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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

Die Kunst des Grabens

(der Maulwurf)
Hamburg

Lassen sie mich diesen Text mit einer These beginnen: Das Sonett ist die ursprüngliche Form des freien Tiergedichts, nirgendwo sonst können Tiere ihre eigentümliche Schönheit entfalten, nirgends sonst gehen sie als Freie aus der Dichtung hervor und müssen nicht für die Menschen eigentümliche Eigenschaften repräsentieren. Das Sonett ist die Gedichtform, in welcher das reine Wesen des Tieres seinen Ausdruck findet wie vielleicht noch in der Zeichenkunst Dürers. Hier sei es der Maulwurf und dort das Kaninchen. Aber eben nicht nur Maulwurf und Kaninchen:

meiner hausgrille fehlt ein bein & darum
zirpt sie nur im kreis. sprich mir nach

...

Insekten, Katzen, Maulwürfe und tote Vögel, ein Wolf. Aber eben nicht als Stellvertreter, sondern als Kulturfolger. Das war das erste, was mir auffiel. Sie sind unter uns.

Etwas muss dran sein an diesen vierzehn Zeilen, etwas Magisches und Johann Heinrich Voß ist es nicht gelungen, sie zu entzaubern, indem er sie in der Klingsonate auf ein einfaches Kling Klang Klong herunterbrach. Wie es scheint, überlebt das Sonett als Form jeden Angriff. Einbeinig vielleicht, weil der Alexandriner verlorenging. Humpeln. Selbst die Übungen von Johannes R. Becher hat es überstanden. Und wie es scheint, erlebt es gerade eine neue Blüte. Wohl seine Quadrillionste (GEFÜHLT) und es wird nicht die letzte sein. Auch der Verlag Reinecke und Voß droht für den Herbst mit einem Sonettenband, und Stan Lafleur legte jüngst in der parasitenpresse Das Lachen der Hühner vor (Hühner!).

Ich gebe zu, ich war bislang der Form etwas skeptisch gegenüber gestanden (was sollte nach Petrarca und Shakespeare auch noch kommen), aber sie erweist sich als so beständig, dass sie auch die eignen Klassiker überlebt. Eine Phoenixdisziplin. Fast Harrypottermäßig verbrennt das Sonett im Käfig wie Papier und erhebt sich als Vogel!

Also Tier aus dem Aschehäufchen. Ein graues Eichhörnchen?

Nun also: Sonette mit elisabethanischen Maulwurf, von Christian Hawkey, erschienen schon 2010 im hochroth Verlag. Aus dem amerikanischen Englisch wurden die Texte von Uljana Wolf kongenial ins Deutsche übertragen. Beigegeben sind dem Heft gewissermaßen als Illustrationen Erasuretexte, die auf den Portugiesischen Sonetten von Elizabeth Barrett-Browning basieren  (Rilke sei nur der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt). Wenn das angelsächsische Sonett (sonnet) noch irgendeiner Reklame bedarf, hier ist sie!

Es bleibt natürlich die Frage, aus welcher Zeit sich der Maulwurf in die Gegenwart gräbt. Kommt er aus dem Elisabethanischen Zeitalter herüber, hat Shakespeare im Gepäck oder ist er Elisabethanisch im Sinne Barrett-Brownings und kommt aus dem neunzehnten Jahrhundert daher. Wahrscheinlich ist er von beidem etwas oder keines. Eben im Sinne des oben dargestellten nur ein blindes Tier mit einem ungeheuren Geruchssinn, und einem Gespür für Erschütterungen. Hawkeys Texte sind in ihrem oder wegen ihres Traditionsbezuges unheimlich heutig.

Und neben dem Tiergedicht ist das Sonett natürlich vor allen Dingen Liebestext. Gewissermaßen ein handfester Verwandter der Minne:

ein ohr an deinem bauch, das andere am himmel.
oh ein engel sein (wenns welche gäb!) und gleich
in deinen körper gehen und mich drin umsehen
&vielleicht die innenseite dener lippen küssen.

Noch ein Wort zur Reihe:

Die Heftchen des Hochrothverlages sind wunderschön. Es ist gelungen, eine Form der Reihengestaltung zu entwickeln, die einerseits Einfachheit signalisiert, aber auch höchsten Anspruch. Hier passt einfach alles, von der Typographie bis zum  Frontispiz (im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Grafik von Angelika Arendt).

Christian Hawkey
SONETTE MIT ELISABETHANISCHEM MAULWURF
Übersetzung:
Uljana Wolf
hochroth
2010 · 38 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-942161060

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