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Über Connie Palmens „Du sagst es“: intertextuelles Spiel über die Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes
Hamburg

Connie Palmens Schaffen nimmt seinen thematischen Ausgang – ähnlich wie das Schreiben von Doris Dörrie –  konzentrisch vom Mittelpunkt einer Verlusterfahrung. Die niederländische Autorin hat sich auf das Ausleuchten von durch den Tod unterbrochenen Beziehungen kapriziert, häufig aus dem Blickwinkel der oder des Übriggebliebenen bzw. Überlebenden. Ihre minutiösen, schmerzhaft genauen Beschreibungen sind Wieder-Holen des Erlebens mit den verlorenen Partnern. Schreiben erlaubt, die unterbrochene Linienführung mit dem nicht mehr erreichbaren Gegenüber doch im Nachhinein zu einem Abschluss zu bringen. Einem möglicherweise erträglichen Abschluss für die Protagonisten Palmens, aber auch für die Buchleser.

Darin pure Problembewältigung zu sehen, greift natürlich zu kurz, selbst wenn einige der bisher erschienen Bücher Palmens (wie „I.M.“ oder „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“) stark autobiografisch konnotiert sind. Eher bietet der Tod ja immer eine hervorragende Vorlage, um Essenzielles darzustellen. Und mehr noch: Nach dem Tod einer Person mag die poetologische Freiheit erst so richtig schießen – je länger jemand tot, desto freier die Rede über ihn, bis hin zur völligen Fiktion.

Mit solch denkwürdiger Verfügbarkeit von Personen hat sich Palmen schon in ihrem Essay-Band „Idole und ihre Mörder“ befasst. Das Idol ist ein künstliches Konstrukt, ist Fiktion – hingegen der private John Lennon, J.F. Kennedy, Michael Jackson immer ein anderer.

Auch der Protagonist und Ich-Erzähler in Palmens neuem 'Roman' (so die Genre-Bezeichnung des niederländischen Originals) ist ein Idol, das lange Zeit vereinnahmt wurde. Jahrzehnte blieb er – trotz dichterischer Sprachgewalt – in eigener Sache buchstäblich sprachlos und rückte erst kurz vor Lebensende mit der Sprache heraus: Ted Hughes.

Er und seine Frau Sylvia Plath waren eines der berühmtesten Paare der Literaturgeschichte. Über ihre Beziehung ist genügend publiziert worden und überall nachlesbar, daher hier nicht. Beide, Plath wie Hughes, wurden von der Öffentlichkeit, von Partei nehmenden Freunden, Familienmitgliedern, Fans und Feministinnen in deren eigenem Interesse beansprucht: er vornehmlich als verantwortungsloses Ungeheuer, sie als sein Opfer – idealer Nährboden dafür war auch die Gemengelage aus Plaths Leben, Werk, Erkrankung.

Nun lässt Palmen Ted Hughes das Wort reden: über beider amour fou, die mit ihrem Blut treibenden Biss in seine Wange beginnt, über die zunächst verheimlichte Heirat, Plaths Ansprüche an sich selbst, ihre Schreibhemmungen, Depressionen und Eifersucht, die psychische Macht von Plaths verstorbenem Vater und ihrer Mutter, die selbstüberschätzenden Heilphantasien Hughes' und das Orakeln, sein Verkennen ihrer psychischen Lage, über literarische Erfolge und Missachtungen, Wohnortwechsel und die damit verknüpften Hoffnungen, über beider Elternschaft, Hughes' Ausbruch aus der Familie, Plaths Selbstmord und Hughes' Entschluss am Lebensende, mit dem Poemband „Birthday Letters“ seine Version der gemeinsamen Geschichte herauszubringen.

Palmen spürt die – möglichen, wahrscheinlichen – geheimen Bindungen auf, die unterirdischen Kanäle des Verstehens und Missverstehens, die Rätsel der Faszination füreinander, das extrem Symbiotische. Was Palmen interessiert, sind allerdings nicht Plath oder Hughes selbst; es ist die Chemie der Beziehung.

So bleibt Plath blass, wenig nahbar, auch wenig sympathisch, ihr – wie aus Hughes letztem Gedichtband zu lesen ist – zuweilen sehr vitales Wesen trockene Schilderung. Sie hat, schreibt Palmen, „etwas von einer religiösen Eiferin“; „hinter einer Fassade umwerfender Fröhlichkeit verbarg sich … ein Kind voller Ängste, voll alptraumhafter Bilder von Amputationen, Eingesperrtsein, Stromstößen“. Eine flatterhafte Circe; man ahnt, dass da was nicht stimmt … Palmen äußerte in einem Interview: „Ted Hughes hat mich mehr beeindruckt als sie. Ich fand ihre Briefe so hysterisch. Ich habe erst später die Tagebücher gelesen, die finde ich gut […] Und 'Die Glasglocke' finde ich zwar gut, aber nicht genial.“ Am ehesten noch ist Plaths psychisches Abrutschen nachvollziehbar – und Hughes Überforderung damit.

Doch wenngleich er unweigerlich angenehmer erscheint – auch Hughes dunkle Seite ist, obzwar mehrfach erwähnt, nicht wirklich ertastbar. Was genau ist das Dunkle in ihm? Hier spricht eher ein Mensch, der an seine Frau nicht (mehr) herankommt, der wohl auch manche Krankheitsanzeichen nicht zu deuten weiß, aber – so gut er kann – über mehrere Jahre, als schon Freunde und Familie sich von Plath distanzieren, versucht, seine Frau in Schutz zu nehmen. Und von ihr seinerseits lange wie in Bann geschlagen ist.

Stilistisch liegt Palmen nahe bei Hughes in his own write. Etliche seiner poetischen Bilder – so das bekannte vom Fuchs, seinem Sinnbild für das Selbst – sind in diese Fiktion einer confessio eingeflossen. Eine confessio, die, wie Hughes' „Birtday Letters“, nicht nur thematisch ganz auf seine unvergessliche Geliebte Sylvia Plath gerichtet ist, sondern auch im Sprachduktus: Denn es handelt sich hier um puren confessional style, also das, was Hughes seinerseits Plaths' Schreiben attestierte und zuweilen auch vorwarf.

Das Titel gebende Judas-Wort „Du sagst es“ ist also mehr als das Diktum eines (späten) Verräters familiärer Geheimnisse. Denn die Frage ist: Wer webt hier eigentlich auktorial an diesem kunstvollen symbiotischen Text: Hughes selbst, Hughes in der Sprache Plaths, Plath in Hughes' eigener Sprache, Palmen in Hughes' Diktion oder in ihrer?

Connie Palmens Roman ist ein raffiniertes intertextuelles Gebilde. Die paralytische Blendung und symbiotische Vereinnahmung eines Menschen durch einen anderen, der – nach gängigen Maßstäben – als psychisch krank bezeichnet werden mag, bietet hier die Grundierung für die poetologische Frage nach der Autorschaft. Vereinnahmung macht es schwer, von sich selbst zu sprechen. Erst am Ende von „Du sagst es“, als die befreiende „Offenbarung“ vollzogen ist, äußert das Ich des Romans: „Und ich, der ich so lange der Feind des enthüllendsten Wortes der Sprache war, goss meine bleierne Seele in diese zarte Gestalt, ging mit ihr hinaus, und ich sagte es, ich.“

Connie Palmen
Du sagst es
Übersetzung:
Hanni Ehlers
Diogenes
2016 · 288 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-257-06974-7

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