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Kritik

“Einstimmen” von Charlotte Ueckert

Hamburg

Wie mag dieser Titel zu verstehen sein – „Einstimmen“? Mit einer Stimme sprechen? Sich auf eine Lesart, eine Sinngebung oder gar (wer immer auch auf wen) sich aufeinander einstimmen?

Schon das Titelbild des neuen Lyrikbandes der in Hamburg lebenden Autorin Charlotte Ueckert, das eine abstrahierte bläulich-hölzerne Skulptur zeigt, gibt in dieser Hinsicht Rätsel auf: man kann die Figur als Engel mit angedeutetem Flügel sehen, aber vielleicht auch als ein Paar, das einander angeschmiegt ist, und ganz sicher sind noch weitere dem Werk innewohnende Bedeutungsmöglichkeiten versteckt.

So bewegen sich denn auch die Texte des ersten und bei weitem längsten Abschnittes, der ebenfalls mit „Einstimmen“ betitelt ist, thematisch zwischen allen großen Erfahrungen, die Dichtung von jeher umtreiben: Liebe und Beziehung, (meist herbstliche oder winterliche) Natur, Innenschau, Reflexionen über das Schreiben, die Zeit, die Geschichte und den Tod. Ueckert prägt der ganzen Vielfalt lyrischer Sujets ihren persönlichen Stempel auf, indem sie sie aus dem Blickwinkel der zweiten Lebenshälfte beschreibt, sie neu miteinander verknüpft, auf ihre Weise aufeinander „einstimmt“.

         Ihre Sprache ist zeitlos-modern, sie kommt weitgehend ohne Neologismen aus, und doch wirken ihre Bilder eindringlich und unerhört: „WENN SCHNEE/Eine Landschaft verlässt/Tut ihre Blöße weh/Als wäre der Frühling/Eine Drohung/Den abgeernteten Feldern“ (S.55).

         Mit spielerischer Leichtigkeit kommen auch ihre Anspielungen auf literarische Vorlagen daher, um gleich darauf wieder in ihren ureigenen Duktus zurückzukehren: „Über allem die leichte Ruh/Zu Ende geht der Sommer/Nachts magert der Mond/Beißt mit einem Zahn“ (S.31).

         Selten gelingt der zeitgenössischen Literatur der Spagat, gleichzeitig analytisch und poetisch zu sein. Dass dies kein Widerspruch sein muss, beweisen vor allem Ueckerts Beziehungsgedichte: „ES IST WIEDER PASSIERT/Hast im Anderen/Etwas ausgelöst getroffen/Seinen Sehnsuchtsmittelpunkt/Du bist gerührt doch trauriger/Wenn du an das denkst/Was du nicht fühlst/Der Hafen versandet trotz Wind/Der in den Segeln Aufbruch verheißt“ (S.17).

         Auch wenn bei Charlotte Ueckert zuweilen von Zauber, Geistern, Hexen zu lesen ist, so immer im Kontext zu existenziellen Erfahrungen. So heißt es beispielsweise am Schluss des Gedichtes „Hexenhäuser“ (S.14): „Hätte ich das Häuschen in der Fremde/Nicht bewohnen dürfen/Wäre mir vielleicht/Der wichtigste Zauber entgangen“.

Was die LeserInnen beim eigenen „Einstimmen“ auf die Texte irritieren könnte ist das konsequente Ansetzen jeden Verses mit einer Majuskel, ganz gleich, ob es sich bei der vorangegangenen Zeile um eine inhaltliche Einheit oder ein Enjambement handelt. Ein formale Reminiszenz, die in der zeitgenössischen Lyrik fast keine Verwendung mehr findet. Die Methode unterbricht den Lesefluss zunächst zwar, verwirrt mitunter, zwingt uns jedoch, selbst neu anzusetzen, den Wortzusammenhang für uns zu definieren. Damit genau aber enthebt sich der Ansatz dem Vorwurf, reine historisierende Spielerei zu sein, denn er erfüllt einen rezeptionellen Zweck. Und doch wirkt es geradezu wohltuend, wenn das Verfahren (versehentlich?) in einem einzigen Text von sentenzhafter Kürze und Präzision unterlaufen wird:

NUR EIN MITTEL
gibt es
gegen
die Hexe
sie
zu lieben
sonst wirkt
ihr Fluch

(S.68)

Er ist bereits dem zweiten Abschnitt des Buches entnommen, der „Aus einer anderen Zeit“ überschrieben ist. Die hier versammelten Gedichte handeln von den Bitternissen zu Ende gehender Liebesbeziehungen, von Verrat, Rache und gelangen doch zu dem zumindest offenen Schluss: „So schnell kommen die neuen/Zeiten mit hochgestellten Ohren“ (S.70).

Der letzte Teil des Buches, „Zyklische Freuden – Reisegedichte aus Amerika“ ist ein lyrisches Road Movie und zerfällt analog zu den ambivalenten Erfahrungen der Autorin in zwei Unterkapitel: „Tod und Teufel, USA“ und „Hölle und Himmel, USA“. Und auch hier beweist sich noch einmal die Kraft der ueckertschen Sprache, die mitunter so einfach und klar die Verhältnisse auf den Punkt bringt, dass sie so etwas wie allgemeine Gültigkeit erlangt: „WIE STIRBT EINER AN/Gebrochenem Herzen wenn/Er kein Land hat wie/Die Indianer/Ein Mensch ist kein Land/Aber er hat ein Herz/das er in das Land eines/Fremden pflanzen kann“ (S.76).

Bei allem Respekt für die vielen nachdrängenden jungen LyrikerInnen, die sich und ihr Publikum aus-probieren im besten Sinne: Die Legitimation auch der (nach-)modernen Lyrik ensteht doch letztlich immer noch aus der Vermittlung poetischer Wahrhaftigkeit. Aus Ueckerts Gedichten spricht eine Form von Lebenserfahrung, die bei aller Ernüchterung das Staunen nicht verlernt hat. Und sie spricht mit einer Stimme, die uns in dieses Staunen immer wieder mit hineinzunehmen versteht.

Charlotte Ueckert
EINSTIMMEN
Pop Verlag
2015 · 88 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3-86356-114-7

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