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Kritik

Problemzone Pop

Hamburg

Es soll um »Pop-Frauen der Gegenwart« gehen, sonderlich gegenwärtig ist die von Christa Brüstle herausgegebene Anthologie allerdings nicht. Zudem sie zwar das größtmögliche Problem umschifft, Wissenschaftlichkeit allein jedoch nicht vor anderen Fehlern schützt.

Pop hat ein Problem. Seit Anbeginn der Pop-Geschichtsschreibung besteht dieses Problem nun und obwohl viel geredet wird, wirklich adressieren mag es niemand. Dabei ist es nicht so, als könnte die Hälfte der Weltbevölkerung bei einer einigermaßen nüchtern geführten Debatte einfach so unter den Tisch fallen, nein, irgendwer muss es doch sehen und aussprechen: Pop hat ein Männerproblem. Männer nämlich sind in der Pop-Welt einfach überall, vor allem in den Chefetagen. Selbst, wenn sie nicht sichtbar werden, lenken sie doch den Diskurs von außerhalb und andere müssen es ausbaden. Andere, das sind Frauen, die vor allem dadurch auffallen, dass sie anders sind. Weil sie zum Anderen gemacht werden.

Als Female Issue bezeichnete die Zeitschrift Spex ihre 359. Ausgabe. Issue, das heißt nicht nur Ausgabe im publizistischen, es bedeutet auch Problem im allgemeinen Sinn. »Hat Pop ein Frauenproblem? «, fragte die Spex, deren Redaktion fast ausschließlich männlich besetzt ist, auf dem Cover und schuf damit ein Frauenproblem. Das ist ein weiteres Problem, das mit dem Männerproblem einhergeht und es nur vergrößert: Es sind vor allem Männer, die über Pop schreiben, und daher auch Männer, die über Frauen im Pop schreiben, obwohl sie manchmal lieber über Männer im Pop schreiben. Die Female Issue der Spex widmete sich per Titel zwar Björk, zugleich aber wurden den ebenfalls auf dem Titel genannten Noel Gallagher, Jochen Distelmeyer und Action Bronson – alle drei Diskursbestimmer in ihren jeweiligen Pop-Welt-Nischen – fast genauso viel Platz eingeräumt wie Frauen in der Ausgabe insgesamt. Die Sichtbarkeit, die damit geschaffen werden sollte, sie war höchstens eine scheinbare. Die Female Issue der Spex kratzte damit nicht nur an der Oberfläche des Problemkomplexes, im Grunde beförderte sie diesen nur. Indem sie Frauen nämlich aussondierte und zum Anderen, damit als zum Problem machte.

Eine Anthologie wie Pop-Frauen der Gegenwart. Körper – Stimme – Image. Vermarktungsstrategien zwischen Selbstinszenierung und Fremdbestimmung dupliziert diese Probleme auf den ersten Blick nicht, weil sie aus einem wissenschaftlichen Kontext und daher von außerhalb kommt. Wer von außen auf etwas schaut, der lässt sich nicht so leicht davon vereinnahmen. Es geht weniger um Problematisierung denn um eine thematische Eingrenzung, die theoretisch auf dem Fachbereich der Gender Studies fußt. Tatsächlich unterläuft der von Christa Brüstle herausgegebenen Anthologie, die aus einer internationalen Konferenz im Juni 2013 an der Kunstuniversität zu Graz hervorgegangen ist, zumindest nicht der Fehler, mit gönnerischer Gutmütigkeit ein paar Frauen für ihre Geschlechtszugehörigkeit abzutätscheln und zum Anderen zu machen. Dafür aber andere.

Es mag perfide sein, gerade ein Buch, dessen Beiträge sich so stark an Judith Butlers Theorien der Performanz abarbeiten, nach seinem Umschlag zu bewerten. Im Falle von Pop-Frauen der Gegenwart jedoch zeigen sich gerade dort schon zwei weitere Probleme versteckt, die Pop ebenfalls noch nicht losgeworden ist. Die im Roy Lichtenstein-Stil stilisierte Frau auf dem Cover symbolisiert auf plumpe Weise ihren Inhalt: Wenn es um Pop geht, muss eben pop art herhalten. Das ist nur auf den ersten Blick ein logischer Kompromiss. Auf den zweiten ist es alles andere als sinnvoll, eine qua Titel versprochene Auslotung der Gegenwart mittels eines 50 Jahre alten Jahre alten Kunststils zu bebildern, allein schon der zum Teil fragwürdigen Stilisierungen von Frauenfiguren in der pop art wegen.

