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Lyrikbetriebsetüde

Clemens Schittkos neuer Band bei Ritter, "Weiter im Text", ist alles mögliche - gefällige Erbauungslektüre ist er nicht
Hamburg

Die Lyrik von Clemens Schittko lebt erstens vom manisch mechanischen Durchspielen einfacher, dem Leser sofort klar erkennbarer Bauprinzipien anhand eines mehr oder weniger vorgefundenen Sprachmaterials. Zweitens hat sie einen didaktischen Gestus, mit dem uns Schittko en détail seine kompromisslose Ablehnung des Kapitalismus darlegt, des Literaturbetriebs im Kapitalismus, der objektiv barbarischen Folgen des Kapitalismus, dieses Deutschlands im Kapitalismus, der eigenen Existenz in diesem Deutschland ... Will sagen, der Autor hat ein Lieblingsthema.

Was uns an dem neuen Band, "Weiter im Text", vor dem Hintergrund von Schittkos bisherigen Arbeiten sofort auffällt, ist einerseits, dass letzte ehemals noch vorhandene Reste von "Humor als Bewältigungsstrategie" nun endgültig entsorgt scheinen - den Texten des Bandes eignet eine unhintergehbare Unversöhnlichkeit - und andererseits, dass er sein Material nicht mehr bloß in found footage und Vokabelkategorie gewordenem Kapitalismusdreck von aussen zu suchen scheint, sondern das eigene Innenleben und seine (sprachlichen, verhaltensmässigen) Emanationen als gleichberechtige Momente des nicht hinnehmbaren Schlechten in der Welt behandelt, welches vermittels der bekannten Versuchsanordnungen und Listengedichte zu decouvrieren ist. Der Text "Abends in der Kneipe" beispielsweise fängt so an -

Hallo sagen
oder auch Tach
und ein Bier bestellen
oder ein Glas Wein
oder beides
und Platz nehmen am Tresen
und anstoßen
und Prost sagen
zum Wohl
oder cheers
je nachdem
und dann trinken,
um reden zu können
oder trinken,
um nicht reden zu müssen
in jedem Fall aber trinken
zu saufen anfangen
zu bechern

(...)

und entwickelt auf sechs Seiten eine deprimierend folgenlosen Exzess der alkoholbefeuerten symbolischen Ausbrüche; von "hohoho machen" bis "herziehen über die Kollegen aus der Subkultur", über "sich hassen", dann "von einer Arbeiterklasse träumen / die irgendwann die Revolution macht", später "rumpöbeln", "seine Geschlechtsteile auspacken", "plötzlich einen Plan haben für einen Umsturz", am Ende aber schließlich nur noch

(...)

das Klo zupissen
das Klo zuscheißen
das ganze Elend der Welt auskotzen,
bis es keine Klos mehr gibt,
keine Notdurft
kein Erbrechen
und schließlich gehen
die Zeche prellen
hinausgehen in die Nacht
und bei Rot über die Ampel

... alles das in Listenform und getragen von in Loops wiederkehrenden Minimalwendungen. Die Mitleidlosigkeit, mit der Schittko hier sein Repertoire auch gegen sich selbst wendet, macht für uns vom Fixpoetry-Team die bittere Pille leichter zu schlucken, die auf Seite 97 steht, eines der mehreren ungewohnt kurzen Schittko-Gedichte, die dieser Band auch zu bieten hat:

Zwei Schritte zurück (oder ein Schritt nach vorn)

Erster Schritt:
WIR REDEN ÜBER LITERATUR
(Fixpoetry)
Zweiter Schritt:
NUR ARSCHLÖCHER REDEN ÜBER LITERATUR
(Charles Bukowski)

Ähnlich sportlich nehme ich persönlich, Stefan Schmitzer, Rezensent, dass Schittko mich nicht für würdig befunden hat, mich in seine "Die Regierung nach dem Umsturz" betitelten Fußballmannschaftsaufstellung aufzunehmen; wo doch so viele Kollegen, mit denen ich mich eines Sinnes dünke, dort vertreten sind ... Muss ich nach dem Umsturz gar erstmal paar Jahre in die erzieherisch sinnvollen Spargel- und Kartoffeläcker? Soll sein.

Was bietet der Band noch? Bemerkenswert erscheinen mir vor allem die "Epilog" betitelte Rolf-Dieter-Brinkmann-Hommage (statt "weitergemacht" wird "aufgegeben", und zwar eben nicht "aufgehört", denn "nichts hört auf, alles gibt auf") und jener Text namens "Die Sprache des Kapitals", der die Ergebnisse der Selbstvervollständigung von Google-Suchanfragen in Bezug auf das Wort "Ich" sammelt und gruppiert, bis die resultierende Liste vor unseren Augen von einer "hohoho"-mäßig netten Idee erst zu einem langweilig pedantischen Etwas und dann zu einem plausiblen Stück Lyrik wird, "dessen Subjekt der Algorithmus ist" (wie das bei einer Diskussion über Realismus im einundzwanzigsten Jahrhundert mal gefordert wurde, ich weiß leider nicht mehr, von wem), oder in dessen Gegenstand wir zumindest das Verschmelzen des Ichs der "rationalen Akteure" mit dem Algorithmus betrachtenkönnen und gleich auch noch Anschauungsmaterial dazu geliefert bekommen, was an dieser Verschmelzung nochmal schlecht sein soll.

Die Gratwanderung, die Clemens Schittko mit seinem literarischen Gestus stets hinlegt, ist nicht, wie fälschlich angenommen werden kann, die Erich Fried'sche zwischen langweiligem Automatismus der Form und relevantem Thema. Die Gratwanderung ist vielmehr die zwischen dem Gelächter und dem Entsetzen, die auftreten, wenn sich ein bestimmtes Bündel Sprach- oder Empfindungsmaterial unhintergehbar als fundamental Scheiße herausstellt (und zwar eben: dazu gebracht wird, sich selbst so zu entpuppen).

Man mag einwenden: Buchstäblich alles, was manisch noch und noch und noch weiter runterdekliniert wird, wird dazu gebracht werden können, sich selbst zu widersprechen, Widerspruchsfreiheit wär da ja gleich noch gruseliger ... Wir dürfen annehmen, dass Schittko dem sogar zustimmen dürfte (ich werde ihn fragen, und im Falle einer abschlägigen Antwort ein Erratum nachreichen); und dürfen aber darüber hinaus durchaus finden, dass die Methode Schittko, wenn sie sich wie hier gegen Zumutungen wie die Hartz-IV-Gesetzgebung, die Entfremdung im Allgemeinen und die fröhliche Akzeptanz massenhaften Elends wendet, unbedingt willkommen ist.

Clemens Schittko
Weiter im Text
Ritter Verlag
2016 · 152 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-85415-534-8

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