Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Zwischen Musenkuss und Musenstuss

Zusammengerückte Gedichte zweier Buchhaltungen
Hamburg

Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, das Jahrbuch der Lyrik. Manchmal schon totgesagt, liegt es heuer wider alle Grabreden bereits zum 30. Mal vor. Das Urgestein Christoph Buchwald hat sich für die Jubiläumsausgabe Nora Gomringer als Kopilotin und treibende Kraft gewählt.

... Dies ist mein Muff inmitten
nordischer Kost. Hier wohnen
mein Angerl und mein Engstel
in der Handpalme. Schau,
wenn ich knöchelknacke
dehnen sich alle Fenster. ... (Karin Fellner)

Sie habe, so Gomringer in ihrer Nachbemerkung, für diesen Band rund 7000 Eingänge gesichtet. Sie selbst sei nur einmal vertreten gewesen in dieser Anthologie der Anthologien der deutschen Dichter, was sie für die Mitherausgeberschaft prädestiniert habe. Eine Aussage, die umgehend Fragen nach den Auswahlkriterien aufwirft.

Christoph Buchwald schreibt kritisch in seinem Selbstinterview-Nachwort:

1979 glaubte ich schon (oder noch) zu wissen, was ein gelungenes Gedicht ausmacht. Im ersten Jahrbuch sind Gedichte zu finden, bei deren Lektüre mir heute die Schamesröte in den Kopf steigt ... Dennoch wird die Beurteilungssicherheit nicht größer, vor allem nicht bei Gedichten, die nicht gut und nicht schlecht sind.

Und so interessiert kundige LeserInnen wie Beitragende zuallererst, wer wurde diesmal, wer erneut in die Lyrikanthologie aufgenommen, wer (diesmal) (wieder) nicht?

sätze über planken

wir ziehen dir die worte aus der nase,
gemeinsam an einem strang der bohnenranke, jack,
schicken sätze über planken,
wanken in den wellen über haien,
die beissen unseren worten in die beine (Jason Bartsch)

Erst in zweiter Linie richtet sich das Augenmerk auf die vorliegenden Gedichte, die, so Gomringer, gemeinsame, wenn auch höchst eigenwillige und unterschiedliche Herzschläge erkennen lassen. Mag sein trotz dieser reichlich schiefen Metapher. Sind es denn „Herzschläge“? Oder eher peristaltische Bewegungen? Fußtritte gar? Was entgeht LeserInnen, wenn sie dieses Jahrbuch nicht zur Hand nehmen, sich nicht bereichern, indem sie dem einen oder anderen Gedicht nachspüren?

... Wir sind uns dann einig: Augen offen halten und Ohren!
Oh – wie auch ich es liebe, Zukunft zu haben,
gedankenvoll unbedacht einfach vorhanden,
von der Hand in den Mund, wenn die Hand
noch zum Mund – ... (Anne Dorn)

Die Grobdaten des Jahrgangs 2015: Aufgenommen wurden 143 Gedichte von deutschsprachigen AutorInnen, gegliedert in sechs Kapitel, abgerundet mit einem siebenten, das, wie letztes Jahr bereits, ein paar Lyriknachdichtungen, diesmal von 6 Gedichten fremdsprachiger Lyriker, vorstellt. Das Verhältnis zwischen Dichterinnen und Dichtern in die Anthologie ist ausgewogen, jenes des Alters der BeiträgerInnen erwähnenswert: So spannt sich ein weiter Bogen von Jason Bartsch, geb. 1994, hin zu Anne Dorn, Jahrgang 1925. Bis auf Seamus Heaney und Jean Krier, beide 2013 verstorben, sind alle lebende ZeitgenossInnen, die Begegnungen verdichten, Veränderung, Stadt, Natur, hierbei auffallend oft Tiere, seltener Wirtschaft oder das (im weitesten Sinn) politische Geschehen, wobei diese Themenaufzählung in ihrer hier versuchten Beschränkung nur einem Teil der Gedichte gerecht wird. So unterschiedlich die Themen, so unterschiedlich auch die poetischen Stilmittel und „Tonarten“ – kaum möglich, dies alles auf einen kleinsten gemeinsamen Rezensionsnenner zu bringen.

vergleichsgrößen
gib mir das messbesteck & I metermaß.
die elle & der handrücken erwiesen sich als zu kurz
für die durchmessung des schmalen tals &
den spreißel im nagel der sich auflösenden schuhe.
mehr kann man von einem körper nicht verlangen. (Carolin Callies)

Schätze wie diese sind darunter, Fundstücke auch. Und wie in jeder Sammlung wenige, wohl unvermeidliche, schlichte Gedichte. Insgesamt ist der Jahrgang 2015 wie erwartbar, gut durchmischt, ausreichend glänzend, versammelt neben einigen Neulingen viele, zumindest poetisch Interessierten, bekannte Namen und eröffnet ihnen hoffentlich einen neuen LeserInnenkreis. Jede Sammlung wird aber auch definiert durch ihre Auslassungen. PoetInnen aus Österreich und der Schweiz sind kaum vertreten. Man kann auch bedauern, dass durch den Zwang zur Beschränkung etliche Stimmen fehlen, etwa Daniela Seel, José Oliver oder Ferdinand Schmatz, um hier willkürlich drei LyrikerInnen namentlich zu nennen.

Viele Dichterinnen und Dichter dieser Nation oder anderer Nationen, aber mit prägender Kraft für den deutschen Rezipientenkreis sind versammelt, bekennt Nora Gomringer in ihrem Nachwort, konnten gebunden werden in einen Band.

Mehr Wagemut, auch für das eine oder andere an- und aufregende Sprachexperiment, hätte einer Anthologie der Stimmenvielfalt trotzdem gut getan.

Christoph Buchwald (Hg.) · Nora Gomringer (Hg.)
Jahrbuch der Lyrik 2015
DVA
2015 · 224 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-421-04612-3

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