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Kritik

Das ästhetische Element

Hamburg

 Es kommt leider nicht mehr allzu oft vor, dass Dichter sich in aller Direktheit den wortwörtlich elementaren Themen widmen. Viel zu groß ist die Gefahr, in die allseits gefürchtete Pathosfalle zu laufen und von Lesern, Kritikern und Kollegen als „unmodern“ verurteilt zu werden. Schlimmer wiegt da fast nur noch das Massenvernichtungslabel der Kunstkritik: Kitsch. Umso erfreulicher ist es da, wenn es trotzdem Dichter gibt, die sich solchen Themen widmen und beweisen, dass man nicht zwangsläufig daran scheitern muss.

Crauss hat mit seinem neuen Gedichtband SCHÖNHEIT DES WASSERS eine Art literarisches Konzeptalbum über, der Titel sagt es, das Wasser vorgelegt. Mit Texten, die das ästhetische Potential des nassen Elements ausloten, ohne dabei ausschließlich von der Erhabenheit des Meeres zu schwadronieren. Es geht nicht um Naturlyrik im klassischen Sinn, es geht darum Wasser als Reflexionsmedium fern seiner glitzernden Oberfläche begreiflich zu machen. Natürlich kann dabei nicht gänzlich auf etwas Pathos verzichtet werden. Sogar Trakl-Vokabeln wie „herbstseelenflut“ finden sich in den Texten. Nie jedoch ohne eine Brechung, die sich mal als besinnender Seufzer, mal als ironisches Kichern verstehen lässt. Mitunter schafft es Crauss sogar der geheimnisvollen Anziehungskraft des Ozeans etwas Arroganz anzudichten.

lichtperlen, diamantene blitze, bewegt
unbewegtes seebild. sei es bei nacht,
sei es am abend: es glänzt souverän,
und braucht keine BETRACHTUNG.

Wie sehr sich Crauss der erwähnten Fallstricke des Themas bewusst ist, beweist er, indem er sie fast in der Manier Heines entlarvt und in seine Texte integriert. So bleibt von dem Traum, die Welt mit einem Schiff hinter sich zu lassen, manchmal nur „das romantische rauschen der heizung.“ Überhaupt spielt sich in SCHÖNHEIT DES WASSERS nicht alles am Meer ab. Ebenso bieten die Texte eine breite Palette an Stimmungen und Gefühlen, die in der Summe jedoch einen melancholischen Grundton wahrt. Eine der größten Überraschungen des Bandes ist es, dass es eine gewisse Düsternis in Crauss‘ Texte geschafft hat, die man so nicht unbedingt von ihm gewohnt ist.

WASSER BELEBT wieder das dorf
der toten, dringt an sie und schmeichelt,
fängt sich in den fluren
leerstehender häuser, durchwirkt sie,
bricht aus und bringt in bewegung,
was stein war und steinsteifes bein
seit der letzten herbstseelenflut:
unablässige schwemme. hilflose wesen.

Doch ähnlich wie im Falle von Erhabenheit und Pathos schafft es Crauss auch den melancholischen Momenten des Bandes ein mitunter selbstironisches Gegengewicht anzuhängen.

SCHIEBEN SICH SCHLANKE HERREN
achter elegant aneinander heran,
zäh aneinander vorbei. wer kommt
in führung, wer hält den vorsprung.
ich folge, verweichlicht vielleicht,
dem strecken und rudern nicht weiter,
verschwinde im wald,
mich mit dem bären zu messen.

SCHÖNHEIT DES WASSERS ist ein wunderbarer Gedichtband, der sich in „66 pseudoromantischen kalligraphien“ dem nassen Element widmet, ohne auch nur ein einziges Mal zu langweilen. Ein Band, dessen Poesie zugleich sparsam, klar und doch sehr anmutig ist.

Crauss
Schönheit des Wassers
66 pseudoromantischen Kalligraphien
Verlagshaus J. Frank
2013 · 80 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-76-0

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