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Kritik

Mehr Feuer, keine Angst

Clemens Meyers Frankfurter Poetikvorlesungen „Der Untergang der Äkschn GmbH“
Hamburg

Reden wir nicht über das Feuilleton. Reden wir nicht über den Literaturbetrieb. Reden wir nicht über das Bildungsbürgertum. Reden wir nicht über Konventionen, Sensationen und Exotik. Reden wir nicht über Tätowierungen, Inszenierungen und Bier. Reden wir nicht über Leipzig, Leipzig-Ost, Süd, West, Nord. Reden wir über Literatur. Und darüber, wie Clemens Meyer darüber redet.

Mit "Der Untergang der Äkschn GmbH" sind seine Frankfurter Poetikvorlesungen überschrieben, die jetzt in Buchform veröffentlicht wurden – zumindest vier der fünf Vorlesungen (was mit der letzten passiert ist, erfährt man nicht). Ihre Kernthemen, u.a. Retsina, Thüringer Klöße und Bratwürste, werden jedoch in einem Register erklärt bzw. bearbeitet.

Frage: Was hat das mit Literatur zu tun?
Antwort der Äkschn GmbH: Alles hat mit allem zu tun.

Die Äkschn GmbH ist Meyers persönlicher Kanon aus Schriftstellern, Regisseuren, Künstlern, die ihn beeinflussen, beeindrucken und die letztlich in seinen eigenen Büchern beinhaltet sind. Denn egal, was man bisher so von den Poetikvorlesungen gehört haben mag – so unkonventionell, wie man Meyer und sein Schreiben gern darstellt, sind die Texte dann auch wieder nicht. Wie zahlreiche andere Autoren vor ihm lotet auch Meyer sein eigenes Werk im Rahmen der Vorlesungen aus und gibt unzählige Hinweise darauf, wie vor allem sein letzter Roman "Im Stein" zustande kam und was er alles beinhaltet.

Unkonventionell ist, wenn überhaupt, allein die Form der Vorlesungen. Akademische Methodik, Analyse, Stringenz, das alles ist Meyer fremd. Cut-up, Montage, Fakt-vs.-Fiktion, Fakt-incl.-Fiktion (und umgekehrt) sind seine Arbeitsfelder. Auf den Rahmen kann da keine Rücksicht genommen werden. Ob Schreibstich, Theaterbühne oder Hörsaal – ihr wolltet Meyer, ihr kriegt Meyer. Während die Auflösung der Grenzen von U und E im Kulturbetrieb auch 2016 meist nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis ist, ist Meyer mindestens schon einen Schritt weiter. Für ihn ist die Zusammenführung von U und E, das Ineinandergreifen von Bud Spencer und Ernest Hemingway längst selbstverständlich. Wer wissen will, wie das zusammengeht, wo die Connäkschn ist, der lese Meyers Poetikvorlesungen oder eben gleich Hemingway mit Bud Spencer vor dem inneren Auge.

Vier große, kleine, sehr verdichtete, unheimlich ausufernde Texte also, in denen Meyer nahezu (s)einen ganzen Kosmos öffnet und sich dabei ungewohnt tief in die Karten schauen lässt. Klar wird da Beate Zschäpe zur mythologischen, mindestens aber großen, geheimnisvollen Figur unserer Zeit. Auch Heckler & Koch findet sich von der Nachrichtenrealität in die große Fiktion, die kollektive, prophetische Kunstwahrheit eingewoben. Die Äkschn GmbH hat jedenfalls keinen Schiss davor, deutsche Mythen zu aktualisieren und auf unbequeme Art fortzuschreiben.

Überhaupt Angst. Keine Angst zu haben vor dem Pathos, vor den selbst erlebten Dramen, sie öffentlich zu reflektieren, das ist das besonders Auffällige an diesen Poetikvorlesungen. Zum Beispiel, wenn Meyer seines toten, heroinabhängigen Freundes gedenkt, dem er mit dieser denkwürdigen Szene in dem verlassenen Kino in "Als wir träumten" ein Denkmal gesetzt hat. Ganz recht, Meyer gibt in den Poetikvorlesungen biografische Bezüge zu Schlüsselstellen in seinem Werk zu erkennen. Auf seine Art.

Ein Haus im Schatten der Türme, da habe ich ihn wiedergesehen, tot wie eh und je. Inmitten der Zombies, die sich die Gifte injizieren. Das Gift der Nadel, das Gift der Türme. Ein Gewimmel dort, in diesem Haus, wo man sich zum LEBEN und zum STERBEN auf die BORDSTEINE legt. Als wäre der Meister BOSCH mit seinem HIERONYMUS-HAMMER da drübergeschreddert. […] DIE ÄKSCHEN GMBH IST KEINE MORALINSTITUTION! DIE ÄKSCHEN GMBH IST NUR EINE BEOBACHTENDE INSTITUTION, sie beobachtet und folgert, beobachtet und folgert … GEH UND SIEH!

Allerdings wird der Let-it-be-Gedanke (natürlich) nicht konsequent durchgezogen. Meyer zeigt sich an mehreren Stellen verletzlich. In Nebensätzen und scheinbar beiläufigen Erklärungen zeigt sich, dass Kritik oder Unverständnis gegenüber seinem Werk nicht spurlos an ihm vorbeigehen.

Faulkner erzählte, und das ist elementar, die Tragödien shakespearscher Ausmaße mit white-trash-Personal, ohne dass jemand sagte: 'Unterschichtenliteratur'.

Wie könnte man hier nicht an Iris Radisch denken, die Meyers Story beim Bachmannpreis als „Unterschichtenkasperletheater“ bezeichnete (und sich heute hoffentlich ein bisschen dafür schämt).

Was bleibt nach dem Lesen der Äkschn GmbH? Ein schwirrender Schädel, eine Menge Input, Anregungen, dieses und jenes endlich zu lesen. Vor allem auch, die DDR-Literatur wiederzuentdecken, scheint für Meyer unerlässlich. Dass darauf nicht schon früher jemand gekommen ist. Das Einzige, das an diesen Poetikvorlesungen wirklich nervt, ist der bisweilen von Jonathan Meese abgelauscht wirkende Ton, wenn der Assoziationsfluss allzu lang gerät, wenn ihm allzu weit zur Quelle, ins Herz der Finsternis gefolgt wird. Doch dort, wo Meese längst zum Heißluftgebläse seiner selbst geworden ist (schade eigentlich), fehlt es Meyer nie an Substanz und Leidenschaft für das große Ganze, dass in seinem Falle eine verdammt gut erzählte Geschichte ist.

Die Äkschn GmbH weiß um ihr Scheitern. Die Ästhetik des Untergangs ist ihr lieber als die wohlfeile Ästhetik der Risikolosen.

 

Clemens Meyer
Der Untergang der Äkschn GmbH
Frankfurter Poetikvorlesungen
S. Fischer
2016 · 176 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-10-002423-7

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