooteboom seinen Blick auch zu den Sternen. Vor allem die beiden Voyager-Sonden haben es ihm seit ihrem Start 1977 angetan. Ermöglicht wurde diese Mission durch eine nur alle 176 Jahre vorkommende Stellung, in der die äußeren Planeten sich für eine Weile auf einer Seite der Sonne befinden. Nachdem die Raumsonden ein Dutzend Jahre zwischen den Wandelsternen, deren Besuch auch der Reisende Nooteboom verlockend fände, hin- und herpendelten und uns mit spektakulären Aufnahmen der Jupitermonde, der Saturnringe oder vom blauen Neptun versorgten, gaben sie ihre Reise um die Sonne auf. Nooteboom fasziniert die Vorstellung der in den interstellaren Raum vorstoßenden Sonden, deren Instrumente zur Erkundung der Außenwelt aus Energiespargründen schrittweise abgestellt wurden, und lässt mit ihrem Bild das Buch ausklingen: „Die Voyagers sind dort, und ich bin hier, genau wie sie im Raum, auch ich bewege mich offenbar mit großer Geschwindigkeit irgendwohin.“ Beide Sonden haben eine goldene Platte an Bord, die etwaigen Außerirdischen Nachrichten von der Erde überbringen sollen. Ist es nicht möglich, meint Nooteboom, das nicht die Aliens sondern vielmehr wir selbst die Adressaten dieser Platten sind? 533 Tage ist Nootebooms unangestrengter Golden Record in 80 Kapiteln für uns.

Cees Nooteboom
533 Tage. Berichte von der Insel
Mit zahlreichen Abbildungen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Suhrkamp
2016 · 255 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
78-3-518-42556-5

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