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Kritik

… „für einen Pulsschlag der Ewigkeit”…

Hamburg

Ransmayr versteht sich, das zeigt auch der neue Roman, der vom Zeitmessen und der Begegnung dieser von Cox verkörperten Praxis mit dem chinesischen Kaiser, der das Vergehen der Zeit wie der Chronometriker und Chronist des Textes nicht mißt, sondern in ihrem Vergehen darstellen will, handelt, auf Sehnsucht, die er dank Frage und Konjunktiv in eine fast resonante Nähe zum Realen bringt, um die letzte Distanz in ihrer dann doch noch und fast schmerzlich unkitschigen Unüberwindlichkeit zu zeigen.

Alles ist zu spät, schon antizipiert ein Verpassen, aber der Schmerz darüber ist dann, was die Schönheit der Liebe hat, vielleicht mehr als diese, weil: hoffnungs- und zwecklos. Liebe…

„Aber war nicht jeder, der in einem zauberischen Augenblick von einem solchen Funken beschienen wurde, für einen Pulsschlag der Ewigkeit mit einem anderen Menschen wie für immer verbunden?”

Fragezeichen

Schon von Beginn an ist die Zeit sie und eine andere, Cox erreicht China „unter schlaffen Segeln”, die das Ermatten und das seltsam Uneilige schon andeuten, „am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlong […] siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ”, von da an ist immer weniger Oktober und immer mehr Geschehen, zeitig, dem kairos folgend vielleicht, der chronos aber mißt und weiß nicht: was. Termingeschäfte im Reich des „Herrn(n) der zehntausend Jahre”? – Eher nicht. Und diese Strafe hier „ein Akt der Gnade”…

Uhren hier: „Spielzeug”, des Kaisers Vertreter „hatte tatsächlich Spielzeug gesagt”, gefährliches vielleicht, erst nach des Kaisers Begutachtung würde die Freigabe zur „Betrachtung durch andere” möglich, gleichwohl… Warum aber gefährlich? Vielleicht, weil eine ewige Macht wie jene des Kaisers, samt „einer über den Tod hinausreichenden königlichen Unerbittlichkeit”, Uhren als Ausdruck dessen sieht, es sei nicht so, im Falle Cromwells war der Schädel des nochmals – symbolisch – Hingerichteten aufgespießte Warnung und Mahnung gewesen…

… „bis der irische Landgraf, dessen Namen Cox nie erfahren sollte, den Schädel stehlen und bleichen ließ und zur Einsetzung in ein Uhrwerk, das den unaufhaltsamen Ablauf und Niedergang der englischen Herrschaft im Minutentakt vorführen sollte, in eine geheime Werkstatt schickte.”

Der Kopf – der Geist – sei die Veränderung, an die die Uhr die Zeit messend erinnere. Die Veränderung durch die Zeit entspricht ihm aufs Perverseste im Lingchi1, das Ransmayr schildert:

„Zuerst würde ihnen der Henker die linke, dann die rechte Brustwarze mit einer Schere abschneiden, dann mit einem Messer die ganze Brust, dann die Muskelstränge der Beine, zuerst die des Oberschenkels, dann des Unterschenkels, jedes Schnittstück in schmalen Streifen, bis die Knochen durch das strömende Blut schimmerten. Dann sollte auch das Fleisch der Ober- und Unterarme in blutgetränktes Sägemehl fallen, bis die Lügner tropfenden, brüllenden Skeletten glichen, Gespenstern, zu denen die nicht durch den Henker, sondern allein durch ihre Lügen geworden waren.”

Dieser Prozeß ist von den Delinquenten zu verfolgen, die ihn durchlitten oder durchleiden werden, erst hernach erfolgt eine Blendung „mit einem in Salzsäure getunkten Eisendorn”; dann verläuft eine „durch die Tropfen einer Wasseruhr gemessene[n] Stundenfrist” bis zur langsamen Enthauptung, die der Henker „nicht mit einem Schwert, sondern mit dem Messer seiner bisherigen Arbeit” durchführt.

Geist und Schmerz… Diese beiden Welten begegnen einander also, einerseits in einer „Uhr für Totgeweihte” und andererseits zuletzt doch sehr subtil, als wäre das Ewige die Sehnsucht des Wandels und der Wandel die Sehnsucht des Ewigen, verbunden durch besagte Liebe, die um das eine weiß und das andere in sich trägt, dargestellt hierin:

„Eine Uhr für die Ewigkeit. Die Uhr aller Uhren. Perpetuum mobile.”

Betrieben – durch Wahrscheinlichkeit. Durch Luftdruckwechsel, deren einer die Uhr sechzig Stunden laufen liefe, deren aber mehrere am Tag wahrscheinlich eintreten würden. Zuwenig nach dem Maß der „Zeitlosen Uhr”, denn:

„Aber war nicht jeder, der in einem zauberischen Augenblick von einem solchen Funken beschienen wurde, für einen Pulsschlag der Ewigkeit mit einem anderen Menschen wie für immer verbunden?”

Das ist alles, wird alles, bleibt alles; wiederholt sich, hier, aber bleibt zugleich unwiederholbar. Unwirklich, wie die Macht der Uhr und die Uhr der Macht, die es zuletzt nicht geben wird, doch das sei als wunderbare Pointe des wunderbaren Buchs nicht genauer erklärt.

Lesenswert..!

Christoph Ransmayr
Cox oder Der Lauf der Zeit
S. Fischer
2016 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-10-082951-1

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