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Kritik

Wir tanzen deutsch

Constantin Göttferts Roman über das Schicksal einer Karpatendeutschen Familie
Hamburg

Ina Steiner liebt ihren Großvater. Einen schweigsamen, mürrischen, alten Mann, im Roman einfach nur Steiner genannt. Manchmal nimmt er sie mit an die March, den Fluss, der die Slowakei von Österreich trennt und sagt zu ihr, Schau, dort drüben, das ist der Kommunismus, was dann gleichbedeutend ist mit Dort drüben ist das Ende der Welt. Zugleich blickt Steiner dabei immer auf die verlorene und nun unerreichbar gewordene ehemalige Heimat zurück, Limbach in der Nähe von Bratislava. Die Steiners sind Karpatendeutsche. 400 Jahre lang sind sie Bauern und Großgrundbesitzer auf slowakischem Boden, bis der Führer 1945 kurz vor dem vermeintlichen „Endsieg“ die Evakuierung der Deutschen befiehlt. Die Familie wird nach Österreich übersiedelt und verliert alles, ihren Hof, ihr Hab und Gut, ihre Heimat. Ein Verlust, den Steiner nicht verwinden kann. Verbittert verharrt er in der Erinnerung an den einstigen herrschaftlichen Hof und die Marillenbäume darauf. In Österreich kann und will er nicht heimisch werden, betrachtet sich selbst als Deutschen. Aber auch, als mit der Samtenen Revolution der Eiserne Vorhang fällt, ist die Rückkehr in die verlorene Heimat keine Option mehr, würde das, was man vorfindet, doch nicht mehr dasselbe sein. Die Heimat, das gibt es nicht mehr. Stattdessen hängen im Wohnzimmer die Fahnen und Flaggen der Stadt Limbach, sonntags wird die Tischdecke mit den Weinreben aufgedeckt und Ina trägt die Flechtfrisur der Karpatendeutschen. Heimat wird zu einer verstaubten Erinnerung, einem engen und rigiden Traditionszwang einerseits und einem Tabubegriff andererseits. Es wird nicht darüber gesprochen, was sich damals während und nach der Vertreibung ereignet hat. In diesem bedrückenden Klima von Schweigen, Groll, rückwärtsgewandter Nostalgie und Fremden- und Fortschrittshass wächst Ina Steiner auf.

Als der Großvater stirbt und sie ein Kind erwartet, möchte sie, bevor das neue Leben das Licht der Welt erblickt, endlich Klarheit in die Geschichte ihrer Familie bringen. Herausfinden, was sich unter dem Deckmantel des Schweigens verbirgt. Sie wirft kurzerhand ihren Freund Martin, einen unmotivierten Musiklehrer aus der gemeinsamen Wohnung und macht sich auf die Suche nach der wahren Geschichte der Familie Steiner. Martin, den Erzähler in diesem Roman, wiederum stürzt das in tiefe Depressionen und er ist fortan mit nichts anderem beschäftigt, als zu versuchen Ina und später dann seiner neugeborenen Tochter wieder nahe sein zu dürfen. Stundenlang lungert er vor ihrem Fenster herum, vernachlässigt seine Arbeit, schickt zig unbeantwortete Nachrichten von seinem Handy aus und folgt ihr zu guter Letzt mit seinem puffsüchtigen besten Freund in die Slowakei nach. Dort, auf dem ehemaligen Gut der Steiners, wird dann in einem schmerzlich lang gezogenen finalen Showdown, das dann letztlich gar nicht so schockierende Familienschicksal endlich offenbar.

Der junge österreichische Schriftsteller Constantin Göttfert sticht hervor aus der Masse junger deutschsprachiger Gegenwartsautoren und Schreibschulabsolventen, (Göttfert selbst studierte einige Zeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.) Er vermag souverän, beinah altmeisterlich zu erzählen und vor allem zu beschreiben. Göttfert weiß, wie die Dinge heißen, über die er spricht, sei es die Handschale, die Butzenscheibe oder Gamsbarthüte. Hinzu kommt noch das charmante und auch um einige Nuancen facettenreichere österreichische Deutsch. Hier verliebt man sich nicht, man verschaut sich, die Tür wird entsperrt und Tomaten heißen Paradeiser. Und selbstredend darf es keinen Kuchen ohne Schlagobers geben.

