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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Auf Zwischentöne achten und Gedichte genießen

Christoph Buchwald & Klaus Wagenbach zeigen auf ein reiches Erbe: die Lyrik der DDR

Christoph Buchwald ist seit 1979 Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, dessen Erscheinen bei Fischer mit der diesjährigen Ausgabe eingestellt wurde. Man weiß nicht, ob es das wirkliche Ende bedeutet, hat das Jahrbuch doch schon einige Verlagswechsel hinter sich, mal erschien es bei Claassen, dann bei Luchterhand, sogar mal bei C.H. Beck. Christoph Buchwald muß in diesen Jahrzehnten zentnerweise Gedichtmanuskripte gesichtet haben und man darf daraus schließen, daß er zu den besten Lyrik-Kennern des Landes gehört, nicht nur was die schließlich zur Publikation gelangte Spitze des Eisbergs betrifft, sondern auch das Schleifen, Rumoren, das Krachen und Aneinanderschlagen darunter.
Ihn hat sich Klaus Wagenbach mit ins Boot geholt und sich einem Erbe zugewandt, das anzunehmen und sich genau anzuschauen wirklich lohnt: die Lyrik der DDR.

Das kommt nicht von ungefähr: Wagenbachs Auseinandersetzungen mit der DDR waren handfest, direkt und intensiv – so wurde ihm, als West-Berliner nicht untragisch, die Einreise und die Durchreise verboten, nachdem er Wolf Biermanns Texte verlegt hatte. Das war Anfang/Mitte der Sechziger, als Wagenbach mit dem Gedanken spielte, seinen Verlag, den er zu gründen gedachte, als eine Art Ost-West-Verlag zu etablieren und sich um Lizenzen von DDR-Schriftstellern bemühte. Stephan Hermlin, der wegen seiner Förderung junger engagierter Lyrik 1962 aus der Akademie der Künste der DDR geflogen war, hatte ihm ein Tonband von Biermann vorgespielt und Wagenbach damit von dessen Wert und Einmaligkeit überzeugt. Der verlegte Biermanns Platten und Bücher im Westen, die Bänder dazu kamen um den Bauch gewickelt von „drüben“ und das Papierne über die Ständige Vertretung in Ost-Berlin. Schließlich bedeutete man Wagenbach, er bekäme keine Lizenzen mehr, solange er Biermann verlege. Dessen „Drahtharfe“ – der aus Gedichten zusammengeschusterte Erstling des Protestbarden – war schließlich dennoch ein Glücksgriff, es war das erfolgreiche Buch, das Wagenbachs Verlag das Überleben sicherte. Im „Tintenfisch“ schließlich, dem Wagenbach’schen Jahrbuch für Literatur, haben viele Lyriker der DDR erstmals westdeutsche Leser gefunden; Wagenbach war und blieb ein gesamtdeutsch denkender Verleger, der sich immer schon mit der Lyrik beiderseits der Mauer auseinandersetzte.

Buchwald und Wagenbach haben zusammen nun versucht in dem vorliegenden Band „100 Gedichte aus der DDR“ „zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer die Neubesichtigung eines ererbten Geländes [zu] versuchen. Vierzig Jahre Poesie in deutscher Sprache, aber unter und mit anderen Parametern geschrieben. Wie befangen ist unser Blick noch, wie unbefangen schon?“ --- Die in dieser Fragestellung aufgehobene Grundintention spiegelt sich in der Auswahl der Texte, die bewußt Linientreue (eröffnet wird der Band z.B. mit Johannes R. Bechers Nationalhymne für die DDR) anreißt und neben das augenscheinlich stärker präsente Dissidententum stellt, und damit unsere Befangenheit testet. Eine Befangenheit, die hier im Westen an lyrischen Stammtischen noch in anderen unsinnigen Vorverurteilungen und überheblichen Fehleinschätzungen Ausdruck fand und findet: Wie kann in einem so unfreien Staat denn große und wichtige Lyrik entstanden sein?

Buchwald und Wagenbach entkräften das mit denkbar einfachster Geste: indem sie teils wunderbare Gedichte versammelt haben, die durch ihre bemerkenswerte literarische Qualität den Ball zurückspielen und von sich aus den objektiven Betrachter zu anderen Fragen zwingen: Warum war ich bislang für diese Lyrik blind? Ist sie nicht wert nah betrachtet, gern gelesen, ehrlich geliebt zu werden?

„Gedichte zu lesen bringt einem bei, auf Zwischentöne zu achten. Wir leben in einer binären Welt, in der Welt der Computer, es gibt nur ja und nein. Der Computer fragt nicht, was wäre wenn? Der Computer scheitert am Konjunktiv. Wir Menschen leben aber nun mal im Konjunktiv. Ein Beispiel: Meine zweite Frau Barbara sprach Kopfkissenitalienisch, sie hat es von einem Freund gelernt. Ich bin in den 50er Jahren monatelang allein mit dem Fahrrad durch Italien gefahren, ich konnte vom Schraubenzieher bis zur Speiche jedes italienische Wort. Aber ich konnte keinen Konjunktiv. Sie schon - in der Liebe braucht man den Konjunktiv. Lyrik kann das vermitteln. Da fehlt mal ein Verb, da fehlt ein Substantiv, dort wird ein Gedanke nur angedeutet, man weiß nicht so ganz genau - Lyrik ist Einführung in differenziertes Denken. Gereimt oder ungereimt ist egal.“ (Klaus Wagenbach in einem Interview im Tagesspiegel, 10.07.2005)

Und dieses differenzierte Denken war in der ehemaligen DDR zu einigen Zeiten vielleicht noch differenzierter in der Sache des Gedichts, als im Westen. Während sich im kapitalistischen Konsumparadies des Überflusses der Mensch in Eigenrotation versetzte und die Welt nur mehr um sich selbst kreisen ließ, blieb der Ossi konzentriert und reduziert auf die wenigen Sachen – auch konzentrierter auf das Gedicht und zwangsläufig mußte, wer gehört sein wollte, kunsthandwerklich top und inhaltlich voller Raffinesse schreiben können (oder man wurde zum lyrischen Parteisoldaten – auch solche Dichter gab es ausreichend und zweifellos). Während man im Westen zum Plakativen und Platten und Privaten wegrutschte und die Lyrik der Breite in das Tagebuchhafte und Pseudolyrische aus studentischen Stuben, blieb der Osten sorgfältig und aufmerksam in die Möglichkeit einer Botschaft verstrickt, in die Wesentlichkeit lyrischer Nachricht unter Wahrung der veredelten Form. Und war zudem ganz anders in der Gesellschaft verankert: an jedem Kiosk bspw. gab es das „Poesiealbum“, ein monatliches Lyrik-Feature zu einem bestimmten Autor, zum einladenden Preis von nur 90 Pfennigen.
 

„Die Ost-Dichter gingen mit ihrem Handwerk sorgfältiger um, arbeiteten aus der Kenntnis der Lyrik-Tradition heraus sehr bewußt mit Anspielung, Verweis, Paraphrase, Klangecho und Zitat.“, schreiben die Herausgeber. Und tatsächlich erschließt sich dem Leser der 100 Gedichte diese handwerklich Virtuosität sehr schnell und beeindruckend. Schon allein deshalb ist dieser Band lesenswert – es sind einfach sehr gute Gedichte, die Buchwald und Wagenbach ausgewählt haben und es war – wenn man die Namen studiert - auch nicht anders zu erwarten: Erich Arendt, Johannes Brobowksi, Volker Braun, Bertolt Brecht, Kurt Drawert, Adolf Endler, Durs Grünbein, Kerstin Hensel, Wolfgang Hilbig, Peter Huchel, Rainer Kirsch, Wulf Kirsten, Uwe Kolbe, Günter Kunert, Steffen Mensching, Karl Mickel, Heiner Müller, Christa Reinig, Thomas Rosenlöcher u.v.a.m. Der/die eine oder andere mag vermißt werden, aber solche Auswahlen sind nun mal und gottseidank subjektiv und inneren Prämissen geschuldet. Den Herausgebern ist es jedenfalls wunderbar gelungen innerhalb des selbst abgesteckten Rahmens Einblicke in dieses Erbe aufzustoßen und Lust darauf zu machen, sich wieder und wieder damit zu beschäftigen.

Rainer Kirsch

2005

Unsere Enkel werden uns dann fragen:
Habt ihr damals gut genug gehaßt?
Habt ihr eure Schlachten selbst geschlagen
Oder euch den Zeiten angepaßt?

Mit den Versen, die wir heute schrieben,
Werden wir dann kahl vor ihnen stehn
Hatten wir den Mut, genau zu lieben
Und den Spiegeln ins Gesicht zu sehn?

Und sie werden jede Zeile lesen
Ob in vielen Worten eines ist
Das noch gilt, und das sich nicht vergißt.

Und sie werden sich die Zeile zeigen
Freundlich sagen: „Es ist so gewesen.“
Oder sanft und unnachsichtig schweigen.

[1962]

Christoph Buchwald (Hg.) · Klaus Wagenbach (Hg.)
100 Gedichte aus der DDR
Wagenbach
2009 · 168 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-803132222

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