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Kritik

Rückwärts lesen, vertauschte Buchstaben und "ooaeKnsnntn".

Der Kurzroman "Wie ich Nonne wurde" des argentinischen Autor César Aira ist eine querfeldein rasende, verwirrende Achterbahnfahrt der Literatur.
Hamburg

Es fing alles damit an, dass das kleine Mädchen das Eis nicht mochte. Die Familie war gerade nach Rosario gezogen, und jetzt wollte ihr Vater ihr etwas ganz Besonders gönnen: ihr erstes Eis. Eine Köstlichkeit, eine Delikatesse. Der Vater pries es an, "bis es mythische Dimensionen annahm".

Aber dann nahm sie den ersten Löffel Eis: "Es genügte, dass die ersten Kristalle auf meiner Zunge zergingen, und ich fühlte mich vor Widerwillen krank." Es schmeckte nicht, es war eklig, aber er glaubte ihr nicht. Sie weigerte sich, es war abscheulich, bitter, grauenvoll. "Iss dein Eis", verlangte der Vater: "Dafür habe ich es dir gekauft, du kleine Missgeburt." Der Streit steigerte sich, die Wut schlug höchste Wellen. Aber dann probierte auch ihr Vater ihr Eis. Und spuckte es aus: Es war wirklich ungenießbar. Wutentbrannt stürzte er in die Eisdiele, und erstickte den Verkäufer im Eiskübel.

So abstrus beginnt ein Kurzroman des argentinischen Autor César Aira, einem der großen Stars der südamerikanischen Literatur, hierzulande fast unbekannt. Aber das ist auch kein Wunder, denn er erzählt nicht epische Familiengeschichten oder politische Parabeln, auch nicht philosophische Kurzgeschichten wie Jorge Luis Borges. Aira ist ein Postmoderner, der vor gar nichts zurückschreckt.

Schon gar nicht vor Absurditäten wie der Eisgeschichte. Die immerhin dadurch aufgeklärt wird, dass es damals eine Welle von Lebensmittelvergiftungen in Argentinien gab. Nicht aufgeklärt wird im Roman, warum das kleine Mädchen, das in der Ich-Form erzählt, zum Jungen César wird, wenn Lehrerin oder Arzt es ansprechen. Oder was es mit dem Nonnentum im Titel auf sich hat - davon wird nie wieder geredet. Oder was es mit den Geschichten auf sich hat, die das Mädchen (oder der Junge) erzählt, von dem man später erfährt, dass der Fieberwahn aus ihr sprach.

Aber auch nach den Anfällen bleibt es abstrus: Im Krankenhaus lügt sie ihren Arzt an: "Ich war nicht bereit, mit der Wissenschaft zusammenzuarbeiten. Wegen eines Ticks, einer Laune oder Manie, die ich mir selbst nicht erklären konnte, sabotierte ich die Arbeit des Arztes und betrog ihn." Sehr ausgefeilt: "Ich überhörte eine Frage und antwortete erst dann auf sie, natürlich falsch, wenn er die nächste stellte, oder ich antwortete, auch hier wieder in trügerischer Absicht, auf ein Element der Frage, zum Beispiel auf ein Adjektiv oder eine Zeitform des Verbs, nicht aber auf die Frage an sich." Später stellte sie sich vor, sie sei eine Lehrerin, und alle Schüler hätten Schreibstörungen: Der eine kann nur rückwärts lesen, der andere vertauscht die Buchstaben, einer schreibt zuerst die Vokale und dann die Konsonanten: das Wort "Konsonanten" war also "ooaeKnsnntn". Zweiundvierzig Mitschüler, alle behandelte sie individuell, in der Phantasie. Saß stundenlang unbeweglich und verteilte im Kopf Aufgaben und ließ den Kindern dabei ihre Schreibschwächen. Bis in die letzte Konsequenz: "Der Junge zum Beispiel, der seitenverkehrt schrieb, hatte eine Frau zum Vater und einen Mann zur Mutter. Was zudem Einfluss auf seine schulischen Leistungen hatte, da er seiner Mama (die ein Mann war und folglich nicht kochen konnte) bei der Zubereitung der Mahlzeiten behilflich sein musste und daher keine Zeit für die Erledigung der Hausaufgaben hatte". Es war "ein Inferno von Komplikationen. Keine reale Lehrerin hätte sich ein solches Aufgabenpensum aufgeladen."

Dieses nie endende Feuerwerk von Ideen kommentiert und erklärt die Ich-Erzählerin César ständig: "Wenn ich das erzählen will, muss ich mich auf Beispiele beschränken. Dies bedeutet einen Ebenenwechsel, da ich mich der unseligen Logik des Beispiels bislang zu entziehen wusste. Wenn ich nun doch auf sie zurückgehe, dann aus Gründen der Klarheit", schreibt er einmal. Oder behauptet, dass die Organisation der 42 Schüler im Kopf doch "für eine Sechsjährige von einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen zeugt".

Airas Buch ist eine querfeldein rasende, verwirrende Achterbahnfahrt durch die Möglichkeiten, Literatur zu schreiben. Abschweifungen und Einfällen geht er gern nach, manchmal gelingt es ihm nicht, daraus auch einen Faden zu machen, an dem man sich weiterhangeln kann, aber das macht ihm nichts, und dem Leser macht es eigentlich auch nichts. Denn Aira hat eine Eigenschaft, die vielen Autoren fehlt: er hat einen kindlichen und surrealistischen Humor. Er beherrscht die Leichtigkeit des einfach vor sich hin Erzählens. Die Lust am Fabulieren. Den Spaß an den Einfällen. Am Patchwork der Stilebenen und Erzählhöhen und am Fall aus ihnen heraus. Realismus, religiöse Mystik, Phantastik, Coming-of-Age - alles gilt Aira gleich: Er suhlt sich in einem schelmischen Erzählen mit viel Hintersinn. Denn ist dieses assoziative Schreiben, das Springen zwischen den Szenen und Wörtern nicht auch der unverbildete Blick einer Sechsjährigen?

So geht das bis zum Schluss. Denn da lockt die Witwe des Eisverkäufers sie in ihre Wohnung und erstickt sie in einem Eiskübel: "Unter zum Himmel schreienden Schmerzen barst meine Lunge, mein Herz zog sich ein letztes Mal zusammen und blieb stehen... Das Gehirn, mein zuverlässigstes Organ, arbeitete noch einen Augenblick länger, kaum lang genug, um zu denken, dass das, was mir jetzt passierte, der Tod war, der wirkliche Tod..." Mit diesen Worten endet die stilistische und phantastische tour de force eines kleinen Mädchens. Oder Jungen.

César Aira
Wie ich Nonne wurde
Aus dem argentinischen Spanisch von Klaus Laabs
Matthes & Seitz
2015 · 125 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-080-2

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