Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

"Dichtung ist zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen.“

Hamburg

Charles Bernstein, übersetzt von Astrid Nischkauer

Wenn man Charles Bernstein glauben kann, ist das, was ein Gedicht ausmacht, weder Liebe, noch Poesie, eine Idee oder die Worte, sondern schlicht und einfach das Timing.

Was aber macht die Übersetzung von Gedichten aus? Und die von Bernsteins im Speziellen?

„Autoren, Kritiker, Lektoren und Kulturjournalisten schämen sich seit einiger Zeit nicht zu sagen, dass sie ein Buch nicht verstanden hätten. Haben sie ein Buch nicht verstanden, meinen sie, das Buch wäre schuld. Sollten wir nicht lieber so tun, als hätten wir das Buch verstanden - und weiter denken? Irgendwann werden wir mehr verstehen.“ Das schreibt Olga Martynova in ihrem Beitrag zur aktuellen Neuen Rundschau und ich zitiere den Satz, weil er mir Mut gemacht hat, mich weiter mit den Gedichten und Übersetzungen, mit dem Versatorium und ihrem Projekt auseinander zu setzen. Von Miriam Rainer finde ich in “Gedichte und Übersetzen“ dazu folgendes: „a criticism is responsible to the degree it is able to respond you write. kritik ist in dem maße verantwortlich in dem sie imstande ist zu antworten.“

Aufschlussreich für das hier zu besprechende Buch war nicht zuletzt die Replik Marco Bascheras auf die Essays von Felix Philipp Ingold zum Übersetzen. Baschera schreibt von der „Autorität der Sprachen“, mit denen der Übersetzer konfrontiert ist. „[…] Grundlage für diese Haltung ist die Einsicht, dass Gedanke und sprachlicher Ausdruck sich immer gegenseitig bedingen.“

Dass das ein Thema ist für die Texte des Versatoriums steht außer Frage. Fragwürdig hingegen scheint mir die Entscheidung, ob die Autorität der Sprache aufgebrochen wird, oder ob sie sich nicht vielmehr im freien, spielerischen Umgang mit der fremden Sprache erst recht manifestiert.

„Bestimmte sprachliche Klänge oder besondere Beziehungen zwischen Wörtern können in den Schreibprozess einfallen“, schreibt Baschera, und das ist genau das, womit sich die ersten Texte in „Gedichte und Übersetzen“ beschäftigen.

Zum Beispiel hier unter den Kürzeln cb für Charles Bernstein und amz für Anna Zalesko: „Dreizehn Jahr noch und es wird ein Jahrhundert vergangen sein, seit unsere Dichter auf diesem Kontinent eine neue Schriftlichkeit gründeten, welche der Freiheit ihr Dasein verdankt und welche auf den Grundsatz vereidigt ist, dass Bedeutung mehrdeutig und kontextuell sei.“ Oder hier (unter dem Kürzel mp, Marlies Peter): „Die Aufgabe der Übersetzerin besteht darin, eine Ökonomie der Mehrdeutigkeit oder Unergründlichkeit sowie der Klangdynamik zu bewahren und diesen Merkmalen im Lauf der Arbeit nicht weniger Wert beizumessen. Wir kennen viele Beispiele von Gedichten, die in ein flüssiges oder umgangssprachliches Englisch übersetzt worden sind, das in scharfem Gegensatz zu den herrlichen Zähflüssigkeiten und Assimilationswiderständen des Originalgedichts steht: eine langweilige und beschränkte Art des Übersetzens, obwohl ich anmerken muss, dass dies der „offizielle“ Weg, die autorisierte Methode ist.“

Gegen diesen offiziellen Weg, die autorisierte Methode hat sich in Amerika bereits Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Bewegung formiert, die das Ziel verfolgt, neue Wege zur Auseinandersetzung mit der Sprache im Allgemeinen und dem Gedicht im Besonderen zu ermöglichen. Ziel der L=A=N=G=U=A=G=E Poetry, dessen bekanntester Vertreter Charles Bernstein sein dürfte, ist es allzu starre politische und sprachliche Identitäten in Bewegung zu setzen. Die Gruppe Versatorium, die sich nun sowohl der Gedichte als auch der Übersetzung von Charles Bernsteins Gedichten angenommen hat, ist eine Vereinigung von Studenten, Wissenschaftlern und Übersetzern, Gedichte und Essays bestimmter Autoren untersucht und übersetzt. Derzeit beschäftigt sich Versatorium übrigens mit dem Werk von Rosemarie Waldtrop.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich in dieser Besprechung nur einen Bruchteil dessen streifen kann, worum es eigentlich geht. Schließlich geht es, wie der Titel verspricht, um „Gedichte und Übersetzen“. Ein schier unerschöpfliches Thema.