Nationalstolz und Fremdenhass im Gewand des Austrofaschismus sind die zentralen Themen in Göttferts Roman. Eindrücklich schildert er die doch recht eigenartige Dialektik aus Angst vor der Invasion von denen da drüben einerseits und dem Raubtourismus andererseits. Die Flüchtlinge aus dem Osten sind den Österreichern nicht willkommen, Fahrten nach Gratislava (Bratislava) oder Fressburg (Pressburg), sowie der billige Sex wiederum, werden gerne in Anspruch genommen. Dass Göttfert dabei seinen Erzähler Martin immer wieder den moralischen Zeigefinger erheben und ganz schockiert sein lässt, ist schade. (Ohne es zu wissen, hatte ich als Kind in einem ehemaligen KZ gespielt.) Denn durch diese Schwarz-Weiß-Malerei bleibt der Autor selbst in eben jenem Denken gefangen, das gerade den Faschismus konstituiert und auszeichnet: hier der böse Nazi Steiner einerseits, dort der arme Tropf und das Unschuldslamm Martin.

Dadurch wirken die gezeichneten Figuren zuweilen auch etwas unplastisch bzw. hölzern. Jeder bleibt bis zuletzt in seiner Rolle und zeigt nicht die Ambivalenzen, die gerade unser Menschsein ausmachen. Interessanterweise ist es auch eben jener Mangel an Komplexität, der die Protagonisten so schwer verständlich macht: Warum bleibt Ina bis zu Letzt allen, vor allem ihrem eigenen Kind gegenüber so kalt und ungerührt? (Manchmal verstehe ich nicht, was ich damit soll.) Was erhofft sich der Erzähler von dieser permanent hysterischen Frau und warum läuft er ihr ohne sein Tun ein einziges Mal zu hinterfragen hündisch ergeben hinterher?

Einzelne Szenen wiederum sind köstlich, wie z.B. jene in der die Nazis nach Limbach kommen, um den Karpatendeutschen ihr Deutschtum näher zu bringen:

Und mit den Worten „Wir werden jetzt tanzen“ stiegen vier weitere Männer auf die Bierkisten. „Wir werden tanzen wie Deutsche!“ Sie schleppten eine Tuba und eine Zugposaune auf die Bühne, eine Oboe. Fünf Musiker standen jetzt dort, alle in Kniestrümpfen, wie der erste sie getragen hatte und Lederhosen mit Gamsbarthüten auf den Köpfen und ledernen am Rücken gekreuzten Hosenträgern über den weißen Hemden. Obwohl die Männer immer wieder behauptet hatten, das seien karpatendeutsche Traditionen, konnten sich nicht einmal die ältesten Limbacher daran erinnern, dass sie je solche Kleidung getragen hätten.

Die Vorliebe zu und das Talent für ausführliche Beschreibungen und Nebenhandlungen haben Steiners Geschichte zu einem umfangreicheren Buch anwachsen lassen, als es notwendig gewesen wäre. Die eigentlich spannende Geschichte hingegen, Steiners Zeit nach der Vertreibung, wird auf nur wenigen Seiten abgehandelt, was schade ist. Insgesamt häufen sich zu viele Handlungsfäden, die ins Nichts führen. Göttfert kann erzählen, der Stoff ufert ihm aber mitunter aus.

So ist mit Steiners Geschichte ein Buch über ein noch wenig beleuchtetes Kapitel deutsch-österreichischer Geschichte entstanden, das man vor allem an sehr langen und dunklen Wintertagen lesen sollte.

Constantin Göttfert
Steiners Geschichte
C. H. Beck
2014 · 479 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-406-66757-2

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