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Wortschau, Veranstaltung Marburg
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Wortschau, Veranstaltung Marburg
Kritik

Jenseits der goldenen Scheißhäuser

Bukowskis Lesung im Jahr 1978

Welchen Sinn hat eigentlich das Leben? Eine Frage, die nicht alleine in die akademischen Elfenbeintürme der Philosophie und schon gar nicht in den Schoß der katholischen Kirche unter Leitung des „scheinheiligen Vaters“ (Udo Lindenberg) gehört. Sie ist existenziell für fast jeden denkenden Menschen und nicht selten ständig präsent. Aber wer hat sie beantwortet, wer kann sie überhaupt beantworten? Was ist also der Sinn? Die tägliche Tretmühle? Job, Aufstieg, Frau, Haus, Kinder, besserer Job, neues Haus, neue Frau, neue Kinder? Sind das erstrebenswerte Daseinsziele? Für manch einen Durchschnittsspießer bestimmt. Oder, wenn man ökonomisch ein wenig gesicherter dasteht als die nach Karl Marx sich verabschiedende Mittelschicht, so kann man das Motto der hiesigen Existenz auch noch weiter  reduzieren: Schöne Autos und schnelle Frauen  – oder umgekehrt! Und?
Henry Charles Bukowski hat sich solchen Fragen gestellt. Er hat sich ihnen anders genähert, als es die verschiedenen universitären Nebelwerfer aus Philosophie, Theologie oder Soziologie zu tun pflegen. Nämlich aus dem harten, vielfach für ihn unerträglichen Alltag heraus. Und das nicht mit wissenschaftlichen Abhandlungen oder weinerlichem Bedauertwerdenwollen. Nein. Er war anders! Er war direkter! Er war durchaus ein außergewöhnlicher Mann und sicherlich ein beachtenswerter Literat! In dem Gedicht „Wo war ich?“ heisst es beispielsweise:

„Ich war nicht einsam
und empfand kein Selbst-
mitleid. Ich hatte nur
zu rudern in einer Existenz
in der ich keinen Sinn
entdecken konnte.

Bukowski, 1920 im deutschen Andernach als Sohn eines US-Soldaten polnischer Herkunft und einer deutschen Mutter geboren ist leider bereits am 09.03.1994 in Los Angeles / USA an Leukämie verstorben. Er hat über reichlich lange, harte, schwere und ihn zerreissende Umwege das zu sein erkämpft, was er immer sein wollte: Schriftsteller. Und zwar nicht einer der Lieblinge der Kulturschickeria:

Hank, so sein altes Ego, der sich jahrelang mit den stupidesten Jobs als auch dazugehörigen Chefs im amerikanischen Alptraum durchzuschlagen hatte, oftmals im Alkohol den einzigen Trost zu finden vermochte, sich keinen Illusionen über bürgerliche Lebensziele hingab, die Beziehungen zum anderen Geschlecht als das beschreibt, was sie letztlich sind, nämlich mehr als kompliziert, fand zu unserem Glück seinen Weg zum Schreiben. Dabei gelang und gelingt es der etablierten Literaturkritik bis heute nicht, ihn einem Stil zuzuordnen, ihn in den gängigen Schubladen unterzubringen, sein Werk kaputt zu kritisieren. „Ich bin kein lyrischer Entertainer, und ich habe nicht vor, mich auf die goldenen Scheißhäuser der Kultur zu abonnieren.“ Diese Aussage artikuliert unzweideutig Bukowskis Haltung zu den herrschenden literarischen Kreisen sowohl in den USA als auch darüber hinaus. Dass er von seinen zumeist dumpfbackig daherkommenden Kritikern bis heute als alkoholkranker Krawallmacher, Trivialist, Fäkalsprachenakteur oder gar Sexist verunglimpft wird, vergrößert letztlich seinen berechtigten Ruhm.

Illusionären Träumen, mit seinen lebendig-toten Mitmenschen möglicherweise die verkorkste Gesellschaft verändern zu können – was ich beispielsweise bis heute zu hoffen nicht aufgegeben habe -, gab er sich nie hin. Der Erfolg kam spät. Lange, viel zu lange, musste Hank verschiedenste Drecksarbeiten durchstehen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Nicht alleine die verrückt-versoffenen Frauen, mit denen er immer wieder eine Art Hass-Liebe-Beziehung einging, sondern vor allem die stupiden Jobs machten ihm das Leben zur Hölle. Ob als Leichenwäscher, Toilettenmann, Arbeiter in einer Hundekuchenfabrik, Nachtwächter, Erntehelfer oder später als Angestellter der Post der Vereinigten Staaten von Amerika. Es dauerte sage und schreibe bis zu seinem 49. Lebensjahr, ehe Charles Bukowski es wagte, die „normale“ Arbeit an den Nagel zu hängen, es versuchte, alleine durch das Schreiben über die restlichen Runden irdischer Existenz zu kommen. Den ersten größeren Erfolg brachte ihm sozusagen sein letzter wirklicher Job, eben die Beschäftigung bei der Post. Unvergessen bis heute der Roman „Post Office“ (in Deutschland: „Der Mann mit der Ledertasche“). 

Die einzige Lesung des Charles Bukowski in Deutschland, die am 18.05.1978 in der ausverkauften Hamburger Markthalle vor etwa 1200 freudig erregten Fans und nicht weniger emotionalisierten Gegnern stattfand, hat vor drei Jahren lobenswerterweise der Verlag Zweitausendeins, der sie vor x Jahren  schon als Schallplatte veröffentlichte, als CD auf den Markt gebracht. Es ist ein Genuss, wie die ruhige, klare Stimme des gerne so genannten „Dirty-Old-Man“ wunderbare Gedichte vortrug. Um seine Nervosität zu beruhigen, mussten in seiner Nähe zwei Flaschen Weisswein stehen – immer in Reichweite. Es floss aber eben nicht, wie von selbsternannten Bukowskiexperten bis heute verbreitet wird, flaschenweise Hochprozentiges seiner Kehle hinunter. Dem Vortragenden gelang es, äußerst schlagkräftig (nicht im wörtlichen Sinne) mit den Anfeindungen mehrerer Krakeeler umzugehen, beispielsweise, in dem er einen dieser Störer aufforderte, nach Hause zu gehen, wo doch Mama bereits mit Milch auf ihn warte. Wem die Umstände des Auftrittes von Bukowski in Hamburg als auch sein zuvor in der französischen Fernsehsendung „Apostrophes“ durchgestandenen Provokationen des Moderators interessieren, kann das gesamte Geschehen übrigens in dem mehr als empfehlenswerten Bukowski-Buch „Die Ochsentour“ nachlesen.

11,90 Euro für etwa 45 Minuten gesprochenen Literaturgenusses sind zwar in Zeiten, in denen sozialpolitische Taliban wie Guido Westerwelle als regierende Verfechter neoliberalen Kapitalismus‘ Verantwortung tragen, recht viel. Der Inhalt dieser empfehlenswerten CD entschädigt allerdings den Preis. Wer Charles Bukowski mag oder ihn noch gar nicht kennt, sollte zugreifen. Versteht man nicht alles im amerikanischen Original, so sind im Booklet die deutschen Texte von Carl Weissner, des Autors deutschen Freund und Übersetzers, sicherlich sehr hilfreich. Aber: Es bietet sich in diesem Fall nicht unbedingt an, ein Sixpack Bier dazuzustellen. Falls man die CD alleine hört, wird es zeitlich knapp, sechs Dosen / Flaschen in einer dreiviertel Stunde ihrer Bestimmung zuzuführen.

Charles Bukowski · Simone Höfer (Hg.)
Hello! It’s good to be back!
Übersetzung:
Carl Weissner
Fotograf: Michael Montfort
Zweitausendeins
2007
ISBN:
978-3-861506973

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