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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Immer dem eigenen Herzschlag nach

In „LovePeaceHope“ zeigen die beiden Fotografen Christoph Kniel und Ilja Mess wie Jungsein aussieht
Hamburg

Während des Studiums oder kurz danach, da ist alles noch unklar. Wohin soll ich gehen? Wer bin ich und was treibt mich an? Wie geht der eigene Herzschlag? Weil man sich abgrenzen will und muss, um für sich selbst glücklich zu werden, weil man voller Lust auf Liebe, dem Wunsch nach Frieden und einem Rucksack voller Hoffnungen unterwegs ist, ist das eine besonders spannende Phase. Und vor allem eine Phase der Entscheidungen. Überall auf der Welt ist das so. Menschen ähneln sich in ihren grundsätzlichen Wünschen und Ängsten. Und die beiden deutschen Fotografen Christoph Kniel und Ilja Mess versuchten, dem fotografisch nahe zu kommen. Im Jahr 2005 begaben sie sich gemeinsam auf die Suche nach Abenteuern und Selbstreflexion. Heraus kommt nun, acht Jahre später, ein erster Bildband. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Jungsein auf der Welt, jugendlich überschwänglich und professionell zugleich, erschienen vor kurzem im Kehrer Verlag.

Drei verschiedene Städte in drei verschiedenen Ländern. Den Fotografen war es wichtig, eben nicht die Hauptstädte zu bereisen, auf eines legten sie jedoch besonderen Wert: Die Städte mussten unmittelbar am Wasser liegen. Mersin ist eine wichtige Hafenstadt am Mittelmeer, aber mit etwas mehr als 800.000 Einwohnern durchaus beschaulich, ähnliches gilt für das russische Saratow an der Wolga und das marokkanische Safi am Atlantischen Ozean. In diesen Städten porträtierten Kniel und Mess unterschiedliche Menschen, befragten sie nach ihren Lebensplänen. Die Zusammenfassungen der Interviews davon kann man im Anhang des Buches nachlesen. Die anspruchsvolle, anschauliche und zweisprachige Einleitung zum Bildband wurde von Professor Cindy Gates verfasst, die unter anderem Professorin für Gestaltungslehre an der FH Dortmund ist.

Das Porträt des 28jährigen Türken Aydin zeigt einen Mann mit wilden Locken, der sein Gesicht mit geschlossenen Augen nah an die Linse hält, so dass beinah nur seine Nasenspitze fokussiert, der Rest des Gesicht leicht unscharf ist. Aydin studierte Kunst, kann davon aber nun nicht leben. Und ist in einem Zwiespalt: Einerseits will er die Welt bereisen, andererseits endlich eine Familie gründen, in den Ohren ständig den Spruch seines Vaters: „Bevor du nicht dein Lebensbrot sicher hast, solltest du nicht heiraten.“ Sein Porträt schafft es, die Gefühle dieses Mannes einzufrieren und vielleicht sogar einen Teil seines Charakter deutlich zu machen. Es zeigt Sensibilität, Innehalten und das Lauschen auf die eigene Stimme. Ganz anders stellt sich die 26jährige Aslihan dar, die bereits Karriere im familieneigenen Unternehmen machte und sich nun erst einmal auf die Familienplanung konzentrieren will. Selbstbewusst trägt sie Kopftuch und eine offensichtlich teure Uhr, schaut ruhig und bestimmt auf einem Sofa sitzend in die Kamera. Die nächste Bildstrecke führt ins russische Saratow. Dina ist 24 Jahre alt und lebt ganz für die Literatur, hat bereits Preise für ihre Kurzgeschichten gewonnen. Doch was wird später sein? „Das Leben wird mir den Weg zeigen“, sagt sie, die beiden Fotografen porträtierten sie auf einem Turm aus Ziegelsteinen hinter einer Häuserruine. Ein beeindruckendes Foto: Dina steht auf nur einem Bein, das andere und die Arme weit von sich gestreckt, als würde sie gleich abheben und fliegen.

Die Menschen stehen im Mittelpunkt dieser Fotografien. In ausdrucksstarken und unprätentiösen Bildern werden sie in ihrem urbanen Umfeld gezeigt, an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnung, am Strand oder in der Schule. Den beiden Fotografen gelingt es, dabei vor allem zwei Dinge sichtbar zu machen. Die Hoffnungen als auch die oft schwierigen Umstände derjenigen, die Hoffnung haben. Vor allem am Beispiel Saratow wird das deutlich. Verfallene Wohnblöcke, trostlose Satellitenstädte und karge Schlafzimmer. Marina ist 21 Jahre alt und will hier weg, nach Moskau. Ähnlich sieht das der 24jährige Den, dem Saratow nicht besonders gut gefällt, die Stadt sei „armselig“. Gerade deshalb ist dieser Bildband vor allem ein Buch über Gegensätze, über Realität und Träume. Und vor allem über Menschen, die an ihre Träume glauben.

Cindy Gates
Love Peace Hope
53 Farbabb. Künstler: Christoph Kniel, Ilja Mess
Kehrer
2013 · 112 Seiten · 29,90 Euro
ISBN:
978-3-86828-382-2

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