Erst wenn die Sprache (zer)bricht, werden die tieferen (verborgenen) Bedeutungen sichtbar. Diese Vorüberlegung schafft die Basis für ein Nachdenken darüber, was Übersetzen eigentlich ist. Es ist nie das Gleiche. Jedoch sind es immer brückenbauende Konstruktionen von einer Sprache zur anderen, vom Ausgangsgedicht zum neuen Gedicht. Dieser Akt des Brückenschlagens wird in „Gedichte und Übersetzen“ beleuchtet.

Die Art, wie das sehr genaue Hinhören auf die Laute und ihre Bedeutung für das Gedicht bewusst und nachvollziehbar gemacht wird, ist nicht nur für Menschen, die übersetzen, sondern für jeden, den Sprache interessiert, anregend, erhellend und oft einfach spannend.

Dabei kommt der Humor nicht zu kurz. Neben der Thematisierung von Methoden und Reformen des Anglistikstudiums, stehen sich immer wieder Ausgangsgedicht und übersetztes Gedicht gegenüber. Aus „From Talk Alone you Don´t Get a Poem“ wird „Vom Torkeln nicht gibt’s kein Gedicht“.  

„Als blieben die Bedeutungen in der Worthaut zurück, aus welcher sich das Bewegende und Gehende herausgehäutet hätte. Das Gedicht durchschreibt und durchschreitet die unbekannte Gegend zwischen Worthaut und Aus-dem-Wort-Gehendem. Als übergehende Grenze zu beiden durchgeht das Gedicht das Zwischen, ist weder eines noch anderes, ist Übergang.“

Diese Konzentration auf das Fließende ist es, die das vorliegende Buch so anregend macht. Ich würde mir wünschen, derartige Bücher könnten Gegenstand von Literaturdebatten sein. Denn Debatten, die sich mit derartigen Büchern und Gedanken auseinandersetzen, müssten zwangsläufig Welten eröffnen, statt neue Schubladen zu schaffen.

In diesem Sinne zum Abschluss noch ein Zitat, aus einer riesigen Menge an zitierwürdigen Sätzen:

„Ich begrüße eine Poetik der Fassungslosigkeit. Ich weiß nicht, wohin ich mich bewege und wusste es auch nie, sondern versuche so gut wie möglich mit dem zurechtzukommen, was mich gerade bewegt. Die Dichtung, die mich am meisten angeht, ist nicht theoretisch gewieft, zwar hat sie in der Tat eine Poetik und Ästhetik, aber keine festschreibende Theorie; sie ist vielgestaltig und chaotisch, versetzt und schichtet stets aufs Neue. Kompetenz ist für mich weniger maßgeblich als Antwortbereitschaft, Beweglichkeit; Geschicklichkeit und Erfindung maßgeblicher als Lösungen zu vorgegebenen Problemen.“

Versatorium hat ein Buch vorgelegt, das Fragen aufwirft, und mit diesen Fragen eine erhöhte Position schafft, von der aus ein besserer Überblick möglich ist, statt die Sicht mit Antworten zu verstellen.

 

Die Beteiligten am Buch: Judith Aistleitner, Katherine Apostle, Gabriella Attems, Aida Besirevic, Jullia Dengg, Helmut Ege, Monique Ehmann, Nino Idoidze, Katharina Lehner, Astrid Nischkauer, Natalie Neumaier, Mirjam Paninski, Marlies Peter, Miriam Rainer, Julia Rosenkranz, Anja Sander, Katharina Schindl, Dimitri Smirnov, Nina-Victoria Truskawetz, Franz Vala, Peter Waterhouse, Jennifer Weiss, Katharina Widholm, Anna Zalesko.

Charles Bernstein
Gedichte und übersetzen
Versatorium, Band 1.1.
Aus dem US-Amerikanischen von VERSATORIUM und Peter Waterhouse, z. T. zweisprachig
Edition Korrespondenzen
2014 · 208 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-902113-97-9

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