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Kritik

One

Hamburg

Die Reduktion auf das absolut Geringste, die Wortspaltung bis zu ihren phonetischen Atomen, ihre Dekonstruktion und gleichzeitige Rekonstruktion, das macht Cia Rinnes sprachkritische Texte aus. Sie bestehen häufig aus nicht mehr als drei Worten, häufig denselben Silben, nur anders getrennt, in den meisten Fällen (phonetische) Anagramme:

„# le mot
motel“

oder

 „# continue
con ti, nue“

Sie wandern rastlos zwischen den Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch, Griechisch, Spanisch, Italienisch – Cia Rinne selbst ist Finnisch-Schwedischer Herkunft. Sie mischt nicht nur Silben, sie performt sie auch. Cia Rinne bei einer Lesung zu erleben, wie sie kühl durch die Notate von L‘Usage du Mot oder Notes for Soloists geht, ist Teil der Erfahrung. Wie eine Konjugationsstunde über das Substanzielle der Sprache – mit verblüffenden Wendungen, Abzweigungen, Brücken oder bewussten Sackgassen. Das Motto auf dem Cover ihrer deutschsprachigen Debütveröffentlichung bei kookbooks lautet:

„HERE IT COMES
MINIMALISM.
THERE IT WENT“

Es bringt es auf den Punkt. Ihr Gedichtband, dessen vollständiger Name lautet L‘Usage du Mot / Notes for Soloists / Zaroum und dem am ehesten eine Verwandtschaft in Richtung Konkrete Poesie nachgesagt werden kann, ist für kookbooks-Verhältnisse auch minimalistisch gestaltet: weiße Großbuchstaben auf schwarzem Umschlagpapier. In Wirklichkeit handelt es sich bei der vorliegenden Veröffentlichung um drei Einzelwerke, die zu unterschiedlichen Zeiten und in umgekehrter Reihenfolge erschienen sind: Zaroum, hier an letzter Stelle, erschien bereits 2001 in Helsinki, die Notes for Soloists 2009 in Stockholm, L‘Usage du Mot eben jetzt 2017. Was einen witzigen Veränderungseffekt zur Folge hat. L‘Usage du Mot ist ein digital gesetzter flow aus Notaten und perfekt twitterbarer Minimal-Poesie, geschult an John Cage und Lev Rubinstein. Darin jene konjugationsartigen Poeme wie zum Beispiel carte blanche:

„carte blanche

# joseph beuys auto-correctly turns into joseph buys
so here we go, meet beuys the shopper:

joseph buys a rose.
joseph buys fat chair.
joseph buys dead hare.
joseph buys felt suit.
joseph buys felt angle.
joseph buys fat corner.
joseph buys 7000 oaks.
joseph buys sonne statt reagan.
joseph buys pregnant woman with swan.
joseph buys hearts of the revolutionaries.
joseph buys the reader.
joseph buys, we go this way.

# a head
ahead

# the idealist

idea
idea
idea
idea
idea
idea
idea

ideally,
continue.”

Typisch für Rinne ist das Wechseln zwischen reinem Notieren, also fürs Lesen, und der Aufforderung zum Machen, das Tun in Form von (Denk-/ Schreib-) Aufgaben, die in einem continue! enden. Das Bild einer Sprachschule entsteht zur Gänze. Thematisch schwingen die Texte im Absurden und Verblüffenden, auch Komischen, aber hauptsächlich sind sie existenziell und ernüchternd: blank landscape könnte man sagen. Cia Rinne konfrontiert mit Härte, die Wörter agieren wie Puppen und transportieren nackt, wofür sie stehen – eine langue, deren paroles aus langues besteht (diversen, synchron).

In Notes for Soloists, das als Repro eines Originaltyposkripts wiedergegeben ist, bleibt Konzepthaftigkeit und thematischer Schwerpunkt erhalten, doch erfährt der Text visuell durch die Wiedergabe in der deutlich gröberen ursprünglichen Schreibmaschinen-Type eine eigentümliche Verhärtung. Als ob er purer und erarbeiteter werden würde. Wie abgerungen. Er wird gewissermaßen „konkreter“, er könnte gut eine Ausstellungswand bespielen. Hier stehen unter anderem:

„# adieu
a dieu
a qui?
¿aqui?“

und

# insecurity
in security“

und Weiterformulierungen von Nam June Paiks: “When too perfect, lieber Gott böse.” Dazu lange Zahlengedichte wie das eponyme Notes for Soloists. Was hier großartig gelingt: über einen QR-Code gelangt man in die tonale Welt Cia Rinnes und ihrer eigenen Einsprechung/ Vertonung der Notes. Ein interessanter Sound- und Silbenteppich mit Schnipseln von Steve Reich, Luigi Nono etc. und drüber Rinnes überragende stimmliche/ maschinenstimmliche Qualitäten als Performerin.

Zaroum, der letzte und, wie schon an anderer Stelle gesagt, älteste Teil des Bandes, ist eine Art Bild/ Text-Grafik. Die gezeichneten Cartoons, Icons sind durchsetzt mit den bereits bekannten Aufforderungen/ Anweisungen und bevölkern dicht die Seiten. Hier werden die philosophisch-existenzialistischen Themen Rinnes zusätzlich visuell verhandelt, womit auch stets eine Richtungsdimension zur Hand gegeben wird. Sämtliche Eintragungen sind außerdem frei im Netz verfügbar und als Zaroum Archive abrufbar.

Cia Rinnes kookbooks-Band ist ein ebenso originelles wie zugängliches Buch, das der in Berlin lebenden Autorin endlich auch die deutsche Leserschaft sichern wird. Denn Vieles steckt im Wenigen. Eine Silbe (-nveränderung) sagt mehr als tausend Worte, könnte man kitschen. Rinne ist eine Meisterin der fast schon auf Piktogramme reduzierten Sprache, so offen wie frei und nun sind drei ihrer Werke in einem zu haben. Ein großartiges Buch, das unbedingt mit dem Besuch einer ihrer Lesungen einhergehen sollte.

 

 

 

 

Cia Rinne
l’usage du mot / notes for soloists / zaroum
kookbooks
2017 · 104 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
783937445823

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