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Wortschau, Veranstaltung Marburg
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Wortschau, Veranstaltung Marburg
Kritik

Eine Bierlaune, aber keine Schnapsidee

Hamburg

Wenn man sich das Mittelfeld von Borussia Dortmund einmal etwas genauer anschaut, spielen dort mit Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Kevin Großkreutz und Mario Götze derzeit lauter gebürtige Westfalen. Das ist zwar nicht (immer) entscheidend, aber immerhin doch eine Überraschung bei der heutigen durchkommerzialisierten Internationalität des Fußballs, besonders nach dem Bosman-Urteil von 1995, welches zum einen besagt, dass Profi-Fußballspieler in der Europäischen Union nach Ende des Vertrages ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen, und zum anderen die im europäischen Sport bestehenden Restriktionen für Ausländer zu Fall brachte. Ähnliches Erstaunen muss auch Christoph Wenzel und Adrian Kasnitz befallen haben, bei einem Brainstorming darüber, wie viele Lyriker merkwürdigerweise aus Westfalen stammen. „Immer wieder die Situation nach Lesungen:“, erklären die Herausgeber im Editorial „die Pils-, die Schnapstrinker bleiben übrig. So kennt man es. Aber tatsächlich ist die Idee für diese Anthologie in einer solchen Gesprächssituation nach einer Lesung in Köln entstanden: Warum trifft man immer wieder auf jüngere Dichterinnen und Dichter, die auf irgendeine Weise mit Westfalen verbandelt sind?“

Nachdem die alljährliche Auszeichnung der „Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit e.V.“ (GWK-Förderpreis) in der Sparte Literatur im Jahr 2011 an Adrian Kasnitz und 2012, ein Jahr später, an Christoph Wenzel ging, und beide Dichter auch gleichzeitig als Verleger der zwei kleinen aber feinen Verlage parasitenpresse und [SIC]-Literaturverlag fungieren, lag es mehr als nahe, dass sie auf die Idee verfielen, in publizistischer Kooperation  einmal zusammenzutragen, was Westfalen an Gedichten und Dichtern so zu bieten hat. Dabei hatten sie es nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, auf eine historische Anthologie abgesehen – etwa von Annette von Droste-Hülshoff bis Herbert Grönemeyer – , sondern trugen junge gegenwärtige Lyrik zusammen, insgesamt zweiunddreißig Dichter und Dichterinnen in alphabetischer Reihenfolge, Herausgeber eingeschlossen, darunter mit Nicolai Kobus, Jan Skudlarek, Dagmara Kraus, Hendrik Jackson, Sabine Scho und Hendrik Rost weitere GWK-Förderpreisträger. Und es ist bereits bezeichnend für die Sinnhaftigkeit des Unternehmens, dass – würde man in dem Buch etwa nicht den geringsten Hinweis auf den Landstrich Westfalen finden - diese Anthologie trotzdem als aktuelle Sammlung deutschsprachiger Gegenwartslyrik durchgehen würde. In diesem Sinne ist der Titel „Westfalen, sonst nichts?“ auch eher augenzwinkernd zu verstehen, die Betonung liegt also schwergewichtig auf dem Fragezeichen. Ich glaube auch, dass es den Herausgebern nicht darauf ankam, auf Teufel-komm-raus eine Westfalen-Anthologie in die Welt zu setzen, wenn sie nicht durch die Vielzahl von Könnern, die es für die Sammlung zu gewinnen gab, ermutigt worden wären.

Zudem gab es auch keine Vorgabe, dass sich die Gedichte inhaltlich mit Westfalen zu beschäftigen hätten, aber sie durften es natürlich schon, wie bei der melancholisch-ironischen Skizze „Westfälisch“ (Seite 53) des Ibbenbürers Paul Heinrich, die jene klassische lokalkolorierte Stimmung zwischen Vergänglichkeit, Wandel und trockenem Humor entwirft: „weißt du noch vor zwanzig Jahren / als die erste McDonald’s Filiale eröffnete / bei uns auf dem Dorf / direkt an der Autobahnauffahrt Richtung Amsterdam / und du hast deinen Vater dahin geschleppt / und er stand da inmitten der Neueröffnung / so passend wie ein Massivholzmöbel / in einer Raumsonde / und deiner Einladung zu einem Hamburger / entgegnete er mit zarter aber vernehmlicher Stimme / ‚lieber sterben‘ / und sein schelmischer Gesichtsausdruck mischte / sich für einige Minuten mit den besten Zutaten / für einen Showdown im Mittleren Westen“ Eine ganz andere Saite schlägt die aus Iserlohn stammende Lyrikerin Angela Sanmann an. Sie steuert der Sammlung mit den Gedichten „mandeln und mahdia“ oder „ticken“ (Seite 130/131) bezaubernde surreale Gleichnisse bei: „du hast den wecker an den baumstamm genagelt // jetzt sitzen wir davor und fragen / uns jede stunde abwechselnd nach der uhrzeit // wir wollen so genau wie möglich sein / in der bestimmung unseres kleinsten / gemeinsamen nenners“

