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triedere ausgabe 18
Kritik

Die Nacht, die Lichter

Sie sind arbeitslos, Hartz IV-Empfänger, Rentner, Boxer, Gefängnisinsasse, Weinvertreter, Totschläger, Hundebesitzer und Warenverräumer. Alles Männer. Sie warten auf den Tod, die Rückkehr der Geliebten, das Ende der Knastzeit und auf Post aus Südamerika. Sie sind oft knallhart im Nehmen und Geben und doch alle auf der Suche nach einem Funken Zärtlichkeit. 16 Geschichten vom Rand unserer Gesellschaft in wechselnder Erzählperspektive, meistens in der dritten Person, mehrfach aus der Sicht des Ich-Erzählers. Clemens Meyer erzählt eindringlich mit schnellen Wechseln von kurzen Vor- und Rückblenden das Leben verkrachter Existenzen in Deutschland, genauer in Ostdeutschland. Es sind allesamt sentimentale Antihelden.

Meyer weiß wovon er spricht. Sein Studium am Deutschen Literaturinstitut finanzierte er sich durch Gelegenheitsjobs. Er verdingte sich als Wachmann und Gabelstaplerfahrer. 1977 in Halle an der Saale geboren, wuchs Meyer in Leipzig auf, wo er heute noch lebt. Diese geschichtsträchtige Stadt mit ihren vielfältigen Stadtvierteln und ihrem Umfeld bis Torgau ist der Bezugspunkt von Meyers Geschichten, die viel griffiger geschrieben sind als sein langatmiger, gleichwohl preisgekrönter Roman „Als wir träumten“. Seine Stories über Außenseiter im Osten verlieren sich eben nicht in epischer Breite, sondern liefern konzentrierte, kompakte Einblicke in ein verkorkstes Leben. Harte Schale, weicher Kern – so lautet das Lebensmotto, das allen seinen Antihelden unsichtbar in die Haut geritzt ist. Und seine Erzählungen darüber gehen fast alle unter die Haut.

Den Höhepunkt dieses Bandes bildet zweifelsohne die Story „In den Gängen“. Sie spielt in den Gängen eines Großhandelsmarkts, in denen der Ich-Erzähler Christian Gabelstapler fährt, vornehmlich in der Nachtschicht im Food-Bereich. Die riesigen Regale sind palettenweise gefüllt mit den schmackhaften Angeboten einer Überflussgesellschaft. Erreichbar nur für den Gapelstabler. In den Gängen lernt Christian in diesem Mikrokosmos seine Kollegin Marion kennen. Man trifft sich ein paar Mal am Kaffeeautomaten. Einmal schenkt er ihr ein Stück Schokoladenkuchen, das er verbotenerweise mit dem Cuttermesser aus einer Packung schneidet, die er wegen des ablaufenden Verfallsdatums in die Mülltonne werfen soll. Damit riskiert er seinen Job, was Marion zu schätzen weiß. Doch wirklich näher kommen sich die beiden nicht. Sie bleiben vorsichtig im Umgang miteinander, wollen die zarte Bande auf keinen Fall gefährden. Besonders eindrucksvoll schildert Meyer die Szenerie, als ein Kollege Christian die entlegene Abteilung „Meer“ zeigt: Bassins und Glaskästen mit leben Fischen, Krebsen und Garnelen. Die beiden beobachten Hummer, deren Scheren man zusammengebunden hat, und entdecken einen, der einen Arm frei bekommen hat. Wenige Tage später hängt sich der Kollege auf. Der Alltag zwischen den Regalen geht weiter. Marion bittet Christian seinen Gabelstapler auf eine ganz bestimmte Weise zu bedienen: „Die Gabel senkte sich mit einem Zischen und Rauschen, das war die austretende Luft der Hydraulikanlage, und es klang tatsächlich ein wenig wie das Rauschen der Wellen am Meer.“

Diese subtile Romantik, insbesondere die Sehnsucht nach dem Meer, scheint in mehreren seiner Stories auf. Zurück bleibt das unstillbare Verlangen nach einem anderen Leben.

Clemens Meyer
Die Nacht, die Lichter
S.Fischer
2008 · 272 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-100486011

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