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Zeichen und Wunder

Hamburg

„ Ich habe niemals etwas so Wahres gesehen wie das verletzte Leben, errötend vor Ungeschicklichkeit.“

Diese kleine Satzperle stammt aus der Feder des französischen Schriftstellers Christian Bobin, der 1951 in der kleinen Stadt Le Creusot in Burgund geboren wurde, wo er auch heute noch lebt. In seiner Heimat schätzt man den Autor, dessen Bücher überwiegend bei Gallimard verlegt werden, für seine Poetik der kleinen Dinge, einer lyrischen Prosa, die existentielle Themen auf unverwechselbar leichtfüßige Weise zu Sprache gerinnen lässt.

Bobins Schreibweise entzieht sich jeder Klassifizierung; ihr selbstreflexiver und haarscharf beobachtender Charakter ist als Einladung an den Leser zu begreifen, seine Lektüre mit dem eigenen Leben in Verbindung zu setzen. Ein gutes Beispiel für dieses literarische Verfahren ebenso intensiver wie diskreter Ansprache ist eines seiner neuesten Bücher, „L’homme-joie“, das 2012 in Frankreich erschien und im vergangenen Jahr in einer liebevoll gestalteten Ausgabe bei der schweizerischen „Edition Spuren“ unter dem Titel „ Freude-Funken“ verlegt wurde.

Der erste der zwölf handschriftlichen Aphorismen, welche den schmalen Band gliedern, kann mit gutem Recht als sein Motto gelten: „ Schreiben – das heißt eine Tür auf eine unüberwindliche Mauer malen und diese dann öffnen.“

Tatsächlich ist der „Freudige Mensch“, wie man den Originaltitel wörtlich übersetzen könnte, ein  Buch, das die Durchlässigkeit zum literarischen Programm erhebt. In siebzehn kurzen Kapiteln erzählt der Autor in seiner sehr persönlichen Sprache von Menschen, Begebenheiten und Lektüren. Häufig wendet er sich direkt an den Leser, nicht jedoch, um ihn zu belehren, sondern um mit ihm in Kommunikation zu treten. Dialog als Versuch, das zu Literatur verdichtete Leben in das wirkliche Leben gleichsam zurückzuführen und an ihm zu überprüfen.

Ohne thematische oder formale Vorgaben und ohne den inneren Zwang zur Systematik überlässt sich der Autor seinen Beobachtungen und Gedankenspielen, deren innerer Zusammenhalt von der unermüdlichen Suche nach dem “heilen“ Menschen bestimmt wird, desjenigen, der trotz der Erdenschwere seines Dasein in der Freudigkeit sein eigentliches Wesen und seine Bestimmung erkennt. Dieses hoch gestimmte, jedoch keineswegs naive Lebensgefühl, das sich an der Erfahrung des Schönen in Natur und Kunst aufrichtet, und an der inneren Bereitschaft, sich von ihr leiten zu lassen, macht den Kern von Bobins literarischem Schaffen aus, in dem Ethik und Ästhetik unmittelbar aufeinander bezogen sind.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nichts liegt dem Autor ferner als praktische Lebenshilfe. Worum es ihm geht ist eine Alternative zum rationalistisch-technologischen Menschenbild unserer Tage. Eine poetische Weltsicht, den sensiblen und zugleich wachsamen, vom Zeitgeist unkorrumpierten, empathischen Blick, der das Kleine und scheinbar Nebensächliche am Wegesrand nicht verachtet, sondern im Gegenteil als Herausforderung seines Denkens begreift.

Wenngleich Bobin in Frankreich unter anderem auch in katholischen Kreisen rezipiert und mit wichtigen Preisen bedacht worden ist, so ist er doch eigentlich eher ein spiritueller denn ein religiöser Autor. Seine Suche nach Gott vollzieht sich keineswegs im Schutzraum steinerner Dogmatik, sondern inmitten der widersprüchlichen, von der unablässigen Kollision von Geist und Materie geprägten Alltagserfahrung des Menschen, welche die Sinnfrage Tag um Tag in neuen Konstellationen erfahrbar werden lässt.

Um diese Aufmerksamkeit geht es Bobin.

Um die uralte Kultur des Fragens, des Staunens, des Sich-Verwundern-Könnens als unerlässlicher Voraussetzung für das geistige Wachstum des Menschen.

„ Gott ist ein Kind, das sich versteckt, und es gibt einen Augenblick, in dem er sich verrät: Wenn man dicht an ihm vorübergeht, hört man sein unbändiges Lachen. Du kannst ihn in der Musik hören, in der Stille. In der Knospe, die aufplatzt, hinter der Wolke, die vorüberzieht; in einem zahnlosen Mund. Überall. Es ist unglaublich, was für einen Lärm ein Strauss Blumen in einem kleinen Zimmer machen kann. Sie machen mich trunken. Keine Philosophie der Welt erreicht die Größe einer einzigen Margerite, einer einzigen Brombeerranke, eines einzigen Kieselsteins, der wie ein Mönch mit glattrasiertem Schädel Zwiesprache mit der Sonne hält und lacht und lacht und lacht.“

Der „freudige Mensch“ wäre demnach derjenige, der es nicht verlernt hat (beziehungsweise noch lernen muss), auf seinen ganz alltäglichen Wegen die Zeichen und Wunder seiner tieferen Bestimmung zu erkennen und vorbehaltlos zu bejahen.

Christian Bobin
Freude - Funken
Edition Spuren
2013
ISBN:
ISBN 978-3-905752-30-4

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