Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Gertrud Kolmar Preisverleihung
x
Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Giftmischerei und Gedankenübertragungen

Charles Warren Adams ist der Stammvater des Kriminalromans
Hamburg

Ein höchst unterhaltsames Kuriosum der Literaturgeschichte ist der zunächst 1862 in acht Fortsetzungen anonym in einer Zeitschrift erschienene, dann ein Jahr später unter dem Pseudonym Charles Felix in Buchform veröffentlichte Kriminalroman „Das Mysterium von Notting Hill“. Hier vereinen sich wohl zum ersten Mal verschiedene Elemente detektivischen Spürsinns und kriminalistischer Methodik zur Lösung eines Verbrechens. Zwar ist schon bei E.T.A. Hoffmann („Das Fräulein von Scuderi“) und Edgar Allen Poe („The Murders in the Rue Morgue“) die Basis für eine mit den Mitteln des Verstandes zu lösenden Fall gelegt, doch der vorliegende Roman geht sowohl hinsichtlich der literarischen Umsetzung als auch des deduktiven Ansatzes seines Protagonisten noch einen Schritt weiter in die Moderne hin zu berühmten Ermittlern wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot.

Der Roman besteht aus Briefen, Tagebüchern, Zeugenaussagen und einigen Dokumenten (u.a. der Grundriß eines Hauses und ein faksimiliertes Brieffragment), die der Detektiv Ralph Henderson im Auftrag einer Versicherungsgesellschaft zusammengestellt und zur Untermauerung seiner am Ende gezogenen, die Rahmenhandlung darstellenden Schlußfolgerungen dem Bericht beifügt hat. Drei Todesfälle und ihre (mögliche) Verbindung gilt es zu untersuchen. Da sind zum einen Mrs. und Mr. Anderton, ein nach den Zeugenaussagen zu urteilen einander sehr zugetanes, allerdings nervlich recht labiles Ehepaar, und zum anderen die Madame R**, ein Medium und Gattin eines Barons, der sich einen (nicht ganz zweifelsfreien) Ruf als Magnetiseur erworben hat. Welches mysteriöse Band besteht nun zwischen Mrs. Anderton und Madame R**? Warum gleichen sich die Symptome ihrer Erkrankung, warum brechen sie stets an denselben Tagen aus? Warum finden sich keine Spuren eines Gifts, obwohl alle Symptome auf eine Vergiftung hindeuten? Welches Motiv hat der umtriebige Baron R**, daß er auf seine Frau mehrere für damalige Verhältnisse sehr hohe Versicherungspolicen ausstellt?

„Das Ende des Detektiv-Romans ist der unbestrittene Sieg der ratio“, schreibt Siegfried Kracauer in seinem philosophischen Traktat. „Kein Detektiv-Roman, in dem nicht der Detektiv zuletzt das Dunkel lichtete und die banalen Fakten ohne Lücke erschlösse“. Doch ganz so einfach macht es Charles Warren Adams seinen Lesern, den damaligen wie den heutigen, nicht. Zwar präsentiert Henderson nach und nach die Fakten und schließlich seine Interpretation des Kriminalfalls, aber ob die präsentierte Lösung plausibel ist oder nicht, muß der Leser selbst entscheiden. Neu an der Figuren-Konstellation ist auch die eher passive Rolle des Ermittlers, seine Untersuchung ist nicht Teil der Romanhandlung, er ist nur jener, der aus der Ferne die Spuren zusammenträgt und Rückschlüsse aus ihnen zieht.

Die analytische Vernunft und wissenschaftliche Methodik sieht sich hier mit einem Fall konfrontiert, der in den Bereich des Übernatürlichen weist. Im Englischen bezeichnet „mystery“ schlicht einen Kriminalfall, ein Rätsel, das es zu lösen gilt, doch ist das Geschehen in diesem Roman in der Tat buchstäblich geheimnisvoll. Aus der Binnenspannung von Vernunft und Okkultismus entsteht der Konflikt, in dem sich der Ermittler (und die mit ihm ermittelnden Leser) geraten, denn es stellt sich immer wieder die Frage, ob es für die augenscheinlich mysteriösen Ereignisse nicht auch eine vollkommen natürliche Erklärung gibt. Adams’ Anleihen aus dem Genre des Schauer- und Trivialromans werden dabei durchaus manipulativ eingesetzt. Der Detektiv scheint sein Material in einer notwendig logischen Folge auszubreiten und suggeriert von Anbeginn eine Verknüpfung der verschiedenen Todesfälle. Doch sind seine Schlüsse die einzig möglichen? Es fehlt zumindest die für einen Kriminalroman typische notwendige Eindeutigkeit.

Sicherlich besitzt das „Mysterium von Notting Hill“ nicht die metaphysische Dimension, die etwa Edgar Allen Poes Detektivgeschichten auszeichnet. Doch ist auch hier das Zeitalter der Vernunft bedroht von unerklärlichen Vorgängen, denen es mit wissenschaftlicher Finesse zu Leibe zu rücken gilt — wobei ironischerweise der Magnetiseur sich chemischen Fachwissens zu bedienen weiß. Was dem Roman an literarischer Größe mangelt, macht er durch einen schönen Kunstgriff wieder wett: die Briefe und Zeugenaussagen der Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern, Handwerker etc. lassen die jeweilige Gesellschaftsschicht erkennen, kein monotoner Stil nivelliert die Unterschiede, individuelle Stimmen verleihen dem Buch einen authentischen Hauch. Und am Ende wird sogar der Leser, auch dies ganz modern, interaktiv beteiligt, weil es sich als nötig erweist, in den Dokumenten vor und zurück zu blättern.

Ein instruktives Nachwort zum Genre des Kriminalromans rundet diese gelungene Wiederentdeckung ab. Und hier erfahren wir auch, daß es gewissermaßen kriminalistischen Spürsinns bedurft hatte, das Pseudonym des Autors zu lüften, der danach keinen weiteren Roman mehr schrieb, weil sein Verlag Konkurs anmelden mußte, und als Sekretär der englischen Gesellschaft gegen Tierversuche arbeitete. Ein Gewinn für den Tierschutz, ein Verlust für die Literatur.

Charles Warren Adams
Das Mysterium von Notting Hill
Mit Illustrationen von George du Maurier und einem Nachwort von Jürgen Kaube. Aus dem Englischen von Boris Greff und Matthias Marx
Die Andere Bibliothek
2014 · 205 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
9783847730040

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge