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Kritik

"sich / suhlen*"

ÜBER diesen schmalen Band aus dem Verlag Peter Engstler - "Der Scheiße-Engel. Eine Analyse" von Christian Filips - lässt sich weniger sagen, als sich MIT ihm sagen lässt.
Hamburg

Christian Filips' "Analyse" namens "Der Scheiße-Engel" umfasst 33 auffällig sorgsam gesetzte Gedichte in einem Heft mit Klammerbindung. Die Nummerierung der Gedichte scheint als Teil der jeweiligen Titel gedacht, die da beispielsweise lauten:

1. Wie Wasser kocht,
9. Im Traum die Auskunft sagt: Hier!
19. Leib ei, Vater A* (Thema)

... und diese Titel ihrerseits bereits als integrale Bestandteile der Gedichte. Diese Gedichte weisen folgende Janusköpfigkeit auf: Einerseits operiert Filips mit ihnen auf einem hohen Abstraktionsniveau - Sicherheiten der Syntax etwa gelten nicht notwendigerweise, und ebenso sind die Sinnzusammenhänge zwischen den Sätzen einer Folge nicht mit Sicherheit stets sofort bestimmbar - wie wir es bei manchen strikt anti-narrativen Texten der Spätmoderne kennen. Andererseits aber sind sie klar als Kapitel, oder Stationen, oder Zündstufen des Erzählbandes erkennbar, als den wir uns das Buch vom "Scheiße-Engel" denken müssen. Die Janusköpfigkeit selbst bereitet dabei keine Schwierigkeit: Wie nehmen sie rasch zur Kenntnis - ja, auch diese Kombination von formalen Mitteln gibt es - und lassen uns auf sie ein (oder machen das Buch zu).

Grössere Schwierigkeiten bereitet die Frage, worum es eigentlich geht. Und zwar genau nicht in dem Sinne, dass der beschriebene Abstraktionsgrad "unnötig" den Inhalt verunklären würde. Das Büchlein, abstrahiert-narrativ, wie es ist, scheint vielmehr in gerade derselben Weise etwas ziellos zu mäandern, wie wir das auch von ganz simpl-"realistischen" Erzählungen kennen, wenn diese unter der Hand ihres Verfassers "Eigendynamik gewinnen" und die Figuren "machen was sie wollen".

Konkreter: Wir können das Buch vom "Scheiße-Engel" als Versuch eines annähernd heiteren Buchs über die Folgen von Kindesmissbrauch lesen (eine zugegeben gruselige Kombination); als Liebesgeschichte; als "Bildungsroman-ohne-Roman", der die Integration einer devianten (in diesem Zusammenhang dann aber nicht vorderhand pädophiler) Sexualität ins Ich und in eine Beziehung zum Gegenstand hat. Die Eckpunkte dessen, was in einem Prosatext der Plot wäre, bleiben dabei gleich: Das Ich kontempliert beinahe Hohelied-mäßig sein erotisches Gegenüber im Jetzt -

1. Wie Wasser kocht,
erwarte ich den Liebsten.

Der Liebste kocht in mir,
wie Wasser kocht.

Bedingungslos der Liebste
sprudelt - Ich

koche Tee.

(...)

- dann werden (zum Teil entschieden "aussernormale") Modi des Begehrens und ihre Implikationen samt ihrer mehr oder minder biographischen Herleitungen angespielt -

4. Wieder! Wieder! Wieder! diesen Streifen!

der lässt, wie Scheiße
schön, sich nicht begreifen

(übern Mund geschmiert, als ich dich leckte).

(...)

- bald bricht eine Vorgeschichte auf, in der das Ich (oder wars das Du? die Grenzen sind zu diesem Zeitpunkt schon verschwommen) Missbrauchsopfer des eigenen Vaters war -

19. Leib ei, Vater A* (Thema)

                                                 Eia, eia.
                                                 Still! still!
                                                 (weils Kindlein usw.)

Den Vater gefickt.
Den vater gefickt.

(Da capo!)

Er sagt, dass er habe

den Vater (hoch oben)
ganz zart

                 Ja!! immer feste rinnnne
                 mit dem Fäustling ...

Geficktficktficht
(im Dickicht)

- und diese Vorgeschichte wird sukzessive in die Situation des Jetzt-Ich integriert; immer mehr Ausblicke nach ausserhalb seiner "Scheiße-Engel-Welt", immer mehr Möglichkeiten stehen dem Ich zur Verfügung.

Diese "Handlung" spielt nun glücklicherweise nicht im gleichsam luftleeren Raum einer bestimmten Figurenkonstellation, die uns interessieren kann oder auch nicht; sondern bietet - nicht umsonst ist der Untertitel des Bandes "Eine Analyse" - auch die Folie für explizite Kritik an dem freudianisch-psychoanalytischen Konzept von Verdrängung sowie für sprachliche und biographische Versuchsanordnungen zu Lacans "objet petit a". An diesem Zusammenhang zeigt sich nebenbei, dass Filips tatsächlich NICHT "unnötig verunklärt", den wenig geläufigen Formen zum Trotz, die er benutzt: Bevor das Buch so richtig in die Dynamiken von frühkindlichem Begehren, Macht- und Missbrauchserfahrungen einsteigt, kommt eine Stelle, da er Lacan und sein Objekt klein a explizit beim Namen nennt und recht einfach erläutert:

(...) Es

sagte die
die oder der, zeigte her was

nicht da war, Mamas
Stelle (Lacanianer

nenne sie klein a und
ahnen: Nichts**

(...)

** Da wo es fehlt (und umgekehrt): ist es.

Es lässt sich, zusammengefasst, einiges über dieses schmale Bändchen sagen, viel mehr aber mit ihm. Filips' "Scheiße-Engel" gehört noch in diese Ordnung von Gedichtbänden, die in den siebziger und achtziger Jahren viel häufiger gewesen zu sein scheinen: Lyrik, die sich als Teil geisteswissenschaftlicher Diskurse versteht; Lyrik nicht so sehr als "Teil" von Akademia, sondern vielmehr als "Organelle", die das Weltanschauungs- und Gefühls-Plankton zwischen Akademia und Kunst-/Kneipen-/Schlafzimmer-Welt hin- und her-schaufelt; Lyrik, für die ein anderer Katalog an Gewissheiten gilt als im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert sonst üblich.

Nehmen wir den "Scheiße-Engel" als (mehr oder minder) heiteres Supplement zu (mehr oder minder) anstrengenden Lacan-Lektüren; oder sagen wir überhaupt gleich: Als mögliche Sammlung "lyrischer Schautafeln", um rein diskursive Abhandlungen postfreudianischer kritischer Psychoanalyse ein wenig zu erden.

Christian Filips
Der Scheiße-Engel
Eine Analyse
Verlag Peter Engstler
2015 · 44 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-941126-80-0

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