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Kritik

Heimkehr zur Unzeit

Christoph Ransmayr bringt die Heimkehr des Odysseus auf die Bühne

Schon in der antiken Vorlage des Mythos verläuft die Heimkehr des Odysseus nicht ganz so triumphal, wie man es bei einem gefeierten Kriegshelden erwarten würde: Nach zwanzig Jahren des Krieges und der Irrfahrten an seinen Hof zurückkehrend, findet er seine Gattin von Freiern umstellt, die sie sich mit aller Mühe vom Hals halten muss. Als Bettler verkleidet weiß sich der Listenreiche jedoch zu helfen und entledigt sich aller Nebenbuhler, ehe er sich wieder mit seiner Penelope vereinen darf. Schon bei Homer also ist Odysseus’ Heimkehr kein reiner Lobgesang, auch hier gibt es bereits Brüche und Irritationen – und so macht dieser Part immerhin fast die Hälfte des antiken Epos aus, auch wenn die abenteuerlichen Irrfahrten in der späteren Rezeption sich als weitaus einflussreicher erwiesen haben.

Christoph Ransmayr nun nimmt sich für seine zweite dramatische Arbeit, die auf dem Festival Ruhr 2010 Premiere feierte, genau dieses Parts an. Schon fast klassisch für Ransmayr ist die Verlagerung des antiken Stoffes in eine apokalyptische Nachkriegszeit. Seit seinem größten Erfolg, dem Roman „Die letzte Welt“ von 1988, in dem er die Ovid’schen Metamorphosen in eben ein solches Szenario verlegte, müssen die Ransmayr’schen Figuren in den Trümmerlandschaften einer Unzeit ihr Leben fristen – stets stilecht drapiert mit Flachbildschirmen, Streitäxten und brennenden Wracks. Hierin liegt zugleich ein besonderer Reiz seiner Adaptionen: Die mythische Welt des antiken Stoffes ist nicht etwa ein goldenes Zeitalter der strahlenden Helden, fremder und exotischer Länder und großen Gefahren – vielmehr hat die Dialektik der Aufklärung hier bereits Einzug gehalten. Die Schrecken der Moderne schreiben sich in den urgeschichtlichen Mythos ein und lassen eine positive Rückprojektion nicht zu. Und so ist der trojanische Krieg im Ransmayr’schen Kosmos bereits entmystifiziert – sein Held Odysseus wird von den Menschen Ithakas bloß als „Lumpensammler“ und „Nahkampfschwuchtel“ beleidigt, niemand feiert seine Heimkehr oder gar seine militärischen Siege. Auch Odysseus’ Schilderungen des Kriegs klingen gänzlich anders, als man es vom listenreichen Sieger über Troja erwarten würde: „Ich war tiefer im Dunkel des Krieges als jeder andere. Der Weg aus der Schlacht, aus den Alpträumen des Tötens und der Grausamkeit zurück in einen manchmal schon unerreichbar scheinenden Frieden, ist wohl der längste, den ein Mensch gehen kann, ein Weg durch ein Labyrinth. Unterwegs muss sich ein Heimkehrer nicht nur von den Monstern lösen, die ihm auf dem Schlachtfeld entweder entgegengestürmt sind oder an deren Seite er, selber ein Monster, gekämpft hat, sondern auch von den meisten Überlebenden, Nachkriegsungeheuern, den vom Blut gezeichneten“.

So endet der Krieg für Odysseus noch nicht einmal mit seiner Heimkehr. Ein „Chor der Krüppel und Gefallenen“ begleitet ihn als moderne Erynnien – bestückt mit Krücken und Rollstühlen quälen sie ihn als Stimmenensemble seiner Opfer. Gemeinsam mit seinem Sohn Telemachos macht sich Odysseus endlich auf, um die in seinem Heimatland herrschenden „Reformer“ in einem Blutbad niederzumetzeln. Die ödipal eingefärbte Penelope ist jedoch keinesfalls erleichtert über die Rückeroberungen ihres Mannes und dessen väterliche Indienstnahme des geliebten Sohnes: „Du hast ihm das Schlimmste angetan, was ein Vater seinem Sohn antun kann, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht. Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht“. Und so macht sich Odysseus gegen Ende des Stückes wieder alleine in die Ferne auf – mit der schwachen Hoffnung, eines Tages befreit von seinen Dämonen als der, der er einst war, zu seiner Familie zurückzukehren.

Ransmayr bewies in seinem Theaterdebüt „Die Unsichtbare“ – bei den Salzburger Festspielen 2001 uraufgeführt – dass er um die besonderen Herausforderungen des dramatischen Schreibens weiß. Die sprachästhetische Wucht, die seine Romane so packend machen – und dort schon manches Mal nur knapp am Pathetischen vorbei schrammen – wirken auf der Bühne allzu leicht bloß unfreiwillig komisch. In „Die Unsichtbare“ entschied sich Ransmayr daher für eine ironische Variante, für ihn ungewöhnlich und dennoch erfolgreich, auch weil er sich spielerischer Reflexionen bediente – so wurde etwa die Zukunft des Theaters im Stück selbst ausgehandelt. Solche Raffinessen fehlen leider in „Odysseus, Verbrecher“. Zwar gibt es auch hier Stellen von ätzendem Witz – etwa wenn die Göttin Athene auf seine Gräueltaten als „Städteverwüsterer“ anspielt: „Ausgerutscht. So nennt man das wohl, wenn Helden Weiber unter sich begraben? Wie oft bist du denn in den Kriegsjahren ausgerutscht? Was man in den Nachrichten von überlebenden Frauen so hört, soll es ja in Troja besonders rutschig gewesen sein“.

Manchmal aber wirkt dieser Humor bloß platt oder allzu bemüht: „Du kannst das Salz dann ja zu einem Sonderpreis als Tränensalz anbieten. Marke: Blood, Sweat & Tears, alles Bio“. Solche Karikierungen des Zeitgeistes erscheinen neben dem wuchtigen Gedankenblei des übrigen Stücks sehr gewollt, zudem wirkt ein Popzitat wie: „The answer my friend is blowing in the wind“, selbst schon beinahe antik.

Auch die Figuren hätten ein wenig mehr Lebendigkeit verdient, ihre Charaktere verschwinden fast gänzlich unter dem angesammelten Ideenballast und dienen häufig mehr als Schablonen philosophischer Dialoge. Und leider wirken auch diese zu oft bloß wie Destillate der vergangenen Romane Ransmayrs und bieten wenig Überraschung. So ist auch der finale Entschluss Odysseus’, erneut in die Ferne aufzubrechen, um sich seiner Dämonen zu entledigen, nur als ein weiterer Aufschub zu werten und dient mehr als dramaturgische Notlösung.

Im Ideenkosmos der Ransmayr’schen Unzeit scheint es allmählich doch an der Zeit zu sein für Forminnovationen. Zumindest bei „Odysseus, Verbrecher“ entstammt so mancher Moment aus der Retorte – und das wird der überragenden Stellung des bisherigen Werks bei weitem nicht gerecht.

Christoph Ransmayr
Odysseus, Verbrecher.
Schauspiel einer Heimkehr
S. Fischer
2010 · 120 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-100629456
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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