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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Der Grund für ein Gedicht

Warum Christoph Meckels Poesie lebt

Es gibt in der Lyrik sehr grob betrachtet schon immer zwei Herangehensweisen. Der eine Dichter sucht und wurstelt eifernd herum, er pustet Staub auf und bastelt filigranes Zeug und läßt nichts gelten, weil das Verläßliche ihn verlassen hat im Gegenüber der Sprache, während der andere unentwegt findet, auf, im und unter dem Staub, reich wird und mitteilsam, weil ihm die Magie und das Geschlecht des Gegenüber vertraut und ein erotischer Partner geworden ist.

Ob aus dem einen oder anderen ein guter Dichter wird? – in beiden Konstellationen können interessante Gebilde entstehen und faszinierende Wesen,  die in ihrem Eigenleben andere Menschen berühren. Aber selten wird man von einem kunsthandwerklich erarbeiteten Konstrukt so intensiv angesprochen werden, wie von einem erotisch erzeugten. Intensiv vielleicht im grübelnden Kopf, aber nicht wirklich, also rückwirkend auf das zärtliche Fragen des Tiers und den neugierigen Blick des Atoms, auf die erotische Begegnung, die Grundlage allen Lebens ist. Das Kunsthandwerk kann staunen machen, bewundern lassen, aber nicht Wundern oder Staunen sein. Weil es zu sehr das Ding in einer Weise enthält, die besitzergreifend ist/sein muß. Ein gutes Gedicht besitzt nicht – es ist ein vom Autor losgelassenes Etwas, das kein Etwas mehr ist, sondern ein organisches Wesen aus mehr als nur Wort und Gedanke. Das Handwerk des Dichtens ist mehr das Herauslösen, Auftauchen und Loslassen können eines Gedichtes, als seine angestrengt erstrebte, übers Kreuz gebrochene, experimentativ herbeigeführte Konstruktion und Verdinglichung. Ein Gedicht wird nicht herbeigeführt, sondern es ist da oder nicht da. Die eigentlich dichterische Anstrengung betrifft nicht das Verzurren von herbeigesuchten Objekten, sondern ihr Loslassen in einen Kontext.

In der postmodernen Dichtung wimmelt es von Staubaufwirblern, die sich Konstrukte beklatschen lassen, welche man unklar hinter den Wolken als hohe Kunst vermutet. Vom architektonischen Handwerk wissen sie alles, aber nichts vom Ziegel, vom Wasser, nichts vom Holz, vom Kalk oder vom Menschen.  Am Ende haben sie unsere geistigen Städte zugestellt und alles sieht gleich aus. Nichts ist aufgehoben in einem Raum, der sich verweigert, der sich zustellt mit Leere.  Der Raum nämlich lebt aus der Zwiesprache, er ist die Zwiesprache. Und Sprache ist Raum.

Mich persönlich haben immer Dichter fasziniert, die diesen Raum gestaltet haben und dabei sich selbst nicht schonten, aussparten, entzogen, sondern als Organ zur Verfügung standen, durch das die Sprache fließt und aus dem sie stoffwechselnd in die Welt zurücktreibt.  Christoph Meckel ist jemand, der sich nie verweigerte, dem das Wort Brot eine Bedeutung hat und der zuläßt, daß es eine Bedeutung hat. Der den Raum auflädt, weil er schon die atomistischen Ladungen zuläßt, im Buchstaben, in der Silbe, schließlich im Wort und im Vers. Und den Raum der Worte ausmißt auf eine individuelle Weise. Er läßt zu, daß Worte zu Landschaften werden, in denen eine Geschichte spielt. Der Aufbrauch der Zeit ist dort ein Aufbrauch von Möglichkeit, die sich weder verbraucht noch jemals erledigt.

“Wenn ein Mensch Ich sagt, spricht er von sich selbst, wenn er Ich schreibt, hat er sich schon verwandelt, da ist er schon eine Gestalt, die er aus sich herausnehmen kann.” sagt Christoph Meckel in einem Interview, das er 2006 mit Viktor Kalinke vom erata Verlag führte.
Eine Gestalt, die aus der inneren Sprache kommt und plötzlich im Draußen geschieht -“einzeln” wie Meckel sagt, “restlos”, wie er es denkt. Seine Sprache hat einen Klang und ist nicht frei erfunden.

