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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Die Verlobung

Fürsorge und Egozentrik, Verehrung und Wahn liegen in Chloe Hoopers Roman dicht beieinander.
Hamburg

Es beginnt mit einem Szenario erotischer Verführungen. Die Ich-Erzählerin Liese beginnt nach einem Job-Verlust in England im australischen Melbourne für die Immobilienagentur ihres Onkels zu arbeiten. Als der wohlhabende, etwas zugeknöpfte Schaf- und Rinderzüchter Alexander Coloquhoun neben seinem Herrenhaus im Outback ein Objekt in Melbourne sucht, begegnen die beiden einander. In Immobilienobjekten, die Liese ihm vorführt, beginnen sie heimlich miteinander zu schlafen. Es entwickelt sich ein Spiel, in dem Liese die Rolle der Prostituierten einnimmt, die Alexander bezahlt. Aufgrund realer Schulden hat dieses Spiel für Liese von Beginn an auch einen ungewollt ernsten Zug. Aus fiktiven Geschichten, die Liese von ihren vermeintlichen Treffen mit anderen Kunden erzählt, erwachsen ihre erotischen Begegnungen. Nachdem sie schließlich beinahe erwischt werden, beschließt Liese nach England zurückzukehren, um der Verbindung ein Ende zu bereiten. Doch dann lädt der wohlhabende Alexander sie gegen Bezahlung für ein langes Wochenende auf seinen Landsitz ein.

Aus dem Englischen von Michael Kleeberg übersetzt, erschien DIE VERLOBUNG (Original: The Engagement, 2012) der australischen Chloe Hooper jetzt bei Liebeskind. Und es ist ein ganz großartiges Buch das hiermit vorliegt.

Sollte das Geld für das Wochenende in Alexanders viktorianischen Herrenhaus im abgeschiedenen Outback für die Rückreise und zur Tilgung ihrer Schulden dienen, ist Liese bald bereit, auf die Summe zu verzichten, denn die Erwartung an ein erotisches Wochenende erfüllt sich nicht. Stattdessen beginnt sie das mitinitiierte Spiel nicht länger im Griff zu behalten.

Elemente des Thrillers, des Krimis und des Psychogramms sind in DIE VERLOBUNG zu finden, jedoch erzählt Hopper so fein, dass sich diese Genrezuschreibungen dankenswerterweise immer wieder entziehen. Das liegt vor allem daran, dass sich Alexander Coloquhoun, die Figur durch den Chloe Hooper ihre Romanerzählung lenkt und der sich die Ich-Erzählerin gegenüber sieht, zu einem für den Leser wie die Protagonistin nicht fassbaren und darin bedrohlichen Charakter entwickelt, der dennoch, trotz leiser Gewissheit, nicht als wahnhaft abgetan werden kann. In seiner Führung ist Hopper meisterhaft. Die Figur und demnach die Handlung sind unvorhersehbar wie selten gelesen. Brüchig machen das Eis, auf dem nicht nur Liese, sondern auch der Leser balanciert, die Undurchdringbarkeit seiner Logik und die raschen Haltungswechsel. Versucht Liese sich aus dem Spiel, dass vermutlich längst keines mehr ist, zu winden, wechselt Alexanders Haltung. Die Begrenzungen verschieben sich immer nach der Öffnung, die Liese für sich entdeckt, um Alexanders, inzwischen alleiniger, Fiktion zu entfliehen.

In der Verlassenheit des australischen Outbacks, die Landschaftsbeschreibungen erwecken perfiderweise große Sehnsucht, obwohl Abgeschiedenheit hier immer auch Gefahr bedeutet (Hopper ist großartig im Schaffen von Ambivalenzen!), befindet sich Liese in einem Raum ihrer beider Wirklichkeit, um deren Wahrheit sie beide ringen. An Ende jedoch ringt nur noch Liese, als ihr die Bruchstücke ihrer Identität nach und nach davon treiben wie kleine Stückchen von Eisschollen. In dem kühlen, teils verfallenen Herrenhaus mit den merkwürdigen Schränken voller Frauenkleider fehlen äußere Koordinaten und Instanzen zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmung und Identität. Auch die merkwürdigen Gäste des Hauses sind für Liese nicht fassbar und denkbar wenig geeignet, um Wirklichkeit für sich geradezurücken.

Begehren und Bedrohung, Wirklichkeit und Wahn, Empathie und Egozentrik, Verehrung und Besitzdenken sind Begriffspaare, deren Widersprüchlichkeit Liese in Alexanders Charakter begegnet. Alexanders zeitweilige Empathie macht seinen möglichen Wahn so gefährlich. Seine egozentrierte Logik lässt einem den Atem stocken:

>>Von draußen kamen die rhythmischen Geräusche der Frösche bei ihrer Nachtschicht.
„Weinst du?“ fragte ich tastend.
Alexander wischte sich über die Wange und versuchte zu lächeln. „Ich stelle mir nur manchmal vor, was du durchgemacht haben musst.“
Seine Tränen erschreckten mich. „Wie bitte?“
„Ich liege dann wach und denke an diese Männer und ihre Hände überall auf deinem Körper und wie sie dich zwingen, alles zu tun, was sie wollen... Ich meine, ich bin auch nur ein Mensch, natürlich werde ich da eifersüchtig. Ich liebe dich, da ist es doch wohl normal, dass ich eifersüchtig reagiere, oder nicht?“<<

Im nächsten Moment ist er fürsorglich, hilft einer Kuh liebevoll bei der Geburt ihres Babys. Es entzieht sich auf der Stelle das eben geformte Bild seiner Person.

Entsteht die Zuneigung, die Liese in diesen Momenten empfindet, nur aus der Hingabe, in die sie gezwungen wurde, oder ist er wirklich liebenswert?
Die Gewissheit es mit einem psychisch problematischen Fall zu tun zu haben, wird immer wieder durchbrochen von Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und gefährlichen Momenten von Zuneigung.

Chloe Hooper erzählt sehr konzentriert. Sie findet eine kalte und zugleich reizvolle Atmosphäre, die magisch anzieht. Die Zubereitung der von Alexander erlegten Tiere reichert diese mit eindrucksstarken Bildern an. Der sehr feine Humor schafft einen wundervollen Kontrast zum eigentlich beklemmenden Szenario. Immer geht es in diesem Roman auch um Liebe als fragile Vorstellung und Konstrukt egozentrischer Bedürfnisse. „Es war ein Hirnfick geworden.“, sagt die Protagonistin über ihre Erfahrung.

Bis zum letzten Absatz überrascht Chloe Hopper. Dieser Roman ist wirklich uneingeschränkt zu empfehlen.

Chloe Hooper
Die Verlobung
Aus dem Englischen von Michael Kleeberg
Liebeskind
2014 · 320 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-95438-031-2

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