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Kritik

Neues vom Dirty Old Man

Maro veröffentlicht bisher unübersetzte Gedichte des 1994 verstorbenen Charles Bukowski
Hamburg

In den Zeiten, in denen Gedichte noch gelesen wurden, war er einer der ganz Großen in Deutschland: Charles Bukowski sprach zu einer ganzen Generation von Lesern, die ihn immer als das wahrgenommen haben, als was er erscheinen wollte, als Dirty Old Man, ein Säufer, der unbeherrscht unmaßgebliche Meinungen anderen zuposaunt, dem alle Kulturmeierei zuwider ist und der sich für einen der größten Dichter seiner Zeit hielt. Wofür er natürlich nie gehalten werden wollte: „Das gefällt mir gar nicht, / weil ich glaube, / dass etwas verdammt schief gelaufen ist, / wenn man der größte lebende Schriftsteller ist.“ („Nur ein Vorschlag“).

Immerhin kommt solches Lob von Lesern, und mit denen will er sich offensichtlich nicht gemein machen. Selbstverständlich will er von ihnen hören, dass er „der beste Billardspieler der Welt“ ist oder „der beste Ficker der Welt“ oder „der beste / Pferdewetter der Welt“. Alles andere würde seinem Programm nicht entsprechen.

Allerdings kommen Autoren wie jener Exponent der konkreten Poesie, die sprachliche Klöppelarbeiten verfertigen, nicht gut weg. Der Spott ist mehr als offensittlich, und was in der Nacht passiert ist, die der Besucher des „berühmten Dichters“ dort volltrunken verbracht hat, bleibt völlig offen.

Die Pose des verkannten und versoffenen Genies perfektionierte Bukowski, und stand dabei zugleich mit einer eigenen Biografie dafür ein, dass das alles authentisch war, Leben und Werk identisch sein sollten. Noch als Autor literarischer Texte ist er ein Extrem: „Jetzt arbeite ich für Herausgeber, Leser / und Kritiker. / Hänge aber trotzdem noch rum / und saufe mit Mozart, Bach, Brahms und / Bee / manche Kumpel / manche Männer.“ („Freunde in der Dunkelheit“).

Was er selbst wiederum ironisch bis verbissen zu kommentieren wusste. Bukowski variierte damit ein Konzept, das in der Moderne ubiquitär war und davon absah, dass die Schranke zwischen Text und Realität, Gedicht und Leben unüberschreitbar ist. Er tat mit großem Erfolg so, als ob das Gegenteil der Fall war und er selbst dafür einstand. Aber selbstverständlich war er sich dessen bewusst, dass hier eine entschiedene Linie verlief, die niemand überschreiten kann. Denn bei aller Pose und allem Alkohol, Bukowski war ein ungeheuer empfindsamer und intelligenter Autor.

Das hat ihn gegenüber anderen Autoren nicht duldsamer gemacht. Bis ins Gedicht hinein verfolgte er sie mit ihren Kunstattituden, ihren Kompromissen, die sie mit dem Establishment und dem Erfolg gemacht hatten – Kunstdarsteller, statt Künstler ist der Vorwurf, den er immer wieder lautstark vorbringt. Denn wenn ich etwas aufbringt, dann ist das schlechte Schreibe – die sich eben dadurch auszeichnet, dass sie nicht wahrhaftig ist.

Authentizität ist mithin ein Wert im Kosmos dieses Charles Bukowski, und seine Gedichte demonstrieren das. Schon allein im lakonischen, immer leicht gereizten Tonfall ist zu erkennen, dass wir es hier mit einem zu tun haben, der keinen Spaß versteht, wenn es um das Werk geht.

Dass seine Gedichte dennoch leicht und zufällig klingen sollen, ist dabei das Produkt einer harten Auseinandersetzung und Arbeit, die er selbst wieder dementiert. Er selbst und die Schreibmaschine bilden eine Werkgruppe, die sich gegen alles andere, die Welt, seine Frau, andere Autoren abschottet. Der Schreibprozess wird als zentral inszeniert. Er ist es, der im Zentrum von Bukowskis Werk steht, nicht die einzelnen Texte selbst. Die können wechseln und variieren, unterschiedliche Themen anspielen und sich immer wieder weiter im Kreis drehen. Der Schreibprozess selbst bleibt im Zentrum: Ein alter Mann, der in der ersten Etage sitzt, der tippt und säuft und raucht und dessen zerfressene Visage ihn als das auszeichnet, was er sein will, ein Außenseiter. Einer der nie ankommen wird in dieser Gesellschaft, die zugleich verachtet und benötigt, die er abschätzig betrachtet und in der er sich halbwegs behaglich einrichtet.

Freilich ist das eine zutiefst romantische Pose, die Bukowski hierbei einnimmt, und er gehört zu den Widersprüchen, die einzuhalten sind, das dieser burschikose Mann, dessen Stilmerkmal die Lakonie und der zurückgenommene Formwille ist, dies mit größter Sorgfalt zu inszenieren versteht.

Keine Frage außerdem, dass Bukowski politisch nicht perfekt ist, seine Sprache ist deftig und offenherzig bis zur Anzüglichkeit, sein Vokabular ist derb, er ist sexistisch, schaut auf jeden Hintern und jene Brust (die er so nicht nennt) und frönt dem Alkohol. Dass dies große Anstrengungen erfordert, ist ihm nicht anzumerken – allerdings, wieso auch, gehört er doch zu den Altmeistern dieser Schreibweise.

Selbst Briefe seiner weiblichen Fans werden zu Gedichtstrophen – und man weiß nicht so recht, ob er die Bewunderung genießt (er tuts), oder ob sie ihm peinlich ist. Dass er am Ende dieses Gedichts („Ich bin keinen Frauenfeind“) gut klingende Ratschläge erteilt, mag man ihm da gar nicht abnehmen. Seine herbe Front weist Risse auf.

Mag sein, dass Bukowskis spätes Werk in der Tat nicht mehr den Biss seiner frühen Jahre hat – aber auch seine Leser sind älter geworden. Dass dieser Band im altbekannten Maro-Verlag erscheint (er ist eine Auswahl eines 1986 erschienenen Gedichtbandes), ist immerhin auch so etwas wie eine freundliche Erinnerung an Zeiten, in denen man solche Autoren und solche Texte entdecken konnte, der Wut und Taktlosigkeit gleichermaßen groß ist. Das löst Reminiszenzen aus, die dann der Lesevergnügen nochmals erhöhen. Es ist schön, diese Stimme wieder zu hören, sie dabei zu begleiten, wie sie verärgert schimpft und bissig kommentiert. Die deutsche Synchronisation wird von Esther Ghionda-Breger gesprochen und eben nicht mehr von Carl Weissner, der den früheren Bukowski übersetzt hat. Sie zu vermissen heißt nicht, die Leistung der heutigen Übersetzerin zu schmälern. Stattdessen sei sie nach mehr gefragt. Und die Frage gestellt: Wo bleiben die legitimen Nachfolger des Dirty Old Man?

Charles Bukowski
Alle reden zu viel und andere Gedichte
Übersetzt von: Esther Ghionda-Breger
Maro Verlag
2015 · 160 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-87512-469-9

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