Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Attack of the difficult poems

Schule zur Entwicklung lyrischer Trittsicherheit
Hamburg

I want to be understood,
just not by you

(aus Ch. Bernstein: Me and my Pharao)

 

Im Geiste sehe ich, sowas kann mein Geist, geneigte LeserInnen die Schulter zucken. Schwierige Gedichte, was soll das schon sein? Mich kann nichts mehr schocken, schwierich kennich, kannich, kummerangich.

Let’s give it a try:

Mass of van contemplation to intercede crush of
plaster. Lots of loom: “smoke out”, merely
complicated by the first time something and don’t.
Long last, occurrence of bell, altitude, attitude of.
The first, at this moment, aimless, aims. To the
point of inordinate asphalt – lecture, entail.
These hoops regard me suspiciously. A ring
for the shoulder (heave, sigh …). Broadminded in
declamation, an arduous task of winking
(willing). Weary the way the world wearies,
circa 1962 …

Verlassen wir hier den Anfang des Langgedichts ‘For Love Has Such a Spirit That If It Is Portrayed It Dies”, veröffentlicht 1981, das sich noch viele Seiten weiter windet. Kein Highway der ästhetischen Beseeligung im Abendlicht, sondern ein vom Laster ausgekippter Haufen Pflastersteine präsentieren sich. Das klingt, wie erwartet, nicht nach den wohlig-virtuosen Klängen der ‚official verse culture’, wie Bernstein sie nennt, nach den Wohlklängen der Lyra. Eher so, als wäre das Griffbrett seiner Gitarre, Bernstein ist durch und durch Amerikaner, nicht so ganz fest am Korpus fixiert, schlackert etwas, als könnte seine Klampfe wegen gewisser Defekte die Stimmung nicht halten.

Woran fehlt es? Schon die kurze Probe zeigt, dass Bernstein kein Kostverächter sprachlicher Stilmittel ist. Was ist es denn, was im sonstigen Sprachgebrauch die Stimmung hält, dem lyrisch angereicherten Sprachbau und nicht nur diesem das feste Rückgrat gibt, ein Sprachgebrauch, mit dem sich gleichermaßen kunstvoll Giersch besingen und Griechenland diskutieren lässt, die in der ästhetischen Dichtkunst nicht nur vergangener Zeiten so angenehm glatt den Hals hinunterrutscht? Ist es – Konvention?

Charles Bernstein hält es mehr mit den Gräten, bekannt wurde er mit sperrigen Werken, die das Sprachmaterial gegen den Strich bürsten, was er in einigen Arbeiten bis in die Reihenfolge der Wörter trieb, Satzteile gegen die Sprechrichtung einbaute. Der Leser rennt in seinen Texten oft fast schmerzhaft gegen die Lesegewohnheiten an; die üblichen Techniken, wie sich der mit moderner Lyrik vertraute Leser via assoziativem Verschwurbeln dennoch ‚Sinn‘ konstruiert - dagegen sind viele der Texte gezielt immun.

Bernstein ist Jahrgang 1950, einer der führenden Protagonisten der L=A=N=G=U=A=G=E-Poetry, die nach einer von ihm zusammen mit Bruce Andrews gegründeten Zeitschrift benannt wurde. Er wurde inzwischen Professor, lange im Clinch sowohl gegen die Abwehr als auch gegen die Umarmungen des Establishments und ist einer der bekanntesten avantgardistischen Dichter Amerikas (soweit die eben bekannt sind). Das ist einerseits Drang und andererseits auch seine Begabung, er ist virtuoser Poet, eloquenter Redner, begnadeter Essayist und ein unterhaltsamer Performer von  Texten.

Und es war für ihn keine leichte Übung, einen nicht bereits besetzten Flecken zu finden, wenn man sich ein Land vorstellt, in dem Gertrude Stein ihr Unwesen getrieben hatte, in dem die Beat-Generation ihre poetischen Arbeiten hinausgeheult hatte und andererseits die zweite Welle des Modernismus mit Frank O’Hara und Ashbury sich bereits etablierte.

Bernstein ist ein zoon politikon, sowohl was im engeren Sinn die polis angeht - seine Arbeiten sind Stadt-Texte, Kopf-Texte, für einen in der Wolle gefärbten New Yorker ist Natur das, woraus man Burger macht. Vor allem aber ist es ein politisches Denken, was sich in seinen Texten artikuliert.

