Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
x
Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Helle Fenster

Hamburg

Das bis dato publizierte Werk der 1970 im südniedersächsischen Einbeck geborenen Christine Kappe erstreckt sich über mehrere Disziplinen, die sich teils überschneiden, teils bereichernd ergänzen. Irgendwo im Grenzbereich zwischen Schriftstellerei und bildender Kunst wäre ihr Œuvre anzusiedeln, das Gemälde und Fotografien ebenso umfasst wie Bühnenstücke, Hörspiele, Essays, Prosa und – Lyrik.

Um ebendiesen Zweig eines sich herrlich verästelnden Werkes geht es hier: eine schmale Auswahl ihrer Dichtung hat Christine Kappe kürzlich mit ihrem erstem Buch vorgelegt, einer bibliophilen Ausgabe namens Wie kann das sein. – Kappe publiziert seit mehr als zwei Jahrzehnten Gedichte und außer in kleineren hannoverschen Veröffentlichungen erschienen Beiträge von ihr u.a. in Am Erker (Bochum), Laufschrift (Fürth), außer.dem (München), Versnetze (Weilerswist bei Köln), Der deutsche Lyrikkalender (Bertem /Belgien), Matrix (Ludwigsburg), floppy myriapoda (Berlin) und Ort der Augen (Oschersleben). Umso erfreulicher ist der Umstand, dass sich mit der San Marco Handpresse jetzt ein Haus mit etabliertem Literaturprogramm – klassische und zeitgenössische Werke – bereitgefunden hat, um mit Wie kann das sein einen Querschnitt ihres lyrischen Werkes zu veröffentlichen. Kurz erwähnt sei, dass neben der Autorin mit dem bildenden Künstler und Grafiker Peter Marggraf als Betreiber der Handpresse auch für Druck und Buchbindung ein in verschiedenen Fächern ausdrucksfähiger Künstler verantwortlich zeichnet.

Was dürfen die Leser erwarten (denn obwohl die limitierte Auflage von 26 Exemplaren kurz nach Erscheinen als vergriffen gemeldet wurde, sollten in den einschlägigen Bibliotheken Exemplare einzusehen sein)? Kappes Lyrik besticht durch ihren eigenen Ton (… Ich knistere dann, / wie ein trockener Käfer, der in einer Schachtel ruht, einen / Schmetterlingsflügel im Mund; …), den ich hier als ‚Neue Sachlichkeit‘ bezeichnen möchte, wenngleich sie auch mit den klassischen Vertretern wie Kästner, Tucholsky, Kaléko u.a. rein äußerlich betrachtet wenig gemein hat, denn Kappe verzichtet auf geschliffenen Reim, schnoddrige Pose und Schlagfertigkeit. Ihre lyrische Sachlichkeit ereignet sich ohne Geschwindigkeits- oder sonstigen Rausch; das Flackern nervösen Neons oder die Takte vorantreibender Musik wird man hier ebenso vergeblich suchen wie Spruchweisheiten oder billige Alltagsklugheit. Kappes poetisches Tempo ist das der aufmerksamen Fußgängerin, ihre Rede hat den Gestus eines nachmittäglichen (auch nachmitternächtlichen, ja) Gesprächs unter vier Augen, oder einer schriftlichen Mitteilung in Form eines Briefes oder eines privaten Notats ([…] Irgendjemand spielt ein Würfelspiel, mit Würfelbecher und / großer Geduld, ohne Worte; nur das Geklapper der Würfel im / Hof. […]). – So erinnern ihre von Klang und Wortwahl her unverstellten, von der Form her Miniaturen ähnlichen (und selbstbewusst originären) Gedichte mehr an die Malerei der Sachlichkeit denn an ihre Literatur: stille, zum gemächlichen Betrachten einladende Tableaux ([…] die ich / heute unter einem Himmel liege / der sich – aus mir unerklärlichem Grund – / zurückgezogen hat / und nun als kleines Quadrat / links oben in der Ecke hängt), deren optische Kargheit keinen darüber hinwegtäuschen sollte, dass hier mit Sorgfalt und Bedacht zu Werke gegangen wurde – und das dem, was wie ein Rahmen wirkt, das Beste gelingt, was sich von einem Gedicht behaupten lässt: dass es ein Fenster in einen anderen Raum eröffnet (den Hof, die Straße, den Park: Fenster schauen in Fenster, wo geht es hinaus? – Und natürlich sind manche dieser Fensterscheiben bunt gemalt.

Grafik: Peter Marggraf

Was neben den überraschenden Sprachfindungen Kappes an Wie kann das sein vor allem begeistern kann, ist die Wahrnehmung und Schilderung des vorwiegend städtischen Raumes (Aber wie weit reicht schon eine Straßenlaterne bei Nacht): selten wird dieses Ambiente so sachlich, so ungeschönt und bar jeder romantisierenden Süße, aber auch ohne Überhöhung in Weltekel oder Ennui dargestellt:

Tatsächlich vermisse ich plötzlich eine von diesen Müttern, die
da nur im Hintergrund flackern

Nichtsdestotrotz ist Kappes urbaner Raum keine entzauberte Umgebung, finden ihre Beschreibungen Gelegenheit, die kleinen Überraschungen dingfest zu machen, die das Leben in den Städten allemal bereit hält, stoßen sie frohe Fenster auf in die unendlichen Räume des Dahinter, an dem wir tagtäglich acht- und respektlos vorübereilen ([…] während vom oberen Balkon noch nach / Stunden das gutgemeinte Blumengießwasser tropft).

Die limitierte Auflage von Wie kann das sein ist wie gesagt bereits vergriffen. Es ist der Autorin zu wünschen, dass eine weitere eigene Publikation in einem nicht weniger gediegenen, aber nach geltenden Maßstäben noch wirksameren Umfeld nicht allzu lange auf sich warten lassen möge – und um wie viel mehr uns, ihren Lesern.

Christine Kappe
Wie kann das sein
Mit einer farbigen Radierung von Peter Marggraf. Auswahl: Hans-Georg Bulla)
San Marco Handpresse, Bordenau
2013

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge