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Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
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Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
Kritik

Protestpoesie von Chirikure Chirikure

Im Land der Schattenlosen

Der aus Zimbabwe stammende Chirikure Chirikure rüttelt nicht nur an den Bäumen der Oase. Auch die Gefängnisse seiner Heimatsprache und die Paläste der Herrschenden versucht er zum Einsturz zu bringen.

Lyrik muss nicht immer unzugänglich sein. Nicht nur die starke Semantisierung innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartslyrik der vergangenen Jahre spricht dafür, sondern gerade und immer wieder das, was uns an poetischen Höhepunkten von anderen Kontinenten erreicht. Einen Dichter, dem hierzulande bislang zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, präsentiert der für seine Ausgrabungen abseits des Mainstreams mittlerweile berüchtigte Wunderhorn Verlag aus Heidelberg. Chirikure Chirikure heißt der Mensch, der in Afrika dafür berühmt wurde, dass er seine Texte nicht nur drucken lässt, sondern in amüsanten Leseformaten auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht, indem er allerlei Instrumente nutzt oder von befreundeten Musikern nutzen lässt, doch das für ihn entscheidende Instrument bleibt seine eigene Stimme. Performances nennt man diese Art der Lyrikpräsentation nicht nur in westlichen Breitengraden, sondern mittlerweile auch in Zimbabwe, wo Chirikure 1962 als Sohn christlicher Lehrer geboren wurde. Die in kultureller Hinsicht doppelte Identität verhalf ihm so auch immer wieder zu Blickwinkeln, die für sein Volk nicht selbstverständlich waren: „Er hielt auf sein geweißeltes Büro zu / Schmiss das Fahrrad hin, wie man einen Dämon von sich stößt.“ Die Hoffnung, das Leblose der monokulturellen Identität zu überwinden, die an nichts weiter als ihrer mikrokosmischen und ritualisierten Einseitigkeit interessiert ist, findet sich bereits im Titel wieder: denn es gibt sie, die „Aussicht auf eigene Schatten“. Und Chirikures Schatten fallen weit. In seiner schlichten, lebendigen Diktion geht er keinerlei Kompromisse ein: Klang und Sinn haben zueinanderzufinden, wie im Text „Zurichtungen“, in dem ein „ostwärts, westwärts“ treibendes Wesen beginnt, die festen rhythmischen Klammern der Sprache auch im Leben wiederzuentdecken: „und da stehe ich / geboren, gezogen / gedrillt aufs Lesen / Schreiben / Denken / Träumen / von links / nach rechts“. Doch Chirikure findet sich nicht ab mit dem Stillstand, erst recht nicht mit Eingrenzung: „lasst den Jungen machen / lasst ihn seinen Appetit befriedigen“. Er ist niemand, der mit Leichtmut über die Verwüstungen der Erde wie auch der menschlichen Seele hinwegsieht, er will Bereinigung, auch wenn sie undenkbar ist, er will ganze Subjekte, die sich ihrer Vergangenheit sicher sein können („sein Gemüt von fern noch den Ball zu erinnern“). Die Zivilisation zählt genauso zu seiner Heimat wie der Dschungel. Nichts ist Chirikure zu fern.

Im Gedicht „Das ist Liebe“, zweifellos ein gewagter Titel, wird von einzelnen Begriffen wie „Gift“, „Durst“, „Sünde“ ausgegangen und auf schlichteste Weise, die im deutschsprachigen Lyrikkanon wahrscheinlich keinen Anklang fände, ein Bild aufgebaut, das auch in seiner Einfachheit wahr bleibt, zugleich bildlich nachvollziehbar. Erinnerungen an die Mutter werden von „Parfüm, Tabak, Alkohol und Gelächter“ überblendet, später folgen „Rauch, Staub und Tränengas“, Chirikure baut seine Gedichte nicht selten als Klimax, an deren Ende sich alles wieder in einer Frage einfindet, das Gedicht den Leser mit einbezieht, ohne ihm Antworten in den Mund zu legen. Was geschieht, „wenn der Tonkrug umkippt und zerbricht“, beschreibt Chirikure ebenso elegant wie alles, was „in der Natur der Dinge liegt / und Gras keine Beine hat // das ist die Natur von Gras“. Wo er ein Gedicht „Verkündigung“ nennt, veralbert er den prophetischen Charakter von Gedichten am schärfsten, übrig bleibt im letzten Vers nichts weiter als ein sich in Hilflosigkeit wiederfindendes Ich, das fragt: „warum? warum?“. In „Das Volk“ werden „löbliche Tugend“ und Anspruch der „Volkspartei“ mit der politisch herbeidiktierten Unbeweglichkeit der Menschen konfrontiert, „die Leute standen stumm in der glühenden Sonne herum“, während die „Lautsprecher“ als Signal scheinbaren Wandels ihre Botschaften in die Welt brüllen. Dass sie „problemlos die Tonart“ wechselten, kehrt die perfide mediale Inszenierung afrikanischer Militärregime nur noch deutlicher hervor.

Der von Indra Wussow herausgegebenen afrikanischen Reihe bei Wunderhorn ist es gelungen, einen weiteren Schatz aus dem Schoss des vergessenen Kontinents geborgen zu haben. Nicht nur im politischen Sinne ist dieser Gedichtband ein Ereignis, sondern vor allem in der Zusammenführung poetischer Relevanz und formalem Einfallsreichtum. Der zeitgemäß, doch ohne grafischen Schnickschnack gestaltete Einband trägt genauso wie die beiliegende CD, auf der Chirikures unverkennbare Stimme den Gedichten einen Körper schenkt, dazu bei, dass dieser Gedichtband trotz der Schwere seiner Stoffe eine leichte und beschwingte Angelegenheit bleibt. Chirikure Chirikure ist ein Weltenbürger, dem man gerne lauscht, egal ob er zu seinen Tiraden ansetzt oder heiter bis melancholische Songs anstimmt, die einen Genuss im besten Sinne darstellen – und das für weit mehr als einen menschlichen Sinn.

Chirikure Chirikure
Aussicht auf eigne Schatten
Wunderhorn
2011 · 120 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-884233689

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