Die Grundidee ist, in der Anordnung des Sprach-Materials die Rolle der Sprache zu hinterfragen: sie, beziehungsweise ihr konventioneller Gebrauch zementiert ein konventionelles Denken ein, in dem die Fragen nach Macht und sozialen Strukturen nur noch entlang konventioneller Pfade diskutierbar sind. Die Befreiung der Sprache von der Konvention ist immer gedacht als Schritt zur Befreiung des Denkens aus der Konvention, zu seiner Radikalisierung.

Man muss vermutlich für das Problem der Sprache sensibilisiert sein, um seine Texte zu ‚mögen‘ – oder, ein kleines Schrittchen radikaler - sensibilisiert für die elende Neigung von Sprache zum Verbiedern.

Kann man denn das verstehen, was er schreibt? An dieser Frage scheiden sich die Geister, denn sie impliziert, dass der Fragende schon weiß, was verstehen ist, z.B., dass die Pflastersteine in ein säuberliches Mäuerchen eingesetzt werden, hinter dem das Ich sich wohl und sicher fühlt, wie ein Gartenzwerg auf seinem Rasen. Von diesem Ich, These, will Bernstein nicht verstanden werden, das ist das ‚not by you‘ aus dem Motto oben.

Was er an die Stelle der Konvention setzt ist - in meinen Augen - von sehr unterschiedlicher Qualität, experimentelles Schreiben enthält keine Erfolgsgarantie.  Aber Bernstein war immer ein virtuoser Sprachspieler, dessen Sätze oft krude Mischungen aus dem Wortschatz der Hochgebildeten mit Alltagswendungen sind, die nur selten da einrasten, wo der übliche Wortgebrauch es erwartet, häufig klangliche Übersprünge in den ‚falschen‘ Kontext vollziehen - immer herausfordernd und nie platt.

Die Auswahl von 35 Pflastersteinen Bernsteins, die Luxbooks 2014 in seiner Americana Reihe letztes Jahr ausgekippt hat, können jedenfalls als Schule zur Entwicklung lyrischer Trittsicherheit dienen. Als Anthologie decken sie die Zeit zwischen 1975 und 2010 ab, eines der Gedichte ist für den Band entstanden. Das Buch ist zweisprachig, hat 330 Seiten und kaum Materialien, woraus der mathematisch gebildete Leser zu Recht den Schluss ziehen wird, dass mindestens einzelne Texte Langgedichte sind.

Die Übersetzungen stammen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler, oft in kollektiver Autorenschaft übersetzt. Allerdings ist die Qualität der Übersetzungen weit gestreut. Der seltsame Eindruck, den man erhält, wenn sich als allererstes Wort der Gedichttitel Asylum (geschlossene Anstalt) in ein im deutschen völlig anders konnotiertes Asyl fehlübersetzt findet, bestätigt sich im Verlauf leider immer wieder. Neben liebevollen Aufgreifen mancher Wortspiele finden sich wieder Strecken, besonders in den Langgedichten, die sich wie wenig bearbeitete Roh-Übertragungen anfühlen, dazu strotzen die Übersetzungen von Fehlern/Unsauberkeiten (da wird aus ‚My hands are cold but I see nonetheless with an infrared charm’ ‚Meine Hände sind kalt doch ich seh’ trotz allem bei UV-Licht blendend aus‘).

Der eigentliche Charakter der Bernsteinschen Sprechweise wird natürlich trotzdem deutlich, zumal das Spiel mit dem beinah gesagten, aber nur lautlich angedeutetem eine grundlegende Hürde auch für professionelle und erfahrenere Übersetzer ist. Wer es genauer wissen will oder in die inhaltliche Erschließungsarbeit einsteigen will: luxbook hat die Originale mit abgedruckt, es hat großen Reiz, sich mit Hilfe der Übersetzungen in diesen Kontexten eigene Kletter-Routen zu suchen.

Ein Buch mit dem schönen Titel ‚attack of the difficult poems‘ hat Bernstein übrigens 2011 in den USA vorgelegt, allerdings enthält es eine Sammlung der poetologischen Essays Bernsteins, die es an Zugänglichkeit und Pointiertheit nicht mangeln lassen - also was ganz anderes.

Charles Bernstein
ANGRIFF DER SCHWIERIGEN GEDICHTE
Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette u. Mathias Traxler
Luxbooks
2014 · 380 Seiten · 29,80 Euro
ISBN:
978-3-939557-88-3

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge