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Kritik

Krachts genüssliches Spiel mit allen Clichés

Hamburg

Ich möchte gar nicht lange drum herum reden, das Buch gefällt mir gut, und damit meine ich nicht nur sein Äußeres, das fast ein wenig an die längst verschollene Schatzinselausgabe meines Vaters erinnert. Ziemlich schön, wie man schon vor der Lektüre  in eine Gefühlslage  katapultiert wird, die man dann durch den Text hindurch auskosten kann. Und das Buch hat noch einen anderen großen Vorteil, es ist amüsant und nach vierzig, fünfzig Seiten hatte ich mich auch an die geschraubte Sprache gewöhnt. Vielleicht war es aber auch so, dass sich ihr Duktus, den sie sich aus der vorletzten Jahrhundertwende geborgt zu haben schien, in ein zeitgemäßes Sprechen hinein verlor.  Für gewöhnlich bin ich da empfindlich.

Wahrscheinlich, nein ganz sicher, ist das  sprachlich Veraltete im Buch intendiert. Denn es handelt sich um ein hier vielleicht ein wenig schnöselhaftes Spiel mit den Zeit- und Bedeutungsebenen und mit Geschichte, die nun einmal so verlaufen ist, wie sie verlief.
Das Problem eines Historischen Romans wäre, einen Moment aus der Geschichte herauszugreifen und an ihm zu zeigen, wie und warum Geschichte so verlief, wie sie verlaufen ist, vielleicht noch, ein individuelles Schicksal paradigmatisch aus dem historischen Prozess zu reißen, um diesen Prozess zu illustrieren. Geschichte ist eben nicht das Vergehen von Zeit, sondern das Verschwinden des Ereignisses.

Allerdings fällt mir hierzu nur Feuchtwangers Goya ein, in dem ich so etwas ansatzweise gelungen fand. Sonst greife ich doch lieber auf Geschichtswissenschaftliche Fachliteratur zurück.

Aber Kracht hat ja keinen historischen Roman geschrieben. Und Kracht macht in diesem Buch, was er eigentlich immer macht und wofür ihn die Leser lieben oder hassen. Er erzählt eine unmögliche zuweilen lächerliche und auch bedrohliche Situation. Der Text derweil gibt sich einer eigenwilligen Faszination hin, ist gleichsam ein Lehrstück im Verhältnis des Intellektuellen zum Totalitarismus und spielt genüsslich alle Clichés durch, die man sich ausdenken kann.

Ganz am Anfang aber ein Verweis, der mit der Bedeutungslosigkeit individuellen Handelns spielt, darauf anspielt:

„Engelhardts Brief an den Freund aber, in dem von Europavergiftung und dem Garten Eden die Rede war, fand sich, nicht ausreichend frankiert, in der Amtsstube der französischen Post von Port Said wieder, und kam dort auch zu liegen und schließlich ganz zu ruhen. In einem Rezeptakulum für solcherlei Kuverts unter einem Tisch verstaubte er und wurde von anderen Briefen zugedeckt und nach vielen Jahren, in deren Verlauf ein, zwei Weltkriege durchmessen wurden, von einem koptischen Altpapierhändler in stattliche Pakete gebündelt und geschnürt, auf einem Eselskarren zu einer armseligen Hütte hinaus an den Rand der Wüste Sinai kutschiert, was Engelhardt aber, dessen Schiff am Abend noch mitsamt ihm und seinen Bücherkisten  in Richtung Ceylon auslief, niemals erfahren sollte.“ Für solche Passagen lohnt sich jede Lektüre. Und eine solche Vorstellung schafft erzählerische Freiheit, die Kracht ausnutzt.

Engelhardt, die Hauptfigur des Romans,  ist zum Beispiel einmal voller Vertrauen in einen geheimnisvollen Fremden, den er im Zug traf und der ihm sich selbst als Tamile vorstellt, wird darauf in einem merkwürdigen Tempel orientierungslos stehengelassen, und später ausgeraubt. Vorher schlägt der Fremde noch vor, dass man sich doch ein Hotelzimmer teilen könne, was den Helden in seiner europäischen Sozialisation befremdet. Möglicherweise aber stellt ein solches Verhalten ja in der ceylonesischen kein Problem dar, und trotz eines merkwürdigen Blickes des Hotelbesitzers willigt Engelhardt in den Plan ein. Ich hab mich gekrümmt vor Lachen. Lachen auch über die Nähe des Gutmenschen zum Rassisten. Ich hab mich gekrümmt vor Lachen. Lachen auch über die Nähe des Gutmenschen zum Rassisten.

Heiner Müller hat in irgendeinem seiner vielen Interviews einmal gesagt, dass in einer Diktatur die dramatischen Texte ihre Zeit hätten, wir aber nach 89  in einer Zeit des Epischen angelangt seien. Dennoch muss man feststellen, dass auch dieser große Literat den Diktaturen lebenslang verbunden blieb, literarisch versteht sich. Das macht ihn nicht jedoch zum Stalinisten. Und genau so wenig wird Kracht, wenn er mit einer Faszination für den Totalitarismus spielt, zum Faschisten. Nicht mal konservativ würde ich die Haltung nennen, vielmehr macht sie was Literatur häufig macht, sie erzählt, was sonst noch hätte passieren können.

Christian Kracht
Imperium
Kiepenheuer & Witsch
2012 · 256 Seiten · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-462041316

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