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Kritik

Clemens Setz hit by Poetry

Hamburg

In einem Interview mit 3sat Kulturzeit auf der Leipziger Buchmesse sagte Clemens Setz: „Ich hab in einer englischen Zeitung eine Schlagzeile gelesen: ‚Cow hit by train lands on farmers wife‘. Das ist eigentlich ein Gedicht.“ Eine Aussage, die das Dichtungsverständnis des Grazers wunderbar illustriert, weil er geradezu süchtig danach zu sein scheint das Absurde, Skurrile,  Kuriose dieser Welt einzufangen. Und so ist Setz vielleicht der weltweit einzige Dichter, der in einem seiner Texte nach dem Verbleib von Bibi Blocksbergs Bruder fragt. Immerhin schlummert doch etwas Tragisches darin, dass Boris Blocksberg nach neun Folgen und einem Umzug zu den Großeltern schlichtweg verschwunden ist. „Und auch zu Weihnachten und zu Ostern/ denkt die Familie/ nicht mehr an ihn.“

Der Opener von Setz‘ überraschendem Gedichtband Die Vogelstraußtrompete wirkt komisch, weil er sich „nur“ um das Schicksal einer fiktiven Figur dreht, die obendrein aus einem Kinderhörspiel stammt. Doch dieser erste Text verrät viel über den gesamten Band und das kreative Denken seines Autors. Denn wer die Prosa des Grazers kennt, weiß, dass seine Stärke in der ungewöhnlichen Paarung von Empathie und lakonischer Distanz steckt. Diese besondere Form der Tragikomödie verleiht Setz‘ Texten die berühmte Doppelbödigkeit, die zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki stets von der Literatur forderte. Auch wenn einem das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt.

In seinem letzten Buch Indigo war Setz‘ Faible für ungewöhnliche Geschichten bereits klar zu erkennen. Zahlreiche Kuriositäten montierte er geschickt als mehr oder minder fingierte Fundstücke in die Romanhandlung. Was der Leser dabei vermittelt bekam, war einiges unnützes, viel interessantes und oftmals schockierendes Wissen. Und nicht wenige Anekdoten ließen die Frage zu, ob sie wirklich noch von dieser Welt stammen. So etwa die Geschichte des Arbre du Ténéré, des einsamsten Baumes aller Zeiten, oder der Mojve Phone Booth, der einsamsten Telefonzelle aller Zeiten. Die Vogelstraußtrompete wirkt nicht selten als Fortsetzung dieser in Indigo begonnenen Sammlung; so etwa der Text Tretmühle:

Im Jahr 1866 gründete Henry Bergh die American Society for the Prevention of Cruelty to Animals. Eine seiner Leistungen war die Abschaffung der sogenannten Turnspit Dogs. Diese Hunde waren in einer Tretmühle gefangen, die den ganzen Tag in einem Lokal lief und einen Bratenspieß rotieren ließ. Als Bergh in offiziellem Auftrag verschiedene Restaurants inspizierte, fand er tatsächlich nirgends mehr Hunde in Tretmühlen. Sie alle waren ersetzt worden durch schwarze Kinder. Henry Bergh gründete daraufhin die Massachusetts Society for the Prevention of Cruelty to Children.

Nein, so komisch, so ungewöhnlich viele seiner Texte auch wirken mögen, Clemens Setz ist durchaus nicht auf Lacher aus, wie nicht nur die Tretmühle beweist. Vielmehr geht es ihm darum, das Besondere, das Poetische eines historischen Moments aus seiner Überlieferung herauszuschälen, und das muss dann entweder anrührend, abstoßend oder schlicht komisch wirken. Allerdings genügt sich Setz nicht allein im Bearbeiten historischer Fundstücke, sondern schreibt auch relativ klassisch davon, was er liebt (Gegensprechanlagen) und wovon er träumt (Straußenvögel). Das tut er mal in Sätzen, mal in Versen, aber immer in einem recht prosaischen Ton, sodass er sich die Frage gefallen lassen muss: Sind das überhaupt Gedichte?  Setz gab unlängst zu, das Die Vogelstraußtrompete für ihn nur ein Ausflug ist, ein Ausprobieren anderer Formen. Ein großer Lyriker scheint an ihm jedenfalls nicht verlorenen gegangen zu sein. Dafür bleiben seine Gedichte zu oft auf der Ebene einer Notiz hängen, die Verse zu willkürlich gebrochen. Doch immer immer immer offenbart sich in ihnen ein feiner, poetischer Blick noch für die abwegigsten Dinge dieser Welt. Die Vogelstraußtrompete ist der Versuch dieser Dinge irgendwie durch Sprache habhaft zu werden. Also doch Gedichte! Wie der vielleicht unscheinbarste, aber stärkste Text der Sammlung beweist:

Motten

Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Die Vogelstraußtrompete ist ein herrliches Beispiel dafür, was man mit Lyrik alles machen kann, wenn man das Ganze nicht allzu verbissen sieht. Eine Schatzkiste voller Beobachtungen, Reflexionen, Anekdoten und Notizen, die auf tradierte Formen pfeift und sich allein dem literarischen Potential einer Idee oder eines Ereignisses verschrieben hat.

Clemens J. Setz
Die Vogelstraußtrompete
Gedichte
Suhrkamp
2014 · 88 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42416-2

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