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Des Nachbars Perlhuhn schreit wie eine Uhr

Hamburg

„Ich will das Brot mit den Irren teilen, / täglich ein Stück von dem großen Entsetzen“ – eine klassische Beinahe-Vergessene ist diese ehrfurchtgebietende Dichterin, deren Lyrik immer auch einen Schatten der Legende trägt, die aus der Zumutung eines ertragenen Lebens herrührt. Das nicht sehr umfangreiche Werk der 1973 im Alter von 58 Jahren gestorbenen Kärntnerin gehört zum Berührendsten und Dunkelsten, was die österreichische Literatur der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Es ist, changierend zwischen Glauben und Absage, ein Dokument der tiefgreifenden Krisen von Christine Lavant.

Christine Lavant

Die Absage dieser Gedichte ist grundlegend, auch wenn sie sich des Vokabulars gläubiger Ergebenheit zu bedienen scheinen. „Ich will vom Leiden endlich alles wissen! / Zerschlag den Glassturz der Ergebenheit / und nimm den Schatten meines Engels fort“ – Christine Lavant sieht sich in einer Weise den Gebresten der Zeit, mehr noch der Umstände ausgesetzt, dass ihr augenscheinlich nichts bleibt, als den Anbrandungen des sie Umgebenden mit einem stoischen Trotz zu begegnen, hinter dem die Verletzung, die damoklesartige Geworfenheit in das eigene, offenkundig von der Stille eben des Entsetzens umringte, Schicksal schimmern, dass den Zartsinnigen Angst und Bange und den Hartleibigen wenigstens blümerant wird: eine Erlösung wird es nur im Abwenden geben.

Der gewaltigste unter den großen Grantlern der Alpenrepublik, Thomas Bernhard, hat 1987 diese so kanonische wie feinnervige Auswahl aus Lavants lyrischem Werk getroffen, schon damals mit dem mühsam gemäßigten Zorn eines Wissenden, dass es schwer sein wird, die Kunde von dieser Dichterin in der Welt zu halten: „es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist.“ Die Kollektion wählt aus den drei essentiellen, zu Lebzeiten Lavants gedruckten Gedichtbänden „Die Bettlerschale“ (1956), „Spindel im Mond“ (1959), „Der Pfauenschrei“ (1962) wie den nachgelassenen Texten, die erst 1978 („Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben“) vorliegen, aus.

Der sortierende und konzentrierende Blick erzeugt dabei eine frappierende Engführung und Ahnung vom unterschwelligen Brodeln und Scheitern einer singulären Begabung – für die es auf dieser Seite des Lebens offensichtlich keine Erfüllung geben sollte: trotz einiger Ehre in ihrem Heimatland bleibt die Existenz Christine Lavants belastet, die Krisis ihres viel älteren Gefährten führt bei ihr gleichsam zum völligen Zusammenbruch, die frühen Jahre in der ‚Anstalt‘ haben sich tief eingegraben, die Gebrechen und daraus resultierenden Aufenthalte in Krankenheimen häufen sich zum Ende ihres Lebens.

Ein eigenartiger Glanz liegt auf diesen dunklen, mit den Gesten einer Gläubigen reziprok spielenden Gedichten, eine Art Erleichterung im gebetsmühlenartigen Rückzug … wie er der segelohrigen Leichtherzigkeit des momentanen Lyrikbetriebs, dem kaugummiartigen Geraun von postliterarischen Belanglosigkeiten von Zeit zu Zeit gehörig die Leviten lesen sollte. „Des Nachbars Perlhuhn schreit wie eine Uhr“ – derart surreal, drohend und zugleich punktgenau hört man es nach der ‚Epochenscheide‘ zwischen Obsession und betrieblicher Beflissenheit nur selten. Man mag es bedauern, wenn es nicht ein tautologisches Moment von Dichtung wäre: die seltenen großen Augenblicke dieser nur scheinbar verlorenen Kunst resultieren oft genug aus dem Unglück. Und es ist erstaunlicherweise das umfassend Irrgartenhafte dieses Unglücks, das wiederum den Schein, und lediglich den Schein eines Ausweges in sich trägt:  „Wie eine Uhr fang ich zu beten an.“

Christine Lavant · Thomas Bernhard (Hg.)
Gedichte
Suhrkamp/Insel
2011 · 95 Seiten · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-518240069

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