“Ich glaube, daß meine Arbeit persönlich wurde und war,  in dem Moment als ich begriff, daß man seine Biographie akzeptieren muß. Wenn man das nicht tut, strampelt man im Vakuum oder in Zwischenbildern herum und kommt nicht zu sich selbst.” sagt Christoph Meckel in jenem Interview. Die Biographie als Schrift des Lebens erzeugt einen eigenen Sprachschatz und Meckel nutzt ihn seit Jahren. Worte, die sich niemals verbrauchen, weil ihre Räume in die Tiefe geöffnet sind; sie sind Scripte für Geschehen und Teil eines Welttheaters und sehen oft unscheinbar aus. Das Wort “Erscheinung” ist bei Meckel mehr als ein erkennbares Aussehen. Die Erscheinung bildet ab, was zum Leben des Einzelnen gehört, die Art und Weise wie er anwesend ist und in welchen Bereichen (und von denen der Einzelne irrtümlich glaubt, daß sie für alle gelten). Jede Erscheinung verändert das Outfit der Welt. Sie ist in einem einfachen  und fundamentalen Sinn wesentlich.

Ein anderes Beispiel: “Wir kamen im Sturm nach Cythera geflogen / erkannt vom Licht”.  Ein einfacher Vers: erkannt vom Licht – kein Wort steht hier, das nicht schon billiardenfach in anderen Texten zu lesen war und trotzdem wirkt der Vers neu, erzählt von einem lebendigen Raum. Wir kamen im Sturm nach Cythera geflogen und es machte nichts aus, daß wir müde und defrisiert, verbraucht und von irgendeinem Zuviel verzeichnet waren, nun gab es wieder uns und das Licht war da ohne Gegenwehr und doppelten Boden, und Meckel dreht den Spieß um: das Licht ist immer da, nur wir lassen uns nicht zuverlässig erkennen. Es ist dabei nicht nur ein physikalisches Licht gemeint, und in ihm die Gewißheit der eigenen Erscheinung, sondern auch eine grundlegende Helle, die im Dasein steckt. Wir selbst sind jene, die sich dem Licht verweigern, weil wir mit unverdauten Schäden durch die Welt traben und auf unseren Sulkys kleben. Aber in der Liebe vergessen wir das. Wir überwinden es und werden erkannt.

Meckel lesen heißt, in einer Sprache lesen, die hochmelodisch ist und etwas will. Es gibt Takte und komplexe Strukturen, denen der Autor aber selbst immer wieder eine Nase dreht. Er mag den zufälligen Fleck auf der Skizze, den Ausrutscher im Blatt, den krummen Haken an der nicht genehmigten Stelle. Die Überraschung ist Teil der Verabredung mit dem Moment. Der schöne Satz gehört in die vereinbarte Sprache für das Gedicht. Warum auch nicht? Warum soll etwas das klingt, nicht mehr klingen?

Ich habe die Kündigung der Postmoderne, was den schönen Satz betrifft, immer nur als Kapitulation verstanden: was man nicht kann, muß gestrichen werden. Was noch mehr Können verlangt, muß erst recht gestrichen werden. Eine angstvolle Impotenz begleitet den Textbastler von heute insgeheim und verunsichert ihn: die Zeit wird womöglich zeigen, was für eine Nulpe er war. Au weia.

Es gibt ja leider kaum mehr gute Poeten. Es gibt gute Techniker, aber keine Dichter. Sie meinen, wenn sie etwas vollkommen anders sagen, als es bisher gesagt wurde, dann sind sie begründet. Sie meinen, man braucht nur Vokabeln zu erneuern in einem Zitat. Und viele sind gefangen in längst überholten Mustern, pseudowissenschaftlichen, stark veralteten Dogmen (der Stuttgarter Schule bspw.), von so rückschrittlichen Figuren wie Stolterfoht oder Lentz beeinflußt, die diese alten Ideen vertreten. Andere wiederum haben Angst vor der eigenen Erscheinung und retten sich in die Kunst.
Das muß man alles hinter sich haben. Man muß alle Dogmen, Ismen und Ängste, alle Ausflüchte und Eitelkeiten, alle Lügen hinter sich haben, und die biographische Spuren der Sprache aufdecken, um Gedichte schreiben zu können, die im Anderen mehr als nur einen geistigen Kniefall vor etwaiger technischer Raffinesse auslösen.

In „Gottgewimmer“, wie der neue Gedichtband von Christoph Meckel heißt, gibt es mehr Fragen als Antworten. Töricht kluge Fragen, die nur jemand stellt, der alle möglichen Antworten gehört hat und offen die Tragkraft des Strohhalms bezweifelt. Die Schwerkraft ersetzt er durch Poesie. Das Buch bejaht die Kräfte, die Sprache hervorbringt, in einer Konsequenz, die man heute andernorts, wenn man sie sucht, nicht wirklich findet. Die Kontexte sind heute andere, die Konsequenzen andere. Um gute Gedichte zu schreiben, muß der eigene Kontext die Worte erzeugen, um die es geht. Sie lauern wie Planeten im Dickicht des Gottgewimmers.

Christoph Meckel
Gottgewimmer
Hanser
2010 · 80 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446235618

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