Den Facettenreichtum der Anthologie unterstreicht schließlich der Hammenser Jan Skudlarek, der sich als ein Meister des Enjambements erweist, dessen Texte durchgängig Überraschungsmomente bergen und eine stete Spannung bis zum Ende halten: „ich leuchte im dunkeln – wie ein hirn in seinem / tank. ein kurzer moment der unachtsamkeit und / der kirchturm perforiert den himmel“ („magische pilze, sixtinische lamellen“, Seite 153) Kurz gesagt, in diesem Buch kann jeder seine Favoriten finden, aber vor allem nichts Uninteressantes. Mein persönliches Highlight sind die fünf Gedichte des Warendorfers Daniel Ketteler auf den Seiten 79-83, die mit ihrem musikalischen Drive, ihrem Ideen- und Bilderreichtum, ihrem liebevollen Sarkasmus mich zu wiederholtem Lesen animieren:

Kaum ist der Kuchen gegessen,

meldet sich auch schon ein Stück schlechtes
Gewissen. Schon beim Kauen der letzten
Bisse gemahnte mich das Goldgelb
des Apfels an ein zusammengeschmolzenes
Stückchen Biographie. Autobahnrast, Verdauung
und ein Positionswechsel zwischen zwei Rücken-
übungen. Da lag er, der Ring. Nicht
ein Name zeugt vom Karat dieser Ehe.
Nur der Uhrenmann (kaufe Altgold)
murmelt sich ein paar Franken zusammen,
in seiner tickenden Stille.
Natürlich schmelze ich das Raubgold
sofort ein, setze es um, picke Krumen,
wende Teller und schlürfe ein letztes
Tröpfchen Kaffee.

Sinnig konzipiert zeigen sich auch Buchgestaltung und Illustrationen des Designers Felix Beckheuer. In ironischer Brechung läßt er die Westfalen-Folklore in der Moderne aufgehen, indem er das Denkmal des Kiepenkerls zu Münster (Kiepenkerle versorgten die ländlichen Gebiete mit Salz, Nachrichten und anderen Waren) als Schattenriss links unten auf das Cover platziert und dessen Pfeifenrauch zur roten Girlande am Buch aufsteigen läßt. Auf der Rückseite montiert er dann in den Slogan "I love WSTFLN" statt des Herzens in der Mitte die Landesumrisse Westfalens, welche dann tatsächlich eine Art aufgebrochenes, angeschmolzenes Herz bilden. Dieses Logo mit Westfalenherz gibt es übrigens beim [SIC]-Verlag auch als T-Shirt zu erwerben.

„Als Herzens-Westfalen“, lassen die Herausgeber schließlich über sich im Klappentext wissen, „bereisen sie die ganze deutschsprachige Welt, besingen einsame Buswartehäuschen und stillgelegte Atomreaktoren und lachen häufiger, als man ihnen gemeinhin nachsagt.“ Lassen wir uns also von den zweiunddreißig mehrheitlich aus Westfalen durch das Leben exilierten Kiepenkerlen und Kiepenlisettkens mit Gedichten versorgen. Damit befinden wir uns zweifelsohne auf der Höhe deutscher Gegenwartslyrik. Im besten Sinne, und das mag letztlich auch die Intention dieser Anthologie sein, ist das Westfälische hier mehr oder weniger so relevant, wie der Umstand, dass das Westfalenstadion seit längerem schon Signal-Iduna-Park heißt.

Christoph Wenzel (Hg.) · Adrian Kasnitz (Hg.)
Westfalen, sonst nichts?
parasitenpresse & [SIC]
2012 · 200 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-981358728

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