Das deckt unfreiwillig auf, dass in Pop-Frauen der Gegenwart der Begriff der Gegenwart als Zeitrahmen sehr großzügig ausgelegt wird: Es wird vorrangig über Madonna geschrieben, die vor allem in den achtziger Jahren noch diskursive Sprengkraft aufwies und heute kaum mehr über die Stammfanbase hinaus erfolgreich ist. Die 2011 verstorbene Amy Winehouse allerdings als gegenwärtig zu verschlagworten, wirkt umso zynischer. Selbst jüngere Künstlerinnen wie etwa Lady Gaga, Lana del Rey oder La Roux sind 2015 nicht mehr die diskursumwälzenden Figuren, die sie zu Beginn ihrer Karrieren waren. Die von Brüstle im Vorwort erwähnte Grimes zum Beispiel wird dagegen nicht weiter erwähnt. Andere spannende Künstlerinnen, die in den Jahren und Monaten direkt vor Konferenzbeginn auf sich aufmerksam machten, finden keine Erwähnung. Gezeigt wird das popkulturelle Establishment der Vorjahre.

Das allerdings scheint weniger problematisch als das andere große Problem, das unausgesprochen bereits auf dem Cover sichtbar wird: Die Pop-Frauen der Gegenwart, sie sind fast ausschließlich so weiß wie ihre Titelheldin. Obwohl Werner Jauk in seinem Schematisierungsversuch der von ihm proklamierten »Uni-Sex-Voice« auf die Appropriation von Blackness durch weiße Sängerinnen eingeht, Marion Gerards im eindeutig stärksten Beitrag herausarbeitet, warum die Deutschtürkin Lady Bitch Ray dermaßen mit ihrem Diss-Track gegen »Deutsche Schwänze« polarisiert und sich Elisabeth Jagl & Kordula Knaus in ihrem trockenen Abriss dreier Dokumentationen kurz Rihanna und breiter Beyoncé, insbesondere dem von ihr vertretenen Feminismus, widmen, finden kaum intersektionale Analysen statt. Intersektionalität heißt im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses immer auch Differenziertheit – und an der mangelt es schlicht. Das ist bei einem Dutzend von Texten eine schwache Quote, die zwar nicht das Problem der Aussondierung bestärken, dafür aber ein anderes: das der Auslassung. Ein altes Muster: So sehr die weiße Kultur die der people of colour liebt, desto wenig schert sie sich um people of colour.

Letztlich ist das auch verwunderlich angesichts der theoretischen Schule, der sich das Gros der Texte verschrieben hat. Wird Gender vor allem im Butlerschen Sinne als soziales Konstrukt definiert, fällt die eng damit verbundene Frage nach der Relevanz von race in popkulturellen Diskursen hingegen weg. Sicher, eine FKA Twigs wurde erst wenige Monate nach der Konferenz in Graz schlagartig berühmt, auch Kelela debütierte im Oktober 2013 und kam damit ebenfalls zu spät. Aber Azealia Banks oder Angel Haze? Warum wird beispielsweise nicht eine Nicki Minaj – Schwarz, in ihrer Sexualität bewusst uneindeutig auftretend, eine Meisterin der Selbstinszenierung und nebenbei sehr erfolgreich – unter die Lupe genommen? Bietet die auf kultureller Appropriation basierende Performanz Iggy Azaleas nicht genug Anlass für eine kritische Auseinandersetzung? Hat nicht selbst Madonna große Teile ihrer Karriere und damit auch Selbstinszenierung exploitativ auf Praxen der Schwarzen Subkultur wie etwa Vogueing aufgebaut? Sind das nicht alles Themen, in denen Körper – Stimme – Image eine wahnsinnig wichtige Rolle spielen – und umgekehrt?

Sicherlich lässt es sich kaum einen der Texte als solchen vorwerfen, kein allumfassendes und intersektional gedachtes Panorama zu zeichnen. Wenn sie denn immerhin mehr als akademische Fingerübungen wären. Die Ausnahmen sind rar. So fade die Fazits von Vito Pintos Arbeit über Lana del Reys amerikanischen Traum oder Susanne Sackl-Sharifs fachkundiger Gesamtabriss über Gender in der Metal-Szene auch sein mögen, immerhin lassen gerade sie das objektive Gehabe fallen und zeigen sich passioniert – ohne dabei an Integrität zu verlieren oder in ihrer Argumentation Kompromisse zu schließen. Es gibt durchaus spannende Momente in diesen Texten, zwischen denen nur Sheila Whitelys Einstiegstext ein pessimistisches und zugleich regressives Bild zeichnet.

Pop-Frauen der Gegenwart widmet sich distanzierter und problemsensibler seinem Gegenstand als das häufig im Musikjournalismus der Fall ist und das allein mag schon viel wert sein. Die Gegenwart jedoch, und sei es ein noch so kleiner Ausschnitt davon, beschreiben zu wollen, darf nicht heißen, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen – und also andere Probleme fortzutragen. Denn dann ist der eigentliche (Erkenntnis-)Gewinn nicht so groß, wie er das potenziell sein könnte.

Christa Brüstle (Hg.)
Pop-Frauen der Gegenwart
Körper – Stimme – Vermarktungsstrategien zwischen Selbstinszenierung und Fremdbestimmung
[transcript]
2015 · 272 Seiten · 29,99 Euro
ISBN:
978-3-8376-2774-9

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