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Kritik

Wie die Postmoderne doch ziemlich geil machen kann

… zeigt Céline Minard. Und eine Schar Pixies schaut zu.
Hamburg

Während Simonides, der Erfinder der Mnemotechnik, die Todeserfahrung als Motor des Gedächtnisses verstand, assoziiert die Erzählerin in „So long, Luise“ die Gedächtniskunst mit Leben und Bewegung – und ein bewegtes Leben hatte die alternde Bohémienne in der Tat. Wenn sie also ihre Lebensgefährtin, „Luise XX, heres esto, ihres Zeichens Künstlerin“, auf den ersten Seiten des Romans zur „Rechtsnachfolgerin meines Vermögens und meiner gesamten Geschäfte und Güter“ erklärt, darf man sich auf alles gefasst machen, nur nicht auf eine trockene Aufzählung dieser Geschäfte und Güter. Vielmehr entführt uns die französische Autorin Céline Minard auf eine rasante Achterbahnfahrt entlang der gewundenen Pfade eines prallgefüllten Lebens und einer intensiven Liebe.

Wobei die im Fiktionalen beheimatete Schriftsteller-Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass es sich hier nicht um eine chronologische Wiedergabe von Tatsachen handelt, sondern um ein Sprachkunstwerk, in dem sich Realität und Fantasie aufs Schönste umschlingen. Bereits am Anfang, als sie ihre süffige Familienbiografie – nebst italienischer Urgroßmutter, die nackt für Velázquez posierte – umreißt, darf man sich fragen, ob hier die Fantasie mit der Erzählerin durchgegangen ist, oder ob eben doch das wahre Leben die absurdesten Geschichten schreibt.

Gleichfalls schickt sie den Schilderungen ihrer „Schwadronage-Aktionen“ – raffinierten Trickbetrügereien, von denen sie nicht ohne Stolz berichtet – die Warnung voraus: „Achtung, bei den folgenden Erzählungen ist keinerlei Datum angegeben. Die Orte werden teilweise ersetzt, die Namen, so denn welche vorkommen, verändert.“ Man sollte diese Warnung nicht nur ernst nehmen, sondern mental auf jede einzelne Episode übertragen. So geben sich Luise und die Erzählerin in einer Passage als „freiwillige Ornithologinnen der Royal Society for the Protection of Birds“ aus, um das Vertrauen einer wohlhabenden Gräfin zu erschleichen, in einer anderen bringen sie einen Züricher Apotheker dazu, ihnen die Schlüssel seines „Audi S8 mit Keramikbremse“ zu überlassen, mit dem die beiden daraufhin so waghalsige wie romantische Spritztouren durch die Schweizer Berge unternehmen.

Da verwundert es kaum, dass die Erzählerin beim Dinnerparty-Smalltalk auf die harmlose Frage hin: „Was machen Sie so im Leben?“ nonchalante zurückfragt: „In welchem?“ Scheint sie doch selbst ab und an die Übersicht zu verlieren über ihre diversen Identitäten, unter denen sie im Laufe ihres Lebens auftrat: Sei es als Anna Appleton, Vera Soon, Ada Carrington, oder schlicht als „Geist von Calamity“.

Zeiten und Orte verschwimmen zusehends in dieser Odyssee durch ein von Reisen und häufigen Umzügen geprägtes Leben; da kann den geneigten Leser_innen schon mal schwindlig werden. Im Eiltempo führt uns Minard durch Schottland, „die Highlands, ein sechswöchiges Gelage“, springt zu einer „aufgeheizten Londoner Nacht“, nur um sich gleich darauf die „Silberne Antihochzeit“ in Erinnerung zu rufen, die unter dem Einfluss psychedelischer Pilze in eine veritable Walpurgisnacht ausartet. Und im Galopp geht’s weiter durch die diversen Ateliers, die Luise zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Winkeln der Welt bewohnte.

