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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Einmal Leben und zurück

Der fabelhafte Comic „Chapeau, Herr Rimbaud“ beleuchtet das sagenumwitterte Leben, Dichten, Reisen und Handeln des Arthur Rimbaud.

Spätestens im Mai 1875 war es soweit. Der blutjunge Dichter Arthur Rimbaud, geboren 1854 in Charleville, hatte mit der Literatur abgeschlossen und beschloss, Klavier zu spielen und in Stuttgart deutsch zu lernen. Dass aus beiden Vorhaben nur bedingt etwas wurde, hat nichts damit zu tun, dass sich in den folgenden Jahren die wohl interessanteste Schaffenskrise der Weltgeschichte vollzog. Von jenen düstren Februarwochen an ist die Spur des heute wohl einflussreichsten französischen Lyrikers nur noch anhand von Standpunkten zu erwittern, mal haust er in Wien oder Norditalien, dann plötzlich wieder einen Winter lang in seinem Geburtsort, dann kurz in Paris. Wie er dort jeweils hingelangt ist, lässt sich nur mühsam rekonstruieren.

Irgendwann in dieser wirren Zeit muss sein Entschluss gefallen sein, dem allen den Rücken zu kehren, der gesamten europäischen Sphäre mit ihrer vor falscher Dignität platzenden Kulturalität, dem Getue in den Pariser Salons, dem ekelhaften Ästhetizismus seiner Generation, der für seinen Geschmack nur geheuchelten Zuneigung, die manch einer seinen Texten entgegenbrachte.

Nichts anderes als die Flucht vor dem für ihn viel zu spießig gewordenen Literaturbetrieb war es, was Rettung versprach, und weil dieses unruhige Herz ohnehin permanent unterwegs war, musste es diesmal etwas anderes sein. Und es wurde: Afrika.

Die abenteuerlichsten Mythen ranken sich bis heute um dieses kaum bekannte Kapitel aus dem Leben des Schriftstellers, Geschäftsmanns und Weltreisenden Arthur Rimbaud. Statt die Mythen mit wissenschaftlicher Akribie zu verkleinern, scheinen seine Apologeten die Verklärung nicht ohne Grund immer weiter voran zu treiben, von wenigen emsigen Professoren der Pariser Eliteuniversitäten einmal abgesehen. Und wahrscheinlich haben die Verklärer einen guten Grund. Denn nichts eignet sich besser als ein düsteres Kapitel eines verkannten Genies auf einem bis dahin kaum bekannten Kontinent (seine Ziele waren Äthiopien und Somalia), um die eigene Fantasie zum Arbeiten zu bringen.

Die Fantasie von Christian Straboni und Laurence Maurel jedenfalls hat der Rimbaud-Mythos so sehr zum köcheln gebracht, dass hieraus nun ein höchst vorzüglicher Comicband samt üppiger Vertextung entstanden ist, der 2010 unter dem Titel „Le chapeau de Rimbaud“ zuerst in Frankreich erschien, und nun auch in einer sehr gelungenen Übersetzung von Marie Luise Knott im umtriebigen Berliner Verlag Matthes & Seitz, der damit erstmals die Comicbühne betritt.

Pünktlich zur Entdeckung eines mysteriösen Fotos, das den Dichter in der jemenitischen Hafenstadt Aden zeigen soll, erschien der Band in Frankreich, doch es passt zur kaum mehr rekonstruierbaren Rimbaudgeschichte, dass Zeichner Straboni dieser Entdeckung in seinem Nachwort nicht mehr entgegenwirft als: „Auf dem Bild hatte Rimbaud eine kleine Nase, mein Rimbaud hatte eine große Nase. Ich mag keine kleinen Nasen zeichnen.“

Stilistisch ist Straboni am Großmeister Hugo Pratts geschult, einer Ikone des Abenteuer-Comics. Schwarze Tusche und ein zwischen Realismus und Karikatur pendelnder Modus bestimmen das Buch. Etwas unglücklich wirken die Passagen, in denen es arg fantastisch wird, wie etwa die Begegnung mit der gefallenen Königin von Saba. Doch auch das fügt sich ins flimmernde Wüstenbild des für uns und wahrscheinlich auch für ihn selbst kaum zu durchdringenden Unruhestifters. Vielleicht wusste Rimbaud nie wirklich, was er dort tat, seine Entscheidungen wirken aus der Distanz voll wilder Irrationalität und glühendem Verlangen nach einem anderen Leben. Doch sein ästhetisches Gespür ließ ihn immer wieder Dinge tun, die sein Leben vorantrieben, nichts widerte ihn mehr an als Stillstand. Und der kam früh genug. Als sich Rimbaud 1891 mit schweren Knieschmerzen in Somalia wiederfand, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Waren mit Verlust zu verkaufen und nach Frankreich zurückzukehren. In einer Marseiller Klinik kam die niederschmetternde Diagnose: Knochenkrebs. Nur wenige Monate blieben ihm nun, die er vor allem nutzte, um aus seiner Sicht moralisch belastendes Material wie Briefe und Aufzeichnungen aus seiner unsteten Jugend zu vernichten. Am 10. November 1891 starb er in Marseille und wurde kurze Zeit später in seinem Heimatort Charleville begraben. Das Kind war heimgekehrt.

Christian Straboni · Laurence Maurel
Chapeau, Herr Rimbaud
Übersetzung:
Marie Luise Knott
Matthes & Seitz Berlin
2011 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-882215564

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