Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
x
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

gro-wrü-gri

Hamburg

Nähern sich Lyriker einem Tier an, ist ein gerüttelt Maß an Projektion im Spiel – da wird lieblich, tapfer und durchtrieben genannt, was selbst solcher Begriffe ermangelt und durch sie schwerlich getroffen ist. Biologen aber nähern sich zuweilen so, daß zuletzt vom Tier nur die Methodik erkennbar ist. Und man könnte nun über dies Aporie und eine Sprachlosigkeit in den Worten sinnieren – oder eine natur- und kulturwissenschaftlich durchdachte Art von Porträt verfassen, die „Naturkunden” in Beziehung setzt, auf daß die Spannung das, was sei, verrate.

Genau dies tat Cord Riechelmann, der den Krähen einen schmalen, eleganten Band widmet, worin zwar Fakten, aber auch Befindlichkeiten listig arrangiert etwas ergeben, das eben keinem Klischee und keiner Methode gehorcht. Wie die Krähen, die gerne Unsinn treiben (was schon eine Projektion ist, gewiß), so ist auch dieser Band verspielt und gleichsam widerborstig.

Raben sind unbeliebt bei den einen, bei den anderen als Begleiter beliebt. Zweitere waren zunächst die Wikinger, die als Begleitung der Raben wohl deren Popularität bei ersteren schmälerte. Die Krähe beginnt dialektisch, was unseren Kulturraum betrifft. Und derlei generiert Mythen. „Insofern lügen die Mythen nicht”, wie Riechelmann schreibt, wir haben Raubzug nebst Raubzeug. Raubzeug „war [...] der jagdgesetzliche Ausdruck für die Schädlinge schlechthin” und „genoss im Unterschied zu »Raubwild« wie Mardern und Füchsen nicht mal eine Schonzeit.”

Das änderte sich mit dem Schutz der Singvögel – ihnen sind die Krähen zuzurechnen, was den naturverbundenen Jägern offenbar nicht klar war. Sie fanden sich überrumpelt, der Mythos, der die corvidae, wie die Krähenvögel wissenschaftlich heißen, als Todesvögel, aber auch sehr schlaue Gesellen kennt, sei jedenfalls wahrer als jener vom Jäger, der klug und mit Umsicht vor allem Hege betreibt, so mutmaßt der Autor.

In der Folge wird den Raben gefolgt: durch das, was man nur unvorsichtig die Realität nennt, aber auch Projektionen wie Beobachtungen, Konrad Lorenz wird – kritisch – zitiert, Deleuze und Guattari werden konsultiert, besonders Bernd Heinrichs Ravens in Winter ist dabei von Gewicht, nicht zuletzt, weil auch jener einen Dialog von Mythos, Kulturgeschichte und Biologie arrangiert und moderiert.

Im Lichte all dessen wird die Natur – und womöglich auch Kultur – der Krähen geschildert, mit einem stets unkitschigen Einfühlungsvermögen, denn nicht jeder empfundene Rabe ist „ins Bild gekrümmt”, wie es von einem Rabenporträt von Elizabeth oder John Gould einmal heißt, es gibt auch eine „stimmige Spiritualität”: Sie entwickelt Riechelmann anhand von Werkzeuggebrauch wie jener Idee, „Nester mit Drahtkleiderbügeln zu verstärken”, aber auch „Spiel im engsten Sinne des Wortes” (Lorenz), anhand von Traditionen, Interaktion inklusive einem „gro-wrü-gri” und allerlei mehr; all das, „eine Formation des Tierwissens”, wie der Verfasser es beschreibt, wird geschildert, mit Blick auf den Kolkraben, die Elster, die Saatkrähe, die Neukaledoniakrähe und noch einige mehr, die übrigens zuletzt noch jeweils kurz beschrieben werden.

Alles in allem: ein schönes, ein lesenswertes Buch. Danach sieht man – falls man nicht schon zuvor die Schönheit dieser Vögel erahnte – die Welt in einer ganz neuen Vogelperspektive.

/news_cover_pics/msb_vorschau_nk-h13-deckblatt.jpg
Die Reihe Naturkunden bei Matthes und Seitz

Cord Riechelmann · Judith Schalansky (Hg.)
Krähen
Matthes & Seitz
2013 · 155 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-88221-048-4

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge