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Kritik

Dialektik des Unvermögens

Hamburg

Mit »mindestens einen der weißen wale« skizziert Cornelia Travnicek ein dichterisches Programm der Unsicherheiten. Ihre Sprachkritik scheint alternativlos und wirft die Frage auf, ob ihr Problem nicht darin besteht, sich vor längst gelöste Probleme zu stellen.

In der Literaturgeschichte wurde ausgiebig gejammert. Meistens eher auf niedrigem als auf hohem Niveau. Philipp Lord Chandos jedoch, der zumindest war ein Qualitätsjammerer. Das bewies er 1603 mit seinem Brief an Francis Bacon, in dem er sich dafür entschuldigte, vom literarischen Schreiben abgerückt zu sein. 26 Jahre jung und schon so desillusioniert zeigte sich der Blaublüter, dem nichts mehr so recht gelingen wollte und dem die Worte im Munde zerfielen wie »modrige Pilze«. Die Sprache mit all ihren abstrakten Begriffen gebe ihm keinen Halt mehr, schrieb Chandos, er könne sich in ihr nicht mehr ausdrücken, sondern nur noch erleben und das schlecht schriftlich übermitteln, wie er ziemlich präzise schriftlich an Bacon übermittelte. Darin liegt der geniale Twist dieses Briefes: Dass er seinen Gegenentwurf bereits in sich trägt. Chandos jammerte nicht nur auf hohem Niveau, das Jammern war nur vorgeschoben.

Nun ist ein Schriftsteller, der sich fühlt, »als bestünde [sein] Körper aus lauter Chiffren, die [ihm] alles aufschließen« gerade dann ein interessanter, wenn er obendrein noch erfunden ist. In diesem Fall von Hugo von Hofmannsthal, der den fiktiven Brief Anfang des 20. Jahrhunderts verfasste, zu einer Zeit akuter literarischer und philosophischer Sprachkritik, die sich nach außen hin über die Möglichkeiten ihres eigenen Mediums pessimistisch zeigte. Stéphane Mallarmé hatte nur ein paar Jahre zuvor von einer »fundamentalen Krise« gesprochen. Eine »köstliche fundamentale Krise« indes. Mallarmé und von Hofmannsthal einte, dass sie das neu aufgeflammte Misstrauen in ihr Medium als Chance nutzten, dieses neu anzugehen und Alternativen zu entwerfen.

Wenn Cornelia Travnicek in mindestens einen der weißen wale das Gedicht »WENN ICH DICH NUR BERÜHREN KÖNNTE« mit den Zeilen »kein wort mehr / müsste man schreiben« ausklingen lässt, dann wirkt das, mehr als ein Jahrhundert nach Mallarmé und von Hofmannsthal, ziemlich resignativ. Die Berührung – einerseits als physische, andererseits als emotionale – scheint sich die Mittelbarkeit zu verbieten. Es ist das Leitmotiv des Bandes. Aus vier Kapiteln setzt sich das Lyrikdebüt der als Prosaschriftstellerin bekannt gewordenen Österreicherin zusammen. Sie alle eint ihre innere Zerrissenheit. Im ersten liegt der »DUFT DES SOMMERS DER NICHT KOMMEN WILL« in der Luft, das zweite kreist um die schwer kommunizierbaren Leiden einer Depression, das dritte versammelt Liebes(enden)gedichte und das vierte gräbt sich tief in eine Geschichte ein, die von der Erfahrung des Holocausts geprägt ist, einem unaussprechlichen Grauen.

Travniceks dichterisches Programm ist eines der Unsicherheiten, ihre Sprache schaut sich selbst beim Scheitern zu. »a m ende bleibt zwischen uns immer ein wenig mehr als haut«, heißt es im programmatischen Auftaktgedicht zum dritten Kapitel. Auch wenn in Travniceks Gedichten viel von Lippen die Rede ist, so finden die weder in Küssen noch mit Worten zueinander. Stattdessen bleiben die Differenzen in einer Dialektik des Unvermögens suspendiert und unüberbrückbar. Was für Chandos der Geschmack modriger Pilze, das ist im Hin und Her zwischen Ich und Du bei Travnicek das Gegenüber, welches unerreichbar, unberührbar bleibt. Und das in einer Zeit der ständigen Erreichbarkeit, in welcher kein Geheimnis lange eines bleibt. Denn »einer alleine macht noch keine beziehung«, wie es heißt. Das gilt auch für Kommunikation. Erst recht für unsere Zeit, über ein Jahrhundert nach Mallarmé und von Hofmannsthal.

Doch es ist eine Welt abseits der digitalen Massenkommunikation und einer zum Lebensmodus geronnenen Entfremdung, die das Ich in Travniceks mindestens einen der weißen wale bereist, von Wien bis an vereiste Küsten, von der Isolation des Selbst in die Stagnation der Zweisamkeit bis hin zu kaum vermittelbaren Gräueltaten vergangener Tage. Die Gegenwart scheint gar nicht stattzufinden. Vielleicht liegt darin Travniceks Gegenentwurf zu der fundamentalen Krise, von der ihre sprachkritisch motivierte Lyrik erzählt, ganz sicher aber auch ihr Problem. »denn wenig gilt was nicht greifbar ist«. Obwohl sich die Texte redlich um bildliche Dichte bemühen, bleiben sie ephemer und alternativlos. Wenn ein Wir auftaucht, legen sich beide »einander gegenseitig / ans herz (…) / weil uns vor dem morgen graut«. Das Miteinander ist bei Travnicek höchstens ein opportuner Kompromiss, kommt einer gemeinsamen Kapitulation gleich. So lässt es sich miteinander aneinander vorbeileben.

Es mag einerseits eine Leistung sein, dass die Gedichte aus mindestens einen der weißen wale ihre inhärente Krise vorführen können, denn es viel gilt, was greifbar ist. Doch Travniceks Umschiffung zeitgenössischer Kommunikationsprobleme, wirft die Frage auf, ob sie nicht Probleme aufruft, die längst gelöst wurden. Und ob das nicht ihr eigentliches Problem ist.

Cornelia Travnicek
mindestens einen der weißen wale
Berger Verlag
2015 · 64 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
978-3-85028-686-2

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