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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Das Leben von Häftlingen

Hamburg

Oftmals wird von Medien der Eindruck erweckt, dass es Strafgefangenen bzw. Untersuchungshäftlingen im „Häfen“ oder „Knast“ bestens ergeht, sie dort wie in einem Luxushotel hausen. Wenn ein norwegischer Massenmörder sich über seine Behandlung beschwert, dass er mit einer Playstation 2 auskommen muss, während bereits das Modell 3 auf dem Markt ist, und ihm außerdem sein Sitzmöbel allzu unbequem ist, neigt man dazu, für Strafgefangene Wasser und Brot zu fordern.

Jedoch von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden bloß spektakuläre Fälle, der wesentlich größere Rest der Einbrecher, Betrüger, Bankräuber, Mörder findet bloß zum Zeitpunkt des Strafverfahrens auf den Gerichtsseiten der Tageszeitungen Erwähnung. Was hinter den Mauern eines Gefängnisses tatsächlich geschieht, wie der Alltag von Häftlingen aussieht, kennen nur jene, die aufgrund ihres Berufs als Aufseher oder Strafverteidiger über einen regelmäßigen Zutritt verfügen. Dazu zählen auch Gefängnisseelsorger.

Um gängige Vorstellungen der Allgemeinheit mit der Realität in Einklang zu bringen, hat die evangelische Pfarrerin Christine Hubka ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben und nachgeforscht, wie die Wirklichkeit des Strafvollzugs aussieht. „Seelsorge im Gefängnis ist Begegnung pur.“ Regelmäßig besuchte sie den Häfen, wie das Gefängnis in Österreich umgangssprachlich genannt wird. Als Seelsorgerin bestand ihre Aufgabe darin, Gefangenen die Möglichkeit eines Gesprächs anzubieten. Das Angebot zu einem Dialog in der Zelle konnte angenommen oder abgelehnt werden. Kein Zwang, vielmehr sollte das Bedürfnis zu einer Aussprache geweckt werden, mit jemandem zu sprechen, der weitgehend „außerhalb“ steht, der Verständnis zeigt, allerdings sehr wohl Verhaltensweisen hinterfragt und keineswegs umgehend eine Absolution erteilt.

Als zentrale Frage erwies sich oftmals, darüber zu reden, ob jemand sich als Täter oder Opfer sah, denn viele Täter betrachteten sich selbst als Opfer, als Opfer der Gesellschaft, als Opfer der Umstände, als jemand, der zu einer viel zu hohen Strafe verurteilt wurde, weil der Richter die Faktoren seiner Tat falsch beurteilt hatte. Erst nachdem die Täter erkannten, dass sie etwas getan hatten, das sie nicht hätten tun sollen, und die Frage, warum sie es getan haben, konnte die Seelsorgerin, deren Rolle vor allem darin bestand, eine Schuld weder zu verharmlosen, noch sich als Richterin zu gebärden, hingegen herauszufinden, warum jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Tat begangen hatte.

Sobald diese Hürde überwunden war, konnte die Seelsorgerin auf die Lebensumstände der jeweiligen Gefangenen eingehen. War die Tat eine Folge von Aggressionen, lagen die Umstände darin, dass sich jemand schlecht oder falsch behandelt oder verstanden fühlte, dass er seine Wut auf sich oder seine Lebensumstände, seine Misserfolge nicht im Griff hatte? Dass er eine Bank überfiel, weil er danach trachtete, sich an der „Gesellschaft“ zu rächen, weil er schneller mit den Fäusten oder einem Messer reagieren konnte, als mit Worten.

„Bernhard Moser bekämpfte mit seinen Taten die ganze Gesellschaft, wie er selbst sagt. Bei unserer ersten Begegnung war mir der mehrfache Bankräuber gleich sympathisch. Die grauen Augen blickten mich offen und freundlich an. Seine Stimme empfand ich als angenehm. Sein Benehmen war ausgesucht höflich. er freute sich sichtlich über meinen Besuch. Kein Anruf, kein Besuch, kein Brief durchbrach seit Monaten die Eintönigkeit seines Gefängnisalltags. Draußen gab es zu dieser Zeit niemanden, der mit ihm Kontakt haben wollte.“

Christine Hubka trachtete, sich in die jeweilige Person hineinzuempfinden, sich zu den jeweiligen Sprachen – immer Deutsch oder Englisch – und Gedankenwelten, einen Zugang zu verschaffen. Oftmals empfanden sich die Täter als „Monster“, als „unmenschliche Kreaturen“, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Opfer verpfuscht oder sogar beendet hatten. Mörder, die sich andererseits zuvorkommend verhielten, sich aufopfernd um Strafgefangene kümmerten, denen es noch schlechter ging, die ihren eigenen Zigarettenbestand hingaben, um einen anderen Häftling vom Selbstmord abzuhalten; oder sich Freundschaften ergaben, wenn ein Mörder einen Todkranken aufopfernd pflegte. Denn jede menschliche Psyche ist weder schwarz noch weiß, weder vollkommen böse noch perfekt gut. Darüber kreisten die Gespräche.

