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Kritik

„stilleben mit verderblichen gütern“

„auf dem werksgelände leben. die in sich zurücklaufende quelle…. das herz zahlt die leber.“ Mit diesen Worten beginnt der Gedichtband „Bancor“ von Daniel Falb,  der 2009 im Kookbooks Verlag publiziert wurde, und in diesem Vers scheint bereits ein Großteil des poetischen Konzepts des Autors begründet zu liegen.

„auf dem werksgelände leben“ bezeichnet das Montierte, das den Texten Falbs zu eigen ist: Poesie als Skulptur aus zusammengeschweißten Versatzstücken. Kurzsätze, die nebeneinanderstehen, die Bedeutung aus der Komposition, aus der Konfrontation mit den anderen Versatzstücken gewinnen. Gedichte als lakonisch aneinandergereihte, zumeist kurze, trockene in den Raum geworfene verbale Bruchstücke.

Falbs Texte scheinen Fragment zu sein. Sie beginnen plötzlich und enden ebenso abrupt, werfen die Frage auf, ob sie noch fortsetzbar wären, ohne den Eindruck von Beliebigkeit zu erwecken. Auch hierin spiegelt sich der Werkstattcharakter der Texte wieder, weil häufig die Frage im Raum steht, ob die Schweißnaht des letzten Verses wirklich einen Abschluss bildet.

„die in sich zurücklaufende quelle“ ist eine für Daniel Falb typische Kontradiktion. Die Unmöglichkeit, dass eine Quelle in sich selbst zurücklaufen kann, verdeutlicht, dass es dem Autor bei seinen Gedichten nicht um ein Abbild der Realität geht. Die Texte erschaffen Wirklichkeit nicht, indem sie einen Assoziationsraum für den Leser aufspannen, dazu sind sie in Bezug auf das Wortmaterial zu disparat, sondern stellen Großmetaphern einer zerfallenen Realität dar.

Dass die Quelle in sich selbst zurückläuft, kann auch auf die Sprache bezogen werden. Wenn ein Autor sprachliche Versatzstücke nebeneinander montiert, um durch deren Kontrast einen Effekt zu erzielen, wird das einzelne Wort wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Worte, die sich aufgrund von Kommunikationssituationen im Sprechakt z.B. als Satz konstituieren, stehen so wieder deutlich erkennbar als Einzelwort da. Die Sprache, die auf diese Weise hervorgehoben werden soll, ist die Sprache einer postindustriell ausdifferenzierten Hochleistungsgesellschaft, mit ihren feststehenden Redewendungen und Floskeln (länderpavillon, marktpreis, verabschiedungsreife, versorgungsengpass usw.).

die messbare tiefe der organisation, die uns animierte. den urmeter
prüfen. die häuser bestehen aus kuchen.

montagne sainte-victoire's twenty four expiring versions per time
unit. beachte das frischedatum der umgebenden dinge.

die natur produziert fertiggerichte. durch öffentliche ämter mithin
geht das geerntete, geht das körpergewicht bekleidet hindurch.

wir lagen übereinander, in der generationszeit. auf mir befand sich
ein präsident und die endlose reihe seiner lebendigsten darsteller.

sagt eine erbse zur andern. die nachschublinien sind über und über
mit wohngebieten bedeckt. rasen aus bürgerbüros.

wenn strukturen auf die straße gehen, was ist dann die straße. und
das obst, am strauch sekundenlang optimal konserviert.

ich zahlte in der lebensmittelabteilung und bekam das geld am auto-
maten zurück, das an den bäumen wächst.

„das herz zahlt die leber“ verweist auf den nüchternen Ton der Gedichte. Falbs Ellipsen und Kurzsätze transportieren wenig Sinnlichkeit, weil das Wortmaterial des Dichters so spröde ist. Die Leber steht als Organ für Entgiftung und in der Tat scheint es dem Autor um eine Art sprachlicher Entgiftung zu gehen. Indem der Sprachmüll unserer Zeit in nicht adäquaten Zusammenhängen gebraucht wird, tritt seine Fragwürdigkeit in besonderer Schärfe hervor. In einem Text voller Beamtendeutsch fällt ein einzelnes Wort in Beamtendeutsch nicht auf. Es springt dem Leser erst dann ins Auge, wenn es mit anderen Worten kontrastiert wird, die gerade nicht dieser Sondersprache zuzuordnen sind. Das macht uns bewusst, mit welchen verbalen Stilblüten wir tagtäglich zu tun haben.

Das lyrische Ich steht in den Gedichten im Hintergrund, wird gelegentlich aufgrund der Benutzung des Personalpronomens ich sichtbar, löst sich aber auch in einem wir auf. Auch wenn es als ich oder wir in Erscheinung tritt, steht es in einem distanzierten, registrierenden Verhältnis zu dem, was in den Versen mitgeteilt wird.

In der Wirklichkeit wie in den Gedichten Daniel Falbs steht der Mensch im Mittelpunkt einer sprachlich reflektierten, disparaten Realität. Dabei ist die Inkohärenz der Sprach- und Wirklichkeitsebenen, in denen wir leben, unverkennbar, vielleicht unvermeidbar, weil wir in einer Zeit des Zerfalls leben. Deshalb scheitern wir an den Gedichten Daniel Falbs wie an der Wirklichkeit. Auf die Dauer ermüdet das den Mensch und den Leser.

Daniel Falb · Daniela Seel (Hg.)
Bancor
Zeichnungen: Andreas Töpfer
Kookbooks
2009 · 56 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-937445397

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