Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Kiepenheuer & Witsch,  Tijan Sila,  Tierchen unlimited
x
Kiepenheuer & Witsch,  Tijan Sila,  Tierchen unlimited
Kritik

Die geschwollenen Stirnadern der Konzeption

Hamburg

„Juicy transversions“ lautet der Untertitel dieses Bandes und man kaut ein wenig an der korrekten Übertragung ins Deutsche  herum: Während „juicy“ mit all seinen Bedeutungsfacetten von saftig bis schlüpfrig einen breiten Verständnishorizont offeriert, beißt man sich an „transversions“ eher die Zähne aus: Übersetzungen ist zu eng gefasst, Übertragungen sind es auch nicht, es handelt sich wohl eher um Variationen, die das Gedicht in der Originalsprache zum Anlass eigener Transfer-Versionen nehmen. Transfer? Wohin? In andere Sprachen. Denn die deutschen Gedichte von Crauss werden in diesem Band von verschiedenen ÜbersetzerInnen in neu weitere Sprachen übertragen. Nimmt man moselfränkisch als eigene Sprache hinzu, sind es sogar zehn. Ein Projekt babylonischer Sprachverwirrung? Oder eine überambitionierte Polyphonie? Wohl eher letzteres. Denn welchen zusätzlichen Erkenntniswert hat es für den gutwilligen Lyrikleser, der im Durchschnitt vielleicht zwei oder drei Sprachen gedichtlesereif beherrscht, auf fünf weitere Sprachen zu stoßen, die ihm nichts sagen? Zumal die Komposition des Bandes auch nicht einheitlich ist. Manche Crauss-Gedichte werden z.B. nur ins Englische übertragen, andere ins Russische und Italienische, manche Gedichte werden auch gar nicht „transversiert.“ Vielleicht repräsentiert dieser  Gedichtband die Vereinigten Poesiestaaten von Europa mit Kopfhörern, aus denen die Stimmen der Synchron-Dolmetscher strömen. Schließlich ist Mehrsprachigkeit das Konzept des Verlagshauses J. Frank, in dessen Reihe „Edition Polyphon“ dieser Band herausgekommen ist.

Entsprechend programmatisch geht es auch auf dem Schmutztitel zur Sache: „Juicy transversions making your dick ache“ steht da als Motto. Hoppla, da greift sich der Lyriker rhetorisch noch mal ostentativ in den Schritt, um die Verhältnisse zu ordnen, bevor es mit der Poesie losgeht. Man fragt sich unwillkürlich, was das soll: Präpotenter Automatismus á la Michael Jackson, in dessen Choreographien dieser Griff ja wiederholt gleichsam als gestisches Tourette-Syndrom auftauchte? Oder doch eher vitale Kraftgebärde? Wohl auch hier eher letzteres, denn Crauss mag Gedichte mit Sätzen, die breitbeinig  da stehen, strotzend und doch zugleich lässig wie von Wondratschek oder Bukowski. Da darf ein Gedicht auch mal ganz profan „Die Welt ist ein Penis“ heißen und das dann auch zum Thema machen. Es beginnt dem Satz „ich habe eine frau gekannt/ die schrieb liebesbriefe an den schwanz ihres vaters“, eine Aufzählung erotischer Fantasien folgt, bevor es endet: “und ich drehte mich langsam um/und war erleichtert zu sehen/dass mein bett/leer war/in dieser Nacht//“, womit sich die Reibefläche dieser Imaginationen entlarvt: das Alleinsein.  Auch die in dem Kapitel „Akte III“ versammelten Gedichte zehren zumeist von vitaler, deftiger Sexualität, die in ihrer unverstellten Derbheit oft an den römischen Erotomanen Catull gemahnt, dessen Gedichte nach eigenem Bekunden „ganz Schwanz“ waren. Crauss kann’s aber auch weitaus subtiler:

Die unversehrten Zentimeter

also hatten wir uns nach dem wein noch einiges
vorgenommen für den nächsten tag.
er lag da, ich flüsterte ihm: wenn
du sie schon nicht mehr retten kannst,
deine arme haut, biete sie
feil, verkaufe dich schnell, verkauf dich,
solange die blauen flecke noch frisch sind, blass noch.

Um im Bild zu bleiben: eine mit feinem Strich gezeichnete Situation. Insgesamt bestimmt stilistischer Vielklang die Lyrik des Siegener Dichters: Ein Gedicht wie „Mehr“ (dirty version) kann mit seiner Erzählhaltung  und seiner Binnenreimstruktur auf jedem Poetry Slam reüssieren, das Poem „CFFM_Delphi“ hat fast etwas Hermetisches, andere Gedichte wieder wie „Junges Ding vom Einkauf nach Hause“ kommen im lakonischen Parlandoton daher. Pop. Hip Hop, und Rap sind – neben anderen Einflüssen – die Referenzkulturen dieser Lyrik, die bei allerlei kraftmeierischen Posen doch insgesamt frisch und unverbraucht wirkt. Umso unverständlicher die Komposition dieses Bandes, diese prätentiöse Mehrsprachigkeit, die nicht erhellend wirkt, sondern nur dem Pump up the volume-Prinzip zu dienen scheint. Man merkt allzu sehr die geschwollenen Stirnadern des Konzepts, das den im Grunde anstrengungslosen, leichtsinnigen Gedichten von Crauss einiges an Faszination nimmt. Die Übertragung in die „10 notwendigen Sprachen“ ist eine nur behauptete, nicht belegte Notwendigkeit. Dennoch überwiegen die Stärken des Bandes: „Lakritzvergiftung“ heißt er. Die Symptome von Lakritzvergiftung in medizinischer Hinsicht sind Bluthochdruck, Schwindelanfälle, Herzrhythmusstörungen. Nach der Lektüre der lyrischen „Lakritzvergiftung“ muss man zwar bisweilen süßlich aufstoßen, Lakritz ist eben eine Süßholzwurzel, Crauss aber kein Süßholzraspler. Seine Gedichte haben etwas von dieser lakritzhaften Schwärze, als hätten sie zuviel Nacht genascht. Oder wie es der Lyriker selbst sagt: „Mein kopf ist ein nachtclub.“

Crauss
LAKRITZVERGIFTUNG
juicy transversions
Illustration: Juliane Pieper
J. Frank
2011 · 180 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-940249968

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge