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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Das Flimmern in den Fugen

Hamburg

„SANTA ANA

auf der sonnenseite ein wochenendtag
mit ihren ritualen mit ihren rissen
mühelos gelingt der übergang
von cortado zu tinto
urlauber behauchen ihre objektive
heimlich hebt ein kleiner mischling sein bein
am lorca denkmal drüben
vor der säuferbodega von hemingway
werden rasselnd die stühle
von der kette gelassen
und in den lungen einzwei dauerläufer
steckt noch morgenluft
ich folge der kellnerin in die katakomben
sie druckt mir ein paar zentimeter leerbons aus
um etwas festzuhalten von diesem februartag
aber ich weiß nicht wie“

Dies ist ein Gedicht von Christoph Danne aus seinem neuen Band Aufwachräume, erschienen unlängst bei der Kölner parasitenpresse. Er gehört zum dritten des in insgesamt drei Teile gegliederten Textkorpus, namens „inventur“. Die beiden vorhergehenden heißen „um gekalkte stämme“ und „wir müssen weitergehen“. Der Band operiert mit der Kürze. Kaum 60 Seiten und kaum eines der Gedichte springt auf die nächste Seite. Selten benutzen sie eine Langzeile. Es scheint, als ob Danne das Gefühl evozieren möchte: kaum drinnen, schon wieder draußen. Nach der Überschrift, oft schon eine Zusammenfassung, ein Sublimat dessen, was da folgt, oder ein Gegengewicht, kommen zwei, drei Zeilen, und wenn man Glück hat, eine zweite Strophe, und das war‘s schon. Wieder draußen, auf sich selbst zurückgeworfen die LeserInnen: Hab ich was verpasst, war das der Moment, der alles bedeutende Moment? Vielleicht, ja. Es klingt nach Küchenphilosophie, aber Dannes Gedichte sind auf ihre reduzierte Weise kein literarischer Gegenentwurf, sprich Fluchtpunkt oder Seltene-Blumengarten außerhalb des Lebens, sie sind ein Teil des Lebens wie die ihm innewohnenden Glücksmomente einer Erkenntnis oder ein Ausruf: kurz. Der Rest ist Resonanz, um mit Rike Scheffler zu sprechen. Wie Dominik Dombrowski in seinem (ebenfalls kurzen) Nachwort anmerkt, „schafft sich Danne solche Momente (wie Polaroids) als Reisender in zarter Distanz […] eine kafkasche Stilllegung der Zeit“.

In der Tat. Es sind Momentaufnahmen, verdichtete Notate, Zustände wie „VOR GIBRALTAR“:

„klippen stürzen jäh
aufgeraut ihre steinstruktur
unten an der kreuzung
ein gestundeter augenblick
bevor beides
in nebelwänden
hinter der straßenbiegung sich
verliert“

Auf dem Cover der Aufwachräume ist eine verträumte Fotografie on the road to… Split abgebildet, der Moment kurz vorm Rausfahren, Autoput-Inventar, Markierungen, karger Bewuchs, entrückte Berge am Horizont und zwei Drittel des Bildes: Himmel in Aufruhr, wie geschüttelte Tinte. Die Gedichte sind unterwegs entstanden, zwischen Schiphol und Piräus, im Flur und in Müngersdorf. Sie erinnern, ohne flüchtig = unsorgfältig zu sein – im Gegenteil sie sind fein gearbeitet, an die lyrischen Notate eines Richard Brautigan in Tokyo. Stets geht es um das Schälen, Gewinnen und Herausstellen einer Essenz des Augenblicks. Es gelingt hier mit ungeheuer wenig eine ganze Menge. Dannes „Polaroids“ sind zugänglich. Sie verbleiben im Sinnlichen im Moment der Verbindung zu Gefühlen. Sie meiden Theorien, Verallgemeinerungen und Referenzen, sind klassische Ausblender und Verdichter des Wesentlichen. Dabei wenden sie sich häufig der stillen, durch-nichts-viel sagenden Schilderung oder Aufforderung zur Zweisamkeit zu.

„SELBST EIN AUTOMATENKAFFEE

an der autobahnraststätte
würfelzucker 2er-pack
wäre mit dir
ein date“

„ZWEITES FRÜHSTÜCK

ein herbstmorgen frisch
geputzte zähne die
milch vom herd fische
im flur nach meinen
schuhen da auf
einmal stehst du
verschlafen mit bandshirt
im türrahmen
danke für den kaffee reime
ich mir zusammen
ziehe alles
wieder aus
und bleibe
später sag ich
kette abgesprungen und kein
geld für die bahn
tut mir leid“

In seinen „unbehausten“ (Dombrowski) Gedichten steckt viel von den Orten ihrer Entstehung. In „um gekalkte bäume“ geht es um eine Balkanreise nach Griechenland. Danne tupft die Trockenheit der Landschaft, das beobachtete Treiben am Hafen und das Geräusch der Grillen in seine Verse, und immer spürt man den Dichter selbst mit am Tisch sitzen, Brötchen holen, seine Präsenz, seine Perspektive als Konservator der Szene. In „wir müssen weitergehen“ und „inventur“ befinden wir uns in Flandern, in Hotels oder in Flugzeugen. Bleiben als Chronisten mit Danne zurück, wenn die Strandkörbe eingefahren werden, und der letzte Flieger gen Süden aufgebrochen ist.

„KLEINERE TURBULENZEN

auf dem flug köln bonn nach
wien wird der einsatz von schwimmwesten
durchgespielt und in keiner geste findet man
anzeichen von ironie
[…]“

Aufwachräume ist nach das halten der asche der zweite Gedichtband von Christoph Danne bei der parasitenpresse. Zuvor hatte der Postpoetry-Preisträger von 2014 den Gedichtband Shooting Stars im Elifverlag 2015 veröffentlicht. Danne, der auch selbst als Verleger und Herausgeber tätig ist (Tauland Verlag) sowie die hervorragende Kölner Lesereihe HELLOPOETRY! besorgt, zeigt sich in Aufwachräume als hellwacher Beobachter, der Minimalismus und Nichtsagen dem Ausmalen vorzieht. Seine Kadrierung in Worten fasst Szenen ein, denen man sich schwer entziehen kann, die man vielleicht so oder so ähnlich auch schon im Spüren begriffen war. Sie bleiben.

 

Christoph Danne
Aufwachräume
parasitenpresse
2017 · 60 Seiten · 10,00 Euro

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