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Abgespult

Christian Kracht versucht in seinem neuen Roman „Die Toten“ an „Imperium“ anzuschließen – was nicht gelingt
Hamburg

'Und zu guter Letzt...' wurde am 13. September auf Christian Krachts Facebook-Profil noch die Besprechung seines neuen Romans 'Die Toten' in der taz geteilt. Da war das Buch gerade einmal sechs Tage alt, die Sperrfrist von manchen Kritikern längst ignoriert und die Diskussion(en) über die Neuerscheinung in vollem Gange. Sie ist es immer noch, und auch die eine oder andere Besprechung trudelt noch dem mit Höchstgeschwindigkeit durchs Feuilleton gepreschten Hype hinterher. Aber man bekam durch das Posting den Eindruck, dass Autor und Verlag in Rekordzeit fast schon etwas müde waren vom erwartungsgemäß umfassenden Medienecho aus vereinzelten Verrissen, einiger Ratlosigkeit und viel, viel Lobhudelei. Dabei ging die wirklich interessante Betrachtung von Krachts neuem Roman doch erst richtig los, als Lukas Valtin sich im Blog der Literaturzeitschrift Metamorphosen von der klassischen Rezension löste und die Literaturkritik in ihrem Umgang mit Die Toten einer essayistischen Prüfung unterzog.

Und tatsächlich scheint diese medienkritische oder zumindest die Medien reflektierende Herangehensweise zwingend, denn wie schon bei Erscheinen von Krachts letztem Roman 'Imperium' (2012) wird in den Feuilletons zunächst auffällig wenig über Die Toten, also den Text an sich gesprochen, so zumindest mein Eindruck. Vielmehr werden Fragen über die Abhängigkeit des Romans von seinem Autor gestellt. Ob man das Buch genauso oder genau so lesen würde, wäre es nicht von Kracht geschrieben? (Müßig zu fragen, da er es nun einmal geschrieben hat.) Ob man sich aufgrund seiner Interviews nichts ständig die Frage stellen müsse, ob der Autor einen nur (Pardon) verarscht, oder ob er Lesern, Kritikern und anderen Autoren doch schlichtweg überlegen ist (die ganz und gar verinnerlichte, ironisch-distanzierte Haltung – Indikator oder Beweis?)?

Interessant bzw. interessant zu beobachten ist das Ganze deshalb, weil die literarische Öffentlichkeit – und hier vor allem die Literaturkritik – sich mit jedem Buch von Kracht einem Spielchen hingibt, in dessen Zentrum die langweiligste aller Fragen steht, die man an Literatur stellen kann: "Was will uns der Autor damit sagen?" Die eigentlich entscheidende Frage kommt darüber oft zu kurz: Was sagt der Text?

'Die Toten' erzählt die Geschichte von Emil Nägli, einem verkrachten Schweizer Regisseur, der Anfang der 1930er Jahre im Auftrag der UFA nach Japan reist, um dort einen Schauerfilm nach klassischem Muster zu drehen. Dass und wie das Projekt scheitert, wurde in anderen Besprechungen bereits gespoilert.

Krachts Verfahren dürfte seinen Lesern vertraut erscheinen. Vor einer historischen Kulisse lässt der Autor seinen fiktiven Protagonisten auf zahlreiche Figuren wie Alfred Hugenberg, Charlie Chaplin, Lotte Eisner oder Heinz Rühmann treffen. Die meisten sind unsympathisch oder zumindest etwas durchgeknallt. Es kommt zu Konflikten und einer Reihe skurriler Situationen. Und über all dem schweben verschiedene gesellschaftliche Prozesse, die gravierende politische, kulturelle und mediale Veränderungen mit sich bringen. Im Falle von 'Die Toten' sind das unter anderem der unmittelbar bevorstehende Wahlsieg der NSDAP und die Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm.

In so ziemlich allen bisherigen Besprechungen wurde darauf hingewiesen, dass Kracht auch stilistisch eng an 'Imperium' anschließt, indem er seinem ironisch-prätentiösen, manieriert-parodierenden Gestus treu bleibt. Eine Tatsache, die dich insgeheim zur Verzweiflung treiben kann. Aber nur, wenn dich tatsächlich interessiert, "was der Autor damit sagen will".

Das muss man Christian Kracht lassen: Er beherrscht das Spiel mit der (ironisierten) Ironie wie Jan Böhmermann den (gefaketen) Fake. Das wiederum führt zwangsläufig zum Scheitern schnell ins Feuilleton geschossener Bewertungen, von sinnloser Lobhudelei bis zur „Goldenen Himbeere der Literaturkritik“ (Danke Lukas Valtin!).

Dabei ist die Fokussierung auf Krachts Stil oder vielmehr auf die sprachliche Verfasstheit seiner Texte, in denen Stile vor allem zitiert und parodiert werden, durchaus angebracht. Gerade auch im Fall von 'Die Toten', dem Roman, der daran scheitert, dass er wie sein herausragender Vorgänger sein will. Die Qualität von 'Imperium' erreicht 'Die Toten' aber nicht, weil das ironische und daher riskante stilistische Verfahren Krachts überspannt wird und sich damit selbst auf den Leim geht. (Ich spreche hier bewusst nicht von einer „Methode“, da das Wort in Bezug auf das Werk Krachts seine Unschuld verloren hat.)

Das kann man auch an der überdeutlichen Selbstreferentialität des Textes ablesen, die es so vorher in keinem von Krachts Büchern gab. Denn 'Die Toten' greift in Komposition, Aufbau und Erzählweise auf das japanische Nō-Theater zurück, was der Leser nicht nur spüren soll, sondern sicherheitshalber gleich erklärt bekommt.

... das Essentielle am Nō-Theater sei das Konzept des jo-ha-kiū, welches besagt, das Tempo der Ereignisse solle im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, dem kiū, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen. Achten Sie bitte auf die Schauspieler, sagt Kono leise, sie haben sich wie delikate Geister über die Bühne zu bewegen, mit den Füßen zu schlurfen und zu gleiten, ohne sie vom Boden hochzuheben.

Damit liefert Kracht nicht nur eine Anleitung für den Roman, sondern auch eine Rechtfertigung für seinen ziemlich schleppenden Anfang. Dass das hier beschriebene Konzept (inkl. Figurengestaltung) tatsächlich beherzigt wurde, 'Die Toten' folglich nach einem gewissen Schema abgespult wird (Filmkamerareferenz, right?), darüber lässt sich hinwegsehen. Man muss den Text dementsprechend lesend annehmen oder nicht. Das ausgestellt belehrende Wissen gibt dem Buch jedoch einen faden, klugscheißerischen Beigeschmack, der die feinsinnige Ironie zerbröseln lässt. Plötzlich fällt einem auf, dass da zum Beispiel

vom amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright

steht oder

Er hat in der Villa seinen Hut vergessen; oje, wenn das mal nicht symbolisch ist.

Manchmal denkt man fast an Daniel Kehlmanns pomadigste Absätze. Sehr clever das Ganze, überaus klug, aber auch irgendwie für Germanisten konstruiert. Für Germanisten, denen man nichts zutraut. Das ist sehr schade, weil 'Die Toten', alles in allem, unterhält. Aber auf eine artifizielle, nicht auf eine kulturkritische Weise, wie das noch bei 'Imperium' der Fall war.

Christian Kracht
Die Toten
Kiepenheuer & Witsch
2016 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3462045543

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