Unbestreitbar ist der Hang des exzentrischen Paars zu ausschweifender, gleichwohl augenzwinkernder Dekadenz. „Du warst herrlich“, lautet die einzige Beschreibung des Erscheinungsbildes der Geliebten: „Herrlich lang in deiner englischen Röhrenhose und dein gerade geschnittener Blazer mit dem langen gezackten Revers verlängerte noch deine Hand mit der Champagnerflöte, in der die Perlen schäumend zu deinen Augen aufstiegen.“ So ähnlich stellt man sich dann auch die Erzählerin vor: Als weiblichen Dandy alter Schule, der sich genauso mühelos jedoch in die Postmoderne beamen und über Queer Theory und Popkultur plaudern kann. Sinnlichkeit und geistige Höhenflüge schließen einander dabei nicht aus, im Gegenteil. So verbringt die Erzählerin mit Luise, gehüllt in einen übermütig erstandenen Straußenledermantel, der ihr „wonnevolle semantische Verschiebungen eingab“, eine besonders leidenschaftliche Nacht. Zu diesem Zeitpunkt ist uns die Orientierung längst abhanden gekommen. War es die Liebesnacht auf einem „Bett aus Eierkuchen“? Oder eine der vielen, vielen anderen?

Und als wären diese Exzesse nicht genug, tun sich im Laufe des Romans noch weitere, weitaus unwahrscheinlichere Ebenen auf. Bei Minard kann sich ein gigantischer Ameisenhaufen irgendwo im Wald ebenso wie ein auf dem Dachboden entdeckter Überseekoffer als Zugang zu einer geheimen Welt entpuppen, in die Luise und die Erzählerin immer wieder unversehens hinein purzeln wie Alice ins Kaninchenloch. Unten angekommen, begegnen sie ganzen Gemeinschaften von Feen, Einfüßlern und Panoten, die ihre parallelen Existenzen in relativem Einvernehmen führen. Wären da nicht die „kriegerischen Zwerge sueonischer Herkunft“, die sich gar erdreisten, aus ihrem Zauberreich herauszutreten und in das Alltagsleben der Protagonistinnen einzudringen wie vorwitzige Nagetiere.

Anstatt jedoch vollends in Hokuspokus abzudriften, spickt Minard die Lebensbeichte ihrer Protagonistin immer wieder auch mit lakonischen Bemerkungen zum Älterwerden („Die Fahrerlaubnis zum Beispiel scheint heutzutage schon Zwölfjährigen erteilt zu werden“) oder über nervige Journalisten, die sie – ganz ähnlich wie die kriegerischen Zwerge – in ihrer Wohnung aufstören („Je gelehrter sie sind, desto mehr fasziniert sie meine Küchengerätschaft“). Inmitten all der Zauberwesen tauchen Strap-ons und Fingervibratoren ebenso selbstverständlich auf wie Verweise auf GPS-gechippte Löwen in der afrikanischen Savanne.

Ganz eindeutig haben wir es hier mit dem Vermächtnis einer so talentierten wie verspielten Schriftstellerin zu tun, für die der reine Sprachgebrauch schon Lustgewinn bedeutet. Das Fach der trockenen Ironie beherrscht sie ebenso wie poetisch-ausufernde Naturbeschreibungen, an denen man sich kaum sattlesen kann. Der flüssige Wechsel zwischen den Sprachen – das Englische ist die zweite Heimat der Erzählerin – und der raffinierte Umgang mit verschiedenen Stilen ist Beweis genug: Begehren und Sprache sind in „So long, Luise“ eng verknüpft – führt die Erzählerin doch ihre Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, auf ihre erste Liebesnacht mit einer Frau zurück. Zeitlebens wird sie die Worte, die aus ihrer Feder fließen, streicheln, testen, teasen – wie die fremd-vertrauten Körper ihrer zahlreichen Geliebten.

„Die Postmoderne entlarvt, aber geil macht sie nicht“, ist einer jener Aphorismen, die ebenso gut ein Oscar Wilde des 21. Jahrhunderts gesagt haben könnte. Die Ironie, auch hier: Mit seinem Verwirrspiel zwischen Wahrheit und Fiktion, seiner Durchlässigkeit der Identitäten und Zeitverläufe ist Minards Roman postmoderne Literatur par excellence – eingehüllt gleichwohl in eben jenes geradezu anachronistische, barock verzierte Sprachkleid, aus dem Worte wie „Strap-on“ oder „GPS“ herausfallen wie … nun ja: sueonische Zwerge aus unserer Alltagswirklichkeit.

Tatsächlich „entlarvt“ Minard nicht. Sie erschafft prächtige Sprachgebilde; die Dekonstruktion überlässt sie uns. Und genau das macht die Verlockung dieses Buches aus.

Céline Minard
So long, Luise
Übersetzung:
Nathalie Mälzer
Matthes & Seitz
2016 · 251 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-324-7

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