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Internationales Lyrik Fest der alten Schmiede Wien 2018
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Kritik

Mit Christian Hawkey in den Zauberwald

Der US-Lyriker Christian Hawkey begibt sich auf „Reisen in Ziegengeschwindigkeit“

Schon der Titel verblüfft: „Reisen in Ziegengeschwindigkeit“ lautet die erste Einzelveröffentlichung von Christian Hawkeys Gedichten in deutscher Sprache. Erschienen ist die zweisprachige Ausgabe im Berliner Verlag kookbooks, der bereits eine Reihe bemerkenswerter junger Dichter publiziert hat. Etwa Uljana Wolf und Steffen Popp, die diese Auswahl übersetzten und die Stärken der meist narrativen Lyrik in deutscher Sprache transparent machen.

Eine Lyrik, die enorm wandlungsfähig ist, bevorzugt im Eiltempo. Ehe man sich versieht, agiert das nächste Subjekt. Im Zuge dessen rücken im schnellen Wechsel neue, unerwartete Erscheinungen in den Fokus. Bleiben wir bei den Übersetzungen: „Blau ein Loch in meinem Kopf / in das du flüsternd, fragend flogst. / Dornenzunge einer Katze. Ihr Lauern. / Frühling. Seine Bänder. Sie zogen / den Fluss aus einem Körper / namens Heute, Dienstag / kanntest du seinen uferlosen Blick / & wie er sich regte“ heißt es in „Bericht des Untersekretärs für Grundfragen“.
Gedichte auch, in denen Begriffe und Gegenstände zu handelnden Figuren werden, wenn die Gegend spricht, wo das Glas ausatmet oder ein Ich einen verklebten Monarch in den Frühling hustet. Der poetische Raum wird zum Zauberwald. Märchenhaft verrätselt erscheint diese Lyrik, die bei aller assoziativ wirkenden Sprunghaftigkeit stets einen stimmigen Sprachfluss generiert. Ausgangspunkt ist in den meisten Gedichten eine reflexive Stimme, die aus einem übernatürlichen Erfahrungshorizont heraus den Weg durch Szenarien ebnet, in denen gewohnte Subjekt-Objekt-Beziehungen außer Kraft gesetzt sind.

Wie in „Hosiannas für Lumpengesindel“ kommen dabei fast spielerisch Perspektivwechsel und eine in ihrer Komprimiertheit bestechende Vielschichtigkeit zustande: „Wir waren in der Mitte / eines Hallelujas und ich hörte nichts / obwohl die Luft zitterte, von hundert Händen / gestürzt, obwohl die Frau vor mir stürzte / in mich, und ich mit ihren Augen den Schmerz / in ihrem Rücken sah, der herausdrückte / es waren meine Augen, sie drückten zurück, hoben / die Frau in den Gesang, der Gesang ging weiter / meine Hand roch nach Regen, wo kein Regen war.“ Zudem wird hier exemplarisch deutlich, wie wenig sich der Fortgang der Zeilen vorausahnen lässt. Im dramaturgischen Spiel mit zunächst geweckten Erwartungshaltungen, die sich nicht erfüllen, sondern von überraschenden Wendungen abgelöst werden, liegt ein starker Reiz. Auch die Entgrenzung fragiler Identitäten, die sich in situativen Zusammenhängen auflösen, ist ein Merkmal, das an dieser Stelle wie anderswo im Band häufiger anzutreffen ist.

Der resignierte Blick auf eine in ihrer Unmündigkeit als selbstverständlich empfundene Daseinsform scheint in vielen der Gedichte durch. In „Lichtung“ treibt ein lyrisches Ich in einer Gruppe durch eine Landschaft („Niemand sprach, obwohl keiner von uns wusste, wohin wir gingen (...) und inzwischen hatte ich auch vergessen, warum / ich dort war, oder meine Hände, oder meine Füße gingen“). Figuren, die unfähig sind zur Wegbestimmung oder zur Gestaltung ihrer Lage, die sie über die Wahrnehmung ihrer Erscheinungsformen hinaus nicht begreifen können. Im Gegensatz dazu sind die Schilderungen dieser Eindrücke und die Selbstreflexionen des lyrischen Ichs so anschaulich und prägnant formuliert, dass es trotz fehlender Selbstbestimmung einen von seiner Vorstellungskraft getragenen lebendigen Widerspruch zum Verharren in der Situation bildet („Meine Ohren horchten nach Tritten auf Stein. / Meine Augen gewöhnten sich / wie bei der Rückkehr in ein Theater an die Schatten / vor mir – und an jene / die mir links / entgegenkamen, ich merkte erst jetzt, wir waren nicht allein“).

Vielleicht entspringt Christian Hawkeys facettenreiche Poetisierung des Wahrnehmungsraumes vor allem einer Erkenntnis, die sich in „Langsamer Walzer durch aufblasbare Landschaft“ äußert: „Er wollte / den Raum schließen / doch der gehörte nicht länger ihm. Er wollte seine Augen schließen / doch sie gehörten nicht länger ihm. Er wollte seinen Mund / schließen, seine Hände, seine Ohren / doch sie gehörten nicht länger / ihm, hatte ihm nie gehört: Das war die Zeit, als er sah. Die Welt / begann. Einen Linie entstand. Ein Baum wuchs über ihm / und er dankte dem Baum.“ Dieser Baum ist eine Rettung. Und wer ihm lauscht, der hört ihn vielleicht flüstern.

Christian Hawkey
Reisen in Ziegengeschwindigkeit
Übersetzung:
Steffen Popp und Uljana Wolf
Illustration: Andreas Töpfer
Kookbooks
2008 · 198 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-937445304

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