„Auch Herrn Petri begleitete ich von Anfang an. Der doppelte Akademiker beschrieb mir bei unserem ersten Gespräch, warum er eines Tages einen Pullover anzog, eine Bank betrat, dem Kassier den Finger unter dem Pullover entgegenstreckte und sagte: Das ist ein Überfall. Geben Sie das Geld her. Als dieser das Geld hinlegte, drehte sich Herr Petri um und verließ die Bank. Das Geld ließ er liegen. – Kurz darauf wurde er verhaftet. Das Urteil lautete: fünf Jahre Gefängnis.“

Gewiss vertritt die Pfarrerin Christine Hubka nicht einen „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ Standpunkt, vielmehr möchte sie die positiven Seiten eines Menschen erkunden und aktivieren. Die Gefangenen nannten sie Hallelujafrau, einen Spitznamen, den sie akzeptierte. „Meine Position im System Gefängnis entspricht am ehesten der Rolle einer Hofnärrin. Ich bekleide keine Machtposition und kann niemandem bedrohlich werden. Das ist gut so. Denn die Schwelle, mir zu begegnen, ist niedrig. Wer es sich mit mir verdirbt, hat keine Konsequenzen zu befürchten.“ Ein Justizwachebeamte definierte sein Rollenverständnis: „Wir sind Vater, Mutter und Dompteur in einer Person.“

„Sagen Sie mir, warum ich das getan habe?“ Christine Hubka berichtet von dem Fall eines Mannes, dessen Fäuste nach Alkoholgenuss stets besonders locker sitzen. „Ich habe mich überschätzt. Ich dachte, dass ich mit der Therapie in jeder Situation ruhig bleiben könnte. Ich wollte mir und der Welt beweisen, dass ich auch der größten Provokationen gelassen begegnen kann.“ Er ging in ein Lokal auf ein Bier, in dem auch der Mann verkehrte, der ihm einige Wochen zuvor seine Freundin ausgespannt hatte…

Das Buch „Die Haftfalle“ thematisiert weiters jene Probleme, die sich durch ein enges Zusammenleben ergeben, wenn zum Beispiel zwei Fernseher in einer Zelle vorhanden sind, und einer dieses Programm sehen möchte, der andere hingegen ein anderes bevorzugt, und die Lautstärke für beide zum Problem wird, sodass Aggressionen unweigerlich sind. „Immer wieder erzählen Gefangene auch, dass in den stillen Nachtstunden hinter der verschlossenen Türe eines Haftraums ein Bewohner von einem anderen oder gar mehreren vergewaltigt wird. – Körperliche Erfahrungen im Gefängnis sind zu allererst Schmerzerfahrungen.“

Oder wie Menschen Gewicht zunehmen, üppige und fettreiche Nahrung bekommen, die sie durch körperliche Bewegung niemals wettmachen können. Dazu reicht der Hofgang nicht aus. Die Folge davon ist ein ausgeprägter Muskel-Kult: „Wer sich angepasst verhält, darf unter Umständen die Kraftkammer besuchen, die in manchen Abteilungen eingerichtet ist. Hier werden Bizeps und Trizeps aufgeblasen, der Waschbrettbauch gestählt. Wer so getrimmt ist, steht im Ansehen, in der Hackordnung ganz oben. Sein Körper signalisiert: Ich bin kein Weichei. Niemand soll mir blöd kommen.

Oder die Körperpflege, das Duschen, das nach bestimmten Regeln erfolgt, was für jene, die auf Sauberkeit Wert legen, eine zusätzliche Strafe bedeutet. Oder: Wie Gefangene sich von ihrer Familie, ihrer Frau oder Freundin verlassen fühlen, denn sie sind drinnen, die anderen dagegen draußen. Misstrauen beherrscht die Beziehung der Gefangenen zu ihren Partnern. Wenn einer seiner Frau Geld überweist, das er sich mühsam erspart hat, sie darauf nicht reagiert, sich nicht bedankt, entsteht Groll. Dabei sind beide unschuldig: Das Geld blieb einige Wochen in der Haftanstalt liegen, wurde nicht sogleich überwiesen. Der Zuständige war eben schlampig. Ehepaare dürfen einander bei Besuchen in der Regel weder berühren noch umarmen. Der Kontakt ist auf wenige Minuten eines Telefonats beschränkt, wofür sich die Häftlinge eine Telefonkarte erarbeiten müssen. – Und vor allem mangelt es an Zärtlichkeit, an Körperkontakten. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Hallelujafrau eine Umarmung zulässt.

Markus Fellinger ergänzt das Buch mit Gedichten, die das Thema exakt illustrieren.

Christine Hubka
Die Haftfalle
Seelsorge im Gefängnis
Mit Gedichten von Markus Fellinger
Edition Steinbauer
2013 · 192 Seiten · 22,50 Euro
ISBN:
978-3-902